[Rezension] Das Glück in vollen Zügen von Lisa Kirsch

Weil ich selbst eine Zeit lang mit der Bahn gependelt bin, hat mich das Konzept des Liebesromans sehr angesprochen. Letztendlich würde ich sagen, dass es ein tolles Buch war, wenn ich es nur als Belletristik sehe. Als Liebesroman kam mir aber die tatsächliche Liebesgeschichte zu kurz und ließ mich ein bisschen unzufrieden zurück.

Darum geht es in dem Buch

Marie liebt ihr Leben im kleinen Bauwagen am Ammersee. Aber ihren Traumjob in München würde sie nie aufgeben. Deshalb pendelt sie. Alles kein Problem, wenn da nicht die ständigen Bahn-Verspätungen und die Marotten ihrer Mitreisenden wären. Besonders der Benzin-Neandertaler, der immer lautstark mit seinen BMW-Kollegen telefoniert, geht ihr auf den Senkel. Schade, denn er sieht verdammt gut aus. Der angebliche Benzin-Neandertaler heißt Johannes und findet Marie eigentlich ganz süß, traut sich aber nicht, sie anzusprechen. Wie hat man das nur vor Tinder gemacht? Dann ist Marie eines Tages nicht mehr im Zug, und Johannes merkt: Er will sie unbedingt wiedersehen.

Vielen Dank an den Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar!

Triggerwarnung

Ich persönlich würde für das Buch eine Triggerwarnung für Alzheimer und Emetophobie aussprechen.

Der Schreibstil war herrlich frisch, witzig, zugleich schön und berührend

Zunächst einmal möchte ich den Schreibstil loben, der mich wirklich begeistert hat. Das war mein erstes Buch von Lisa Kirsch und wird bestimmt auch nicht mein letztes bleiben. Ganz oft hatte ich das Bedürfnis, ganze Absätze und Seiten zu markieren, aber dann wäre mein Textmarker leer gewesen, bevor ich das Buch beendet hätte. Sehr oft konnte das Buch mich zum Schmunzeln und sogar Lachen bringen (was wirklich nicht so oft passiert bei Büchern) und auch in vielen kleinen und großen Pendler Anekdoten und Aspekten konnte ich mich so gut wiederfinden, dass ich immer wieder beim Lesen genickt habe.

Im Buch kommen immer mal wieder Popkulturreferenzen vor, von Lena Gercke über die Serie Dexter, die Kardashians und Billie-Eilish, aber es war genau richtig dosiert, immer an den passenden Stellen und für meinen Geschmack genau richtig. Solche Referenzen können nämlich auch schnell zu viel werden oder mich nerven. Hier haben Sie dem Buch etwas modernes, frisches gegeben, was der Schreibstil aber auch so schon gut vermittelt, denn Lisa Kirsch greift auf charmant humorvolle Weise mal lockeres, mal ernster auch Themen wie Endometriose, Feminismus, Genderkonventionen, Sexismus und die (digitalen) Medien auf.

„Dann wurde mir klar, wie endgültig der Tod war. Dass es nicht getan war mit dem einen großen Abschiednehmen, sondern dass ich für immer Abschied nehmen würde. In kleinen Momenten wie diesen, mein Leben lang.“

Das Glück in vollen Zügen, S. 240

Die Liebesgeschichte ist glaubwürdig, authentisch und kommt doch für meinen Geschmack zu spät

Ich fand es spannend und faszinierend zu lesen, wie sich Jo und Marie immer wieder im Zug sehen und über einander urteilen. Sie leben ihr Leben und sehen für einen bestimmten Zeitpunkt und Ausschnitt aus dem Leben des jeweils anderen. Im Laufe des Buches erfahren sie immer mehr übereinander, verknüpfen Informationen mal richtig, mal ganz anders, haben Vorurteile und Vorlieben. Ich konnte schmunzeln, wie sich die beiden direkt oder indirekt kennengelernt haben, aber im Verhältnis zur Seitenzahl kam mir die tatsächliche persönliche Begegnung zu spät. Auch Pendler Liebesgeschichten zeichnen sich für mich nicht nur die Momente im Zug aus, sondern auch dadurch, wie das Paar sich danach persönlich kennenlernt und verliebt. Dieser persönliche Kontakt war mir persönlich zu wenig, um mich als Liebesgeschichte so richtig mitzureißen und zu begeistern. So hatte ich eher das Problem, dass es sich gegen Ende etwas gezogen hat und auch wenn es wohl realistisch war, zu lange gedauert hat, bis sie persönlich miteinander interagieren. Als rein belletristischer Roman funktioniert das Buch super, als Liebesroman war es für mich eher eine Vorgeschichte oder nur ein Ausschnitt, weil das richtige Kennenlernen im Verhältnis relativ wenig Raum bekommt.

Buch Post it Notes

Das Thema Alzheimer wird sensibel behandelt

Vorweg muss ich sagen, dass ich persönlich zum Glück noch keine persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit machen musste. Allerdings hatte ich trotzdem das Gefühl, dass Jos Familienleben gut dargestellt wurde, weil Lisa Kirsch von seniler Bettflucht schreibt, von Erinnerungen und Gedächtnisverlust, wie ich es aus den Medien kenne, aber auch davon, wie gefährlich Alzheimer sein kann. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Jo und seinem Vater nicht beschönigt, nicht idealisiert, die Autorin zeigt alle Facetten auf, auch negative Gedanken seitens Jo. Die vielen verschiedenen Probleme, Ängste, Sorgen und Gefühle haben mir die Krankheit und wie Betroffene und Angehörige damit kämpfen, ein Stück weit näher gebracht und berührt. Jo wurde dadurch außerdem sehr gut charakterisiert, weil er sich im Zug natürlich anders verhält als mit seinem Vater, diese beiden Welten aber durchaus auch zusammentreffen und sich gegenseitig beeinflussen.

Wenn ihr das Buch schon gelesen habt: Wie hat es euch gefallen? Wollt ihr es noch lesen? Und habt ihr selbst schon romantische Zug Erfahrungen gemacht?


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