[Rezension] Girl running, Boy falling von Kate Gordon

Bücher mit dem Thema Suizid sind schwierig. Und dann auch noch Jugendbücher. Schließlich ist das ein sehr sensibles Thema. Aber der Klappentext war toll, in die ersten paar Sätze habe ich mich verliebt und dann hat mich der Rest zum Glück auch begeistert, obwohl ich etwas zu kritisieren habe.

Triggerwarnung: Suizid

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für das Rezensionsexemplar! Das beeinflusst meine Meinung jedoch nicht. Girl running, Boy falling ist 2020 mit 240 Seiten erschienen und darum geht es:

Therese liebt die kleine Stadt auf der Insel am Ende der Welt. Sie liebt Tante Kath, von der sie Tiger genannt wird, ihre Freunde, die sie Resey rufen, und vor allem ihren besten Freund Wally, für den sie nur Champ ist, und der sie endlich, endlich geküsst hat. Doch dann geschieht das Undenkbare. Der strahlende Wally, die nächste große Football-Hoffnung der Schule, nimmt sich das Leben und Thereses Welt fällt in sich zusammen. Sie versucht alles, um nicht selbst zu fallen. Zum Glück gibt es Tante Kath und ihre Freunde, die Therese auffangen und ihr helfen weiterzuleben.

„Manchmal träume ich, dass ich die Einzige bin, die die Monster in den Schlaf singen kann.“ (S. 52)

Tante Kath hat mir so gut gefallen! Sie ist eine Künstlerin, die malt oder Skulpturen macht. Sie kann nicht backen und ist für Resey da, wenn sie sie braucht. Ich fand es sehr schön, wie in dem Buch das Familienverhältnis beschrieben wird. Generell ist Familie ein wichtiges Thema, obwohl nicht alles ausgesprochen wird. Familie ist nicht immer nur die blutsverwandte Familie, Familie ist das, was man daraus macht und Tante Kath hat sich liebevoll um Resey gekümmert. Die Dynamik zwischen den beiden fand ich sehr interessant und gleichzeitig berührend, weil es gerade gegen Ende nochmal emotional wird. Kath will für Therese da sein, aber manchmal ist sie hilflos und sie hat Angst, dass sich Resey in der Dunkelheit verliert. Das trifft auf viele Trauerprozesse zu.

„Ich habe viele Namen, weil ich vieles bin.“ (S. 7)

Im Buch wird oft thematisiert, dass Resey die Summe ihrer Einzelteile ist, was ich ein sehr schönes Bild fand. Jemand ist nie nur das Mädchen, das zur Schule geht. Sie ist auch eine Freundin, für die Schulfreunde anders als für Wally, sie ist eine Tochter, Enkelin, Musicalschauspielerin. Klarinettenspielerin im Schulorchester, Nichte und Footballfan. Allerdings gab es je nach Beziehung unterschiedliche Namen, was mich gestört hat, weil es mich eher verwirrt hat. Ihre Großmutter und ein Freund nennen sie Tiger, Wally nennt sie Champ, Freunde nennen sie Resey und andere Therese. Das war mir zu viel, da wäre mir weniger lieber gewesen, wie bei Wally, der in Wirklichkeit Nick Wallace heißt und von anderen als seinen Freunden meist auch so genannt wird. Das hat gut gepasst und war gar nicht verwirrend.

„Vielleicht sind sie nicht binär.“ (S. 61)

Melody ist eine von Reseys Freundinnen, die sich für andere Menschen einsetzt. Ich fand es klasse, dass mit ihrem Charakter und auch innerhalb der Clique immer wieder Themen thematisiert wurden, die ich normalerweise nicht so häufig in Jugendbüchern finde. So werden Geschlechter und Identitäten angesprochen, als Wally und Resey den Küken im Hühnerstall Namen geben wollen. Es gibt mehr als nur männlich und weiblich und wer bestimmt das? Auch Kulturelle Aneignung wird thematisiert und Homophobie, weil Melody lesbisch ist.

