[Rezension] Emily Ratajkowski: My Body

My Body ist der Debütroman von Model, Schauspielerin und Influencerin Emily Ratajkowski und eine Sammlung von Essays über ihr Leben und vor allem über ihre Erfahrungen mit Sexismus und Feminismus in der Unterhaltungsbranche.

Darum geht es in dem Buch

In My Body, ihrem ersten, begeistert aufgenommenen Buch, offenbart Emily Ratajkowski, was es bedeutet, als Frau erfolgreich zu sein und sich in einer vom »männlichen Blick« geprägten Welt zu beweisen. In ihren ebenso klugen wie schonungslosen Texten hinterfragt Ratajkowski die Kultur der Fetischisierung von Mädchen und weiblicher Schönheit und kritisiert die Misogynie und Machtdynamiken innerhalb der heutigen Unterhaltungsindustrie. Dabei macht sie deutlich, wie schmal der Grat zwischen Stolz und Scham, zwischen Kontrolle und Ohnmacht, zwischen Einvernehmlichkeit und Missbrauch oft ist. Und vor allem zeigt sie, dass sie mehr ist, als nur ein Körper: Ratajkowski ist ehrlich, verletzlich und wütend und macht sich mit My Body zur Verbündeten aller Frauen. (Quelle: Penguin Verlag)

Triggerwarnung

Ich hätte mir gewünscht, das es eine Warnung gibt, obwohl einiges durch den Klappentext bereits angedeutet wird. TW: Drogenkonsum, Depression, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung.

Ehrlichkeit, die unter die Haut geht

Die Art, wie Emily Ratajkowski ihre Geschichten erzählt, ist extrem ehrlich. Mit dieser Form der Ehrlichkeit habe ich nicht gerechnet. Sie nennt nicht immer Namen, wenn sie über andere berühmte Persönlichkeiten spricht, aber wer sich einigermaßen in der Branche auskennt, wird schnell eins und eins zusammenzählen können und wissen, von wem sie spricht. Die Essays sind in gewisser Weise ein Seelenstriptease, denn sie gibt auch widersprüchliche Gefühle zu und ist nicht nur sehr ehrlich zu ihren Leser:innen, sondern auch sich selbst. Schönheit hat seit ihrer Kindheit einen großen Stellenwert in ihren Leben eingenommen, darüber hat sie ihren Wert definiert. Ob Männer sie schön finden, ob sie sich selbst schön findet.

„Schönheit war für mich ein Weg, etwas Besonderes zu sein. Wenn ich etwas Besonderes war, spürte ich die Liebe meiner Eltern am stärksten.“

My Body, S. 26

Aber sie hat auch die vielen, vielen Schattenseiten kennengelernt, wenn Männer sie nur als ein schönes Model sehen, als Begleitung, hübsches Beiwerk. Eine Frau, die nicht an Gespräche beteiligt wird, weil erwartet wird, dass sie außer ihrer Schönheit nichts zu bieten hat. Das sie sich auf Instagram oft freizügig zeigt, wird als Selbstbewusstsein interpretiert. Dabei verbirgt sich dahinter eine enorme Verletzlichkeit, wie sie selbst zugibt:

„Zieh dich aus, damit niemand dich entblößen kann; Verbirg nichts, damit niemand deine Geheimnisse gegen dich verwendet.“

My Body, S. 111.

