Der Einfluss von Tik Tok auf die Buchbranche

Tik Tok ist im Vergleich zu anderen Plattformen einen relativ neue Social Media Plattform, denn sie besteht seit 2016. Seitdem ist sie stetig gewachsen und mittlerweile ist sie nicht nur eine Möglichkeit, kurze, witzige oder interessante Videos zu posten, sondern auch ein wichtiger Teil des Buchmarketings.

Tik Tok Nutzer*innen und Genres

Die meisten Nutzer*innen von Tik Tok gehören einer jüngeren Zielgruppe an, die verbreitesten Genres sind Romance und Fantasy sowie Young Adult. Also genau die Gruppe von (weiblichen) Leser*innen, die seit jeher für ihre Leidenschaft und Vorlieben abgewertet werden. Gerade bei diesen Genres funktioniert Tik Tok so gut, weil es eine sehr a) visuelle, b) schnelle und c) emotionale Plattform ist. Die kurzen Videos (früher 15 Sekunden, mittlerweile auch bis zu 60 Sekunden oder mehr) sollen unterhalten, lehren, ästhetisch und/oder interessant sein. Romance lebt von Gefühlen genauso von Tik Tok von Videos, in denen Leser*innen ihre Tränen nach der Lektüre zeigen oder wie sie von Bookboyfriends schwärmen. Und Fantasy Bücher werden mit der richtigen Musik, ästhetischen (hoffentlich lizenzfreien oder gekauften) Bildern nur noch epischer. Natürlich gibt es auch viele Thriller oder Sachbuch Leser*innen auf Tik Tok, aber Romance und Fantasy für eine jüngere Zielgruppe ist am verbreitesten und die Plattform bietet andere Formen neben Worten, um Gefühle und Magie lebendig werden zu lassen. Letzten Monat wurde auch ein offizieller Buchclub angekündigt.

Deutsche Verlage auf Tik Tok

Tik Tok als Social Media Plattform neben Instagram, Twitter, Facebook und Youtube haben auch Verlage für sich entdeckt. Wie im vorherigen Absatz erklärt, sind es Verlage, die größtenteils für eine jüngere Zielgruppe veröffentlichen bzw. auch im Romance und Fantasy Genre. DIY Themen und Sachbuchverlage sind nochmal eine ganz andere Bubble und es sind auch noch längst nicht alle Verlage auf Tik Tok angekommen. Denn natürlich bedeutet jede weitere Plattform für die Marketing Abteilung viel Arbeit. Content muss geplant werden, Videos drehen und bearbeiten sind auch keine Sache von fünf Minuten. Und dann ist es mit Posten nicht getan, Kommentare sollen beantwortet werden und nach einer gewissen Zeit gilt es die Inhalte zu analysieren, damit Zeit (was immer auch Geld bedeutet) nicht einfach verpufft, sondern tatsächlich hilft, die Ziele zu erreichen. Die Ziele können dabei ganz unterschiedlich sein, wenn Verlage aber zum Beispiel ihre Community aktivieren und stärken wollen, müssen sie wissen, was diese sehen will und mag.

Deutsche Verlage auf Tik Tok

Der erfolgreichste Verlag von allen ist der Loewe Verlag. Warum das so ist, während andere Verlage auch Bücher veröffentlichen, die auf Tik Tok beliebt sind oder ähnliche Videos, kann ich nicht beantworten, weil ich nicht in dem Bereich arbeite und mich auch privat oder im Bloggerbereich zu wenig mit Tik Tok beschäftige. Und was online auch wichtig ist, dass sich nicht immer alles ganz genau begründen und analysieren lässt, weil viele verschiedene Faktoren zum Erfolg dazugehören. Der aktuelle Erfolg der Heartstopper Verfilmung auf Netflix wird aber sicherlich auch dazu beigetragen haben, denn der Verlag zieht die Veröffentlichung der Bücher vor.