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„Als ich aufwache, fühlt sich das Licht an wie Schnitte von Papier.“ (S. 141)

Im gesamten Buch habe ich viele Sätze markiert. Kate Gordon hat einen wunderbar bildlichen Schreibstil, den Sylke Hachmeister klasse übersetzt hat. Es ist nicht die Art Schreibstil, die mich inne halten lässt, weil ich eine Metapher nicht verstehe, das Bild komisch ist oder ich über Worte stolpere. Nein, Kate Gordon hat die Art von bildlichem Schreibstil, die mich inne halten lässt, weil es so schön ist, weil sie es schafft, mit wenigen Worten viel zu sagen und weil sie mich berührt hat. Das Lesen hat einfach Spaß gemacht.

„Sie ist gerannt, Wally ist gefallen. Ich bin hier.“ (S. 216)

Das Thema Suizid, Trauer und Verlust wurde meiner Meinung nach gut aufgearbeitet. Von Social Media weiß ich, dass die Autorin leider selbst mehrere Suizidfälle im Freundeskreis verarbeiten musste. Aber das merkt man dem Buch an. Ich hätte mir mehr Seiten gewünscht, um insgesamt mehr in die Tiefe zu gehen, aber das wäre dann ein anderes Buch gewesen. Kate Gordon hat auf den Punkt gebracht, wie sich Trauer anfühlen kann, wie Menschen unterschiedlich mit Verlust umgehen kann und welche Gedanken und Aspekte kommen, wenn sie der beste Freundin plötzlich das Leben nimmt. Schuldgefühle, Erwartungshaltungen, öffentliche vs. private Trauer, Hilflosigkeit und Wahrnehmung im Freundeskreis werden thematisiert. Wenn jemand stirbt, besonders durch Suizid, fühlt sich das an, als würde der Boden unter den Füßen weggerissen werden. Das Buch erzählt die unterschiedlichen Wege, wie die Freunde Halt suchen und finden und den Weg dahin fand ich sehr schön, berührend und gut geschrieben.

Fazit

Kate Gordon hat ein wirklich tolles Jugendbuch geschrieben, dass mich sehr berührt hat und das ein oder andere Mal zum Innehalten oder Nachdenken über das Leben, Liebe, Freundschaft, Familie und den Tod gebracht hat. Der Schreibstil ist wunderschön und auch die Charaktere haben mir sehr gut gefallen. Wenn ihr über Suizid lesen könnt, kann ich das Buch auf alle Fälle nur empfehlen.

 

 


2 Gedanken zu “[Rezension] Girl running, Boy falling von Kate Gordon

  1. Tolle Rezension, habe mir das Buch direkt mal abgespeichert. Ich lese gerne Jugendbücher und die von dir ausgewählten Zitate fand ich schön. Zu dem Thema habe ich noch nichts gelesen, kann es mir auch gar nicht vorstellen, wie es ist, in der Situation zu sein, dass muss wahnsinnig schlimm sein. Klingt auf jedenfall nach einem sehr spannenden Buch. Nur zieht es einen runter, oder hält sich das in Grenzen?
    Liebe Grüße

    Nadine

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  2. Liebe Yvonne,

    das ist eine schöne, leichte Rezension für die bedeutsamen Themen, die im Buch angesprochen werden. Danke, das ist toll.
    Mir gefallen die Charakterbeschreibungen, weil mir zwischenmenschliche Beziehungen in Bücher wahnsinnig wichtig sind. Es ist selten, dass es auf so wenigen Seiten greifbar wird.
    Dass dir die vielen Namen zu einer Person zu viel sind, kann ich verstehen. Besonders, wenn es bestimmten Zügen einer Person entspricht und man sich immer wieder sagen muss, dass es eine und nicht mehrere Personen sind.

    Liebe Grüße
    Tina

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