Ein vages Konzept

Die Essays haben alle Themen gemeinsam, die sich mit ihrem Körper, ihrer Schönheit und den negativen wie auch positiven Erfahrungen in ihrer Zeit als Model, Schauspielerin und Influencerin widmen. Gelegentlich rutschen Essays zu anderen Themen dazwischen, wie die Krankheit ihrer Mutter, Depressionen oder Britney Spears 2007. Allerdings hätte ich mir bei der Zusammenstellung ein stärkeres Konzept gewünscht. Die Essays sind nicht chronologisch sortiert, das heißt sie springen je nach Thema hin- und her. Mal ist sie 14, mal 27 und mal 21, mal lebt sie in Los Angeles, mal in New York, mal hat sie gerade ihre erste Agentur gefunden, mal ist sie frisch verheiratet. Erst am Ende, wenn es um ihre Schwangerschaft geht, hatte ich das Gefühl, ihr besser folgen zu können. Zwischendurch war es mir nicht immer ersichtlich, warum jenes Essays auf das andere folgt, es fehlte mir eine klare inhaltliche oder zeitlich chronologische Gliederung, die diese Sammlung an Essays zusammenbringt.

Macht als Victim Blaming Argument

In vielen Essays betont Emily, wie sie die Kontrolle über ihren Körper hat, indem sie sich auszieht oder hungert und ihr das Macht gibt in einer Branche, in denen Männer die Macht innehaben. Öfter wird aber genau das Argument für Victim-Blaming eingesetzt. Mehr als einmal wurde sie vergewaltigt und sexuell belästigt, jedes Mal gibt es Stimmen nach dem Motto „Sie wollte es doch.“ Ja, sie ist zu dem Fotografen gefahren. Ja, sie hat im Musikvideo halbnackt getanzt. Weil es ihr Job war. Als Model zu tanzen oder in Unterwäsche zu posieren war Teil ihres Jobs. Emily hat nur ihre Arbeit gemacht, wenn sie belästigt oder vergewaltigt wurde und dabei ist es völlig unerheblich, wie freizügig sie sich sonst präsentiert oder ob sie am Set ein Problem damit hat, sich auszuziehen oder nicht. Sie selbst kann tragen und sich präsentieren, wie sie will, das ist niemals ein Einladung für Männer, sich etwas zu nehmen, was ihnen nicht gehört. Sie hat zwar Macht, wenn sie sich so zeigt, wie sie möchte, aber diese verliert sie, sobald Grenzen überschritten werden. Oft hat Emily geschwiegen oder wurde nicht gehört, nicht ernst genommen, ihr wurde die Schuld gegeben an dem Leid, das sie erfahren hat. Immer und immer wieder. Auch sechs Jahre nach der Metoo-Bewegung in Hollywood gibt es (Frauen ebenso wie Männer) Menschen, die Emily die Schuld geben oder ihr nicht zuhören (wollen). Jetzt wird sie gehört und sie spricht damit auch für alle die Frauen, die es täglich nicht werden.

„Ich will alle meine Fehler und Widersprüche offenlegen, für alle Frauen, die das nicht können, für alle Frauen, die wir als Musen bezeichnet haben, ohne ihren Namen zu kennen und deren Schweigen wir für Zustimmung hielten.“

My Body, S. 220.

Fazit

Auch wenn ich mir etwas mehr Konzept in der Zusammenstellung der Essays gewünscht hätte, präsentiert Emily Ratajkowski mit ihrer Essaysammlung auf ehrliche und zutiefst persönliche Art Geschichten, die mir mehr als einmal eine Gänsehaut beschert haben. Das Buch erzählt von einer Welt der Unterhaltungsindustrie, die immer noch zu oft versteckt wird, in der Männer die Macht innehaben und Frauen zum Schweigen gebracht werden. Ich gehe davon aus, dass sich leider viele Frauen in ihren Schilderungen wiederfinden können, weil sie ähnliche Erfahrungen in ihrem Alltag gemacht haben. Mit dem aufwühlenden Buch sensibilisiert Emily Ratajkowski für Machtverhältnisse, den Umgang mit Frauen, Schönheit, aber auch Social Media und Medienkonsum und regt zum Nachdenken an.

Weitere Empfehlung

Emily hat im Ende 2020 bereits ein Essay über ihren Körper und ihre Erfahrungen im Leben und in der Branche geschrieben, der ebenfalls sehr lesenswert ist: Buying Myself Back: When does a model own her own image?


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