Tik Tok (Erfolg) als Verkaufsargument

Tik Tok gewinnt in der Buchbranche in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung, letztes Jahr gab es auf der Frankfurter Buchmesse eine Masterclass von Saskia Papen (PastellPages) zu „How to BookTok – wie die Leidenschaft für Bücher auf TikTok zelebriert wird“. Die zuvor genannten Verlage haben ihre Accounts nicht sein Beginn der Plattform, sondern seit sie Tik Tok nutzen können, um (gerade jüngere) Leser*innen und Menschen zu erreichen, die sie über den Buchhandel, Instagram oder Youtube nicht erreichen. Das haben in den USA auch Verlage erkannt, bei denen „Tik tok made me buy it“ und Ähnliches in den Überschriften auf Verkaufsplattformen wie Amazon steht, um die Reichweite und Aufmerksamkeit auch da zu nutzen, obwohl solche Marketingsätze laut Amazon Richtlinien nicht erlaubt sind, was aber seit jeher ignoriert und auch nur selten tatsächlich bestraft wird. Das hier sind nur ein paar Beispiele:

Tik Tok made me buy it Beispiele
Tik Tok in Buch-Überschriften Beispiele
Tik Tok in Buch-Überschriften Beispiele

Nicht nur online ist Tik Tok als Kategorie angekommen, wie auf der Thalia Seite bei den englischen Büchern als eigenständige Booktok Kategorie (siehe hier), sondern auch im Einzelhandel. Neben den üblichen Warenkategorien und Büchertischen zu besonderen Themen und Anlässen gibt es in Buchhandelsketten Tische und Regale mit Booktok Büchern.

#Booktok Tisch im Hugendubel am Karlsplatz, München.

Das ist nur ein Beispiel aus einer Hugendubel Filiale in München, die gibt es aber auch bei Barnes und Nobels und in weiteren Buchhandlungen (siehe hier).

Späterer Erfolg durch Tik Tok

Erfolg ist ganz unterschiedlich definierbar und wer Erfolg ganz allein in begeisterten Leser*innen misst, wird Verkaufszahlen als zweitrangig empfinden, aber hohe Verkaufszahlen sind zumindest ein messbarer Wert, um Erfolg zu definieren. Bücher haben meistens eine gewisse Halbwertszeit, Neuerscheinungen sind nach einem Jahr weniger relevant als nach einem Monat. Doch durch TikTok können auch Bücher Jahre nach Erscheinen nochmal viele Leser*innen erreichen und zumindest wirtschaftlich gemessen erfolgreich sein. Zwei Beispiele dafür sind folgende Romane, dessen Erfolge auch Auswirkungen auf den deutschen Buchmarkt hatten:

  • We were Liars von e. lockhart wurde 2014 veröffentlicht und verkaufte sich durch die erneute Aufmerksamkeit auf TikTok deutlich mehr als zu Erscheinen und der Ravensburger Verlag legte das Buch dieses Jahr neu auf und veröffentlicht im Herbst zusätzlich die Vorgeschichte.
  • Das Lied des Achilles von Madeline Miller erschien ebenfalls vor gut zehn Jahren 2012, schaffte es aber auf die New York Times Bestsellerliste. Der Deutsche Hashtag hat auf Tik Tok 88,2k Aufrufe, der englische 224,6M Aufrufe (Stand 19.08.2022) Laut Verlag hat das Buch bei Erscheinen 20.000 Exemplare verkauft, nun wurde die 2 Millionen Marke erreicht. Das war für die Autorin auch gut, die seit Anfang der Pandemie mit Long Covid kämpft und so finanzielle Sicherheit für ihre Gesundheit und Familie gewonnen hat, um sich Zeit fürs Schreiben nehmen zu können.

Leiter der Online-Marketing Abteilung beim Loewe Verlag, Nicolai Lindner, sagte zu dem Erfolg durch TikTok 2021:

«Die sogenannten Booktoker haben im Vergleich zu bekannten Tiktok-Creatorn weniger Reichweite, daher führen einzelne Buchempfehlungen selten zu deutlich erhöhten Verkaufszahlen», schränkt er ein. «Gleichzeitige Empfehlungen von verschiedenen Booktokern können aber durchaus sehr viel Aufmerksamkeit bewirken, insbesondere für Neuerscheinungen.»

Wochenblatt Zeitung: Wie TikTok die Literaturlandschaft prägt

Verkürzte Inhalte auf Tik Tok

Auf Tik Tok gibt es keine ausführlichen Rezensionen, keine komplexen Inhalte, dafür sind die Videos zu kurz. Alles ist kurz und knackig, visuell und emotional, manchmal auch informativ, aber nicht zu viel. Ein großes Thema auf Tik Tok sind Tropes, also bestimmte Erzählstrukturen oder Klischees und Themen, die eine Geschichte beschreiben. Diese Art, mit Schlagworten und Tropes etwas über die Geschichte zu erzählen, gibt es seit einiger Zeit schon auf Instagram, wie es auch viele meiner Kolleg*innen und ich schon gemacht haben:

Instagram: Nina Bilinszki, mein Account, Evelyne Aschwanden

Auf Tik Tok sind die Dimensionen aber noch einmal anders, es muss noch kürzer und knackiger sein. Die Autorin Elena Armas, deren Buch „The Spanish Love Deception“ auf Tik Tok sehr beliebet ist (Erscheint Mitte Oktober bei everlove auf Deutsch), veröffentlicht im September diesen Jahres ihr neues Buch „The American Roomate Experiment„. Tropes und Schlagwörter sind eine gute Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf ein Buch zu lenken und mit wenigen Wörtern eine grobe Idee vom Buch zu geben. Denn das ist es, nicht mehr und nicht weniger. Ein Buch entsteht nicht durch Tropes und Vibes, sondern durch einen Plot und Charaktere, die eine Geschichte erzählen.

Ein Trope ist in etwa so viel wie ein Subgenre. „Du liest gerne High Fantasy? Du liest gerne Fake Dating? Dann ist mein Buch vielleicht etwas für dich.“ Und das bedeutet nicht, dass man diese Bücher automatisch lieben wird, nur das man die Leute findet, die sich für das Konzept interessieren. Ich selbst liebe z.B. Fake Dating, habe dazu schon dutzende Bücher gelesen und nicht einmal die Hälfte mochte ich. Übrigens auch nicht The Spanish Love Decepetion, das Buch hat mich schon am Anfang so genervt, dass ich die Leseprobe abgebrochen habe. Aber viele waren anderer Meinung, das Buch wurde erfolgreich und zum New York Times Bestseller. Es wird außerdem auch verfilmt. (Der Director hat auch die Buchverfilmung The Hating Game gemacht, die ich furchtbar fand, also bin ich skeptisch.) Nun kommt mit The American Roomate die Fortsetzung und bei den Vorabexemplaren sah die Buchrückseite etwas anders aus als sonst:

Bild von Twitter: @themoonismyname

Nun weiß ich natürlich noch nicht, wie das fertige Buch aussehen wird und ob die Trope Liste nur bei den Vorabexemplaren auf der Rückseite ist anstatt eines Klappentextes. Aber dass es diese Sondereditionen mit den Tropes überhaupt gibt, sagt viel über den Einfluss von Tik Tok und einer immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne mit dem gleichzeitigen Drang nach Aufmerksamkeit aus. Auch zu The Love Deception gab es auf Instagram Beiträge, aber die Beschreibungen beschränken sich gänzlich auf Tropes, fast nichts zu Setting, Charakteren, Plot oder dem Schreibstil. Hier ein paar Beispiele:

Ich habe mir monatelang den Kopf über die Klappentexte meiner Fantasy Trilogie zerbrochen und auch wenn ich mich auf die Tropes meiner zukünftigen (NA) Liebesromane riesig freue und sicherlich viel darüber reden werde, sollte das nicht das Einzige sein. Sonst können sich Autor*innen (und Lektor*innen) irgendwann die ganze Arbeit und Zeit sparen und auf die Rückseite von Vorabexemplaren einfach ein Haufen Tropes klatschen. Und so toll und interessant sie auch sind: Tropes sind keine Geschichten.

Der Fall Alex Aster und ihr YA Fantasy Debüt Lightlark

Die ganze Situation rund um die junge Autorin Alex Aster ist ein Mess. Schönreden kann man das wirklich nicht. Hier ein paar Grundinfos zusammengefasst:

  • Alex ist eine 27 Jahre alte Autorin
  • Tik Tok Follower: 948 tausend
  • Debüt: Band 1 der Middle Grade Emblem Island Dilogie mit überwiegend sehr guten Rezis im Juni 2020 und war dazu auch im lokalen Fernsehen
  • Literaturagentur: Jill Grinberg
  • Ihr Video zur Buchidee von Lightlark wurde auf Tik Tok 1,8 Mio. mal angesehen
  • Sie ist mit bekannten YA Autor*innen wie Chloe Gong befreundet und postet regelmäßig gemeinsame Videos
  • Lightlark wurde gepitcht als Tribute von Panem trifft auf Das Reich der sieben Höfe mit diversem Cast
  • Als Kind/Teenager drehte sie TV Werbungen mit ihrer Schwester für das Autounternehmen der Eltern (Das erste Video gibt mir übrigens starke Olsen Twins Vibes)
  • Vor 5 Jahren startete sie ihr eigenes Unternehmen mit der App sprinpop für tägliche motivierende Sprüche und nur gute Nachrichten. Die App gibt es mittlerweile nicht mehr.
  • Vor 3 Jahren führte sie für den Newsletter ihrer Schwester ein Interview mit der Bestseller-Autorin Ruth Ware, hatte also schon immer Kontakte in der Medien- und Buchbranche
  • Vor 2 Jahren veröffentlichte sie ihren Song Divine, der zum Tik Tok Tanz Song wurde und den auch eine der weltweit bekanntesten Tik Tokerinnen, Addison Rae, nutzte
  • Ihre Zwillingsschwester Danielle Pierson hat während ihrer Zeit als Business Studentin in Bosten einen eigenen täglichen Lifestyle Newsletter aufgebaut und hat vermutlich ein Millionenvermögem. Die Unternehmerin ist außerdem Mitgründerin der Mental Health Plattform Wondermind, zusammen mit Selena Gomez und Selenas Mutter Mandy
  • Ihr Cover-Reveal für Lightlark fand auf dem Times Square in New York City statt
  • Das Buch wird im August 2022 veröffentlicht, hat aber schon einen Film-Deal bekommen (Anmerkung: Nur weil die Rechte gekauft werden, heißt das noch lange nicht, dass es tatsächlich zur Verfilmung kommt, siehe Throne of Glass und Selection)

Auf Conventions wie dem YallWest in Santa Monica und der Comic Con in San Diego wurden unzählige Vorabexemplare an die Besucher*innen vergeben. Das Buch wurde von Alex intensiv durch Zitate, „Spice“ und Tropes auf Tik Tok beworben, wie Enemies to Lovers. Die ersten Rezensionen auf Goodreads sagen aber, dass manche dieser Zitate und Tropes fehlen. Das Marketing war also nicht ganz korrekt, Erwartungen konnten nicht erfüllt werden und Leser*innen, die fleißig vorbestellt hatten oder vorfreudig waren, fühlten sich betrogen. Den konkreten Ausmaß kann ich nicht beurteilen, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe, es erscheint übermorgen. Dass ein Buch nach Veröffentlichung anders ist als angepriesen, ist keine Seltenheit. Wie oft habe ich schon einen Klappentext gelesen und etwas anderes erwartet? Wie oft habe ich schon einen Thriller gelesen und gedacht, dass das kein Thriller ist? Wie oft wurde ein New Adult Liebesroman vermarktet, wo die Charaktere tatsächlich Teenager oder fast 40 Jahre alt waren? Genug, auch im deutschen Buchmarkt.

Alex hat gesagt, dass Szenen/Zitate gestrichen wurden oder fehlen, aber dann hätte sie damit auch nicht werben dürfen. Oder sie hätte ehrlich und ganz konkret klarstellen müssen, dass bestimmte Szenen oder Dialoge nicht in den Vorabexemplaren sind oder das fertige Buch doch nicht so spicy sind wie beworben.

All those moments are in there. Either not word for word, but there, or only in the final copy not the arc❤️

Quelle

und Kommentare wie diese nach der Enttäuschung gehen zu weit:

Luckily, BN has a 30 day full return policy for method of payment with receipt. And you can get store credit without it. And 60 days with a gift receipt.

Or you can go the deep satisfaction route and burn it with fire.

Reddit Thread

Mit Follower*innen gekaufter Buchdeal?

Diese Anschuldigen kommen auch in Deutschland jedes Mal hoch, wenn Autor*innen mit einer gewisser Reichweite oder Wattpad Erfolg einen Buchvertrag verkünden. Wird der Erfolg des Tik Tok Videos eine Rolle gespielt haben? Natürlich. Wie Autor*innen können auch Verlage nicht von Luft und Liebe leben, aber a) sind Follower*innen nicht gleich Buchkäufer*innen und die nicht gleich Leser*innen und b) kaufen Verlage keine Bücher, an die sie nicht glauben. Dann bringen die ganzen Follower auch nicht, die Bücher werden nicht genommen/eingekauft, wenn die Geschichte mangelhaft ist. Auch Beziehungen bringen bestenfalls Aufmerksamkeit und Kontakte, aber keinen Buchdeal, wie Victoria Aveyard auch nochmal in einem Video betont hat. So funktioniert die Filmbranche (u.a.), aber nicht die Buchbranche.

Der Verlag Amulet Books (übrigens keiner der Big Five in den USA) muss von der Geschichte überzeugt gewesen sein. Bestenfalls inhaltlich und wirtschaftlich. Viele Reaktionen, die ich zu der Situation gesehen habe, waren verbittert. So viele Autor*innen wollen ihre Geschichten veröffentlichen und bekommen Absage nach Absage, was nicht immer bedeutet, dass die Geschichte oder der Schreibstil nicht gut sind oder es dafür keine Zielgruppe gibt. Aber das Autorenleben ist gefüllt mit verdammt viel Frust, weil es zu wenige (Verlags-) Plätze für zu viele Autor*innen geben. Es ist ärgerlich, wenn Autor*innen mit (egal durch welches Medium) viel Reichweite haben und mit dieser Aufmerksamkeit Verlage erreichen und du selbst nicht. Aber was dabei oft vergessen wird ist, dass niemand mit Reichweite geboren wird. In jedem Social Media Account, Wattpad Geschichte oder Blog stecken viele, viele Stunden konstanter Arbeit.

Privilegien in der Buchbranche

Ein weiterer Punkt, der in letzter Zeit in die Kritik gezogen wurde, sind Alex Asters Privilegien. Sie ist mit ihren Eltern krankenversichert und Privilegien sind zum Beispiel finanzieller Support und Zeit (weil sie nicht neben des Studiums noch zwei Jobs arbeiten musste usw.). Das gibt es zuhauf. Autor*innen mit Haustieren, Kindern/Familie haben weniger Zeit als manche Singles. Autor*innen mit mehr Geld können Recherchereisen oder Marketingreisen zu den Settings ihrer Bücher machen oder 25 Charakterillustrationen anfertigen lassen anstatt einer und im Selfpublishing brauche ich gar nicht erst mit Goodies, Buchschnitt und Buchboxen anfangen. Außerdem existiert white privilege, also Privilegien gibt es immer und überall. Auch Alex hat anerkannt, dass sie Latino, aber white passing ist.

Was in der Diskussion immer wieder auftaucht, ist der reiche Hintergrund von Alex. Danielles Eltern haben ihr jeweils 15.000 Dollar zum Start ihres Unternehmens gegeben, die sie mittlerweile wieder zurückgezahlt hat und es anzunehmen, dass Alex ebenfalls finanzielle Unterstützung bekommen hat. Ein paar Tik Tok Videos sind glaube ich gelöscht, aber viele ihrer Inhalte beziehen sich darauf, dass sie zehn Jahre von Verlagen lang abgelehnt wurde. In den Videos zu ihren Schwierigkeiten verschweigt sie meistens ihre Emblem Island Reihe, als ob Lightlark ihr Debüt wäre, dabei ist es nur ihr YA Debüt. Ich glaube, selbst wenn sie transparenter gewesen und verdeutlicht hätte, dass sie durch ihre Familie finanzielle Sicherheit oder Kontakte zur Medienindustrie hat, würden Leute diese Privilegien gegen sie nutzen.

Junge, erfolgreiche, reiche Frauen werden literarisch ständig als negativ dargestellt und online gibt es viele Kommentare von Leuten, die sich über das Drama freuen, die schon immer wussten, dass das Buch schlecht sein würde, dass man sie ja eh nie gemocht hätte und sie die Erfahrung erden wird. Seit wann müssen Autor*innen Angaben über ihren (finanziellen) Background machen, um Bücher zu veröffentlichen? Dürfen reiche Menschen nicht erfolgreich sein? Ja, Privilegien anzuerkennen ist wichtig und natürlich haben reichere Menschen einen einfacheren Start – in jeder Branche – aber das Klischee vom einsamen Nerd, der im kleinen Zimmerchen auf alten Schreibmaschinen Geschichten tippt, ist überholt. Gerade in den USA gibt es mehrere bekannte Autor*innen, die einen privilegierten Hintergrund haben. Auch in Deutschland gibt es Selfpublisher*innen, die Unterstützung von Familie/Bekannten bekommen. Dass fängt ja schon an, wenn jemand jemanden kennt, der umsonst Cover macht. Dafür würde ich nie jemanden angreifen oder verurteilen – selbst wenn ich neidisch bin.

Goodreads Rezensionen und Hate

Das bringt mich zum letzten Punkt, der in diesem Fall wichtig ist: Goodreads Rezensionen und Bewertungen. Lightlark wird in zwei Tagen veröffentlicht, hat aber jetzt schon einen durchschnittliche Bewertung von 2,63 Sternen. Das ist nicht gut. Manche der 1-Sterne-Bewertungen sind so lang, dass sie in den Kommentaren fortgeführt werden müssen. Viele Leser*innen haben also zu einem zu viel und falsch vermarkteten Buch mehr zu sagen als zu problematisch, rassistischen Autor*innen und Büchern, aber okay.

Einige der Rezensionen basieren auf den Vorabexemplaren, von deren Bewertungen ich jetzt aber nichts zitieren möchte, um deutsche Leser*innen vor der Übersetzung nicht zu beeinflussen oder spoilern. Außerdem sind Rezensionen immer subjektiv und der deutsche Buchmarkt anders als der amerikanische. Was aber nach den berechtigten Rezensionen auftrat war Hate, der in Form von 1-Stern-Bewertungen ausgelassen wurde und Kritik und Spott an alle, die das Buch positiv bewerten. Ganz ehrlich: Das geht nicht. Schon gar nicht vor Veröffentlichung? Ich wünschte, manche Menschen hätten besseres mit ihrer Zeit zu tun, aber offensichtlich nicht. Es gibt also 1-Sterne-Rezensionen wie diese:

if u gave this book five stars please blink twice so i know ur safe and not in alex asters basement being forced to write a positive review.

Goodreads Bewertung luiza

Chloe Gong, die zuvor erwähnte, befreundete Autorin, hat das Buch mit 5 Sternen bewertet und wird dafür in den Kommentaren angegangen: „Question who paid more Alex aster for this fake review or the author of the ones we burn??“, „bestie r they hiring where u work (fake book reviews inc.)“ und „I wanted to buy your book but now I will not.“ sind nur ein paar Beispiele. Zum einen erreichen die Leute damit das Gegenteil, denn schlechte Werbung ist auch Werbung: „lowkey wasn’t gonna read this but now i’m counting down the days until it comes out 💀 i have to know if its as bad as everyones saying lmao.“ (@katia) und „i have no interest reading this but the rating fell another 0.4 stars since this morning (from 3.0 to 2.6) and i have never seen this happen before. now i’m intrigued, like how bad could it be.“ (@Jonathan’s Reviews)

Schlechte Rezensionen aufgrund von persönlichen Gründen zu schreiben, die nichts mit der Geschichte zu tun haben (Der Hype, also muss es schlecht sein. Die Privilegien, also hat sie den Buchdeal gekauft/geschenkt bekommen. Sie ist jung und online wie finanziell erfolgreich, also nervig) sind keine Gründe und ein beschissenes Verhalten. Da gibt es auch nichts schönzureden, denn sie sind nicht valide. Außerdem verfälschen sie die Sternebewertung und sind für zukünftige Leser*innen wirklich Mist. Das Buch hat fast 1500 Rezensionen, davon über die Hälfte 1-Sterne. Sollen Interessierte jetzt hunderte Bewertungen durchlesen, um die zu finden, die tatsächlich auf dem Lesen des Buches basieren und nicht aus kindischem, unnötigen Hate, um dann herauszufinden, ob das Buch etwas für sie ist oder der Kritik zustimmen? Das ist einfach auf allen Ebenen unproduktiv. Dieses Rezensionen-Bombing löscht die valide (weil subjektive) Kritik derer aus, die tatsächlich das Buch gelesen haben und darauf basierend ihre Meinung posten. Außerdem ist Alex – ganz gleich woher sie kommt und wie sie veröffentlicht wurde – ein junger Mensch, der Respekt verdient und schon vor der Veröffentlichung einen Shitstorm abbekommen hat. Und das ist nicht in Ordnung. Auch die verifizierten Kritiker*innen bitten darum, dass zu lassen und ich hoffe, dass deutsche Leser*innen vernünftiger sein werden als ungelesene Bücher aus Hate schlecht zu bewerten.

Was hat das ganze jetzt mit der deutschen Buchbranche zu tun?

Alex Asters Lightlark erscheint am 16.11.2022 beim DTV Verlag auf Deutsch:

Beworben wird das Buch mit „Die Fantasy-Sensation aus den USA, die Hunderttausende auf TikTok begeistert“ und auch in Alex Asters Biografie steht:

 Alex Aster hat auf Instagram (@byalexaster) und TikTok (@alex.aster) eine riesige Fangemeinde und gehört zu den reichweitenstärksten Autoren auf TikTok. Sie lebt in New York.

Alex Aster bei dtv

Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte von dtv vermarktet wird und bei den deutschen Leser*innen ankommen wird, zumal das Mess rund um die Veröffentlichung sicherlich auch Spuren hinterlassen kann, mit welchen Erwartungen man ans Lesen geht. Ich werde das Buch lesen, weil mich das Buch interessiert, aber falls es mir nicht gefallen wird, werde ich das sagen und dann wird das nichts mit der Autorin, Social Media oder ihrem Weg zur Veröffentlichung zu tun haben, sondern allein mit dem Inhalt zwischen den Buchdeckeln.

Was haltet ihr von Book Tok? Hinterlasst mir gerne euren Account Namen, wenn ihr selbst aktiv seid. Und wollt ihr Lightlark lesen?

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