[Rezension] Die verlorene Frau von Emily Gunnis

Nachdem der Debütroman der Autorin, Das Haus der Verlassenen, eins meiner Jahreshighlight war, musste ich natürlich auch sofort ihren neuen spannenden Familienroman lesen. Zwar konnte mich das Buch längst nicht so begeistern, dennoch hat es mir sehr gut gefallen, was auch an den ernsten Themen liegt, die eingearbeitet werden.

Das Buch ist 2020 mit 384 Seiten erschienen und darum geht es:

1960, Seaview Cottage: Die dreizehnjährige Rebecca und ihre Mutter leiden unter dem gewalttätigen Vater. In einer stürmischen Nacht pocht jemand an die Tür des abgelegenen Cottages. Wenig später sterben beide Eltern, doch die Umstände ihres Todes werden nie aufgeklärt.

2014, Chichester: Eine junge Mutter verschwindet spurlos mit ihrem todkranken Baby. Ihre Schwester Iris, eine Journalistin, soll sie so schnell wie möglich finden. Sie bittet ihre Mutter Rebecca um Hilfe – die ihr nie von der schicksalhaften Nacht vor über fünfzig Jahren erzählt hat. Doch nur mit dieser erschütternden Wahrheit kann es Iris gelingen, das Baby zu retten …

Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar erhalten, das beeinflusst meine Meinung jedoch nicht.

Fokus Probleme durch viele Perspektiven

Eins meiner größten Probleme mit dem Buch bestand darin, dass es viele Perspektiven gab. Was normalerweise kein Problem ist, weil ich das bevorzugt lese und sogar selbst schreibe, hatte ich ihr Schwierigkeiten. Zum einen habe ich weit über 100 Seiten gebraucht, um so richtig im Buch anzukommen. Theoretisch wusste ich, wer die Charaktere sind, praktisch war das Bild im Kopf aber immer noch etwas nebelig und ich hatte das Bedürfnis, mir ein Zettel neben das Buch zu legen mit einem Stammbaum und Notizen. Wenn die Perspektive zum nächsten Charakter wechselte, habe ich mich manchmal wie in unvorbereiteten Prüfungen gefühlt: Rebecca war der Charakter mit der Storyline und ist so und so mit dem verwandt? Die Erinnerung war manchmal vage, eher gut geraten als sicher gewusst. Bei manchen Charakteren ploppte im Kopf die Frage auf „Wer war das nochmal? In wessen Beziehung steht der nochmal mit wem?“ und obwohl ich die Faden relativ schnell innerhalb weniger Sekunden verbunden habe, hat es eben doch diese ein, zwei Sekunden Momente des Innehaltens gebraucht. Wie in der Fahrschule, wenn man zwar fährt, der Wagen aber beim Schalten ruckelt. Dadurch war das Lesegefühl nicht ganz flüssig, was sich in der zweiten Hälfte des Buches und als ich länger am Stück gelesen habe, gebessert habe.

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Woran lag das? Bei ihrem letzten Buch hatte ich zu Beginn auch etwas Probleme, mich mit den verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen zurecht zu finden, aber das ist immer so bei Büchern mit mehreren Perspektiven. Für mich war es ein Fokus Problem. Ich habe erwartet, dass Ines als Journalistin mehr vorkommt und die anderen Geschichten etwas weniger Anteil haben. Das war aber nicht der Fall. Es gibt Perspektiven von Ines als Journalistin, von ihrer Schwester Jessica, von deren Mutter Rebecca, vom zweiten Vater Harvey, von Rebeccas Mutter und einer anonymen Perspektive, die im Laufe des Buches aufgelöst wird. Gerade, weil es sich dabei um eine Familie handeltet, waren die Grenzen verschwommen, was es mir erschwert hat, alle Personen voneinander abzugrenzen. Ich denke, ich wäre auch gut ohne Jessica und Harveys Perspektive ausgekommen. Oder zumindest eher in One Shot Kapiteln, wie das im vorherigen Buch der Fall war, in dem viele verschiedene Charaktere ein paar wenige Seiten zu Verfügung gestellt bekommen hätten. Was abgesehen vom Fokus dazu beigetragen hat, waren die Zeitsprünge. Das Buch springt nämlich nicht nur einfach nur zwischen der Gegenwart und 1945, sondern in der Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Das hat mich beim Lesen immer wieder rausgeworfen und ich finde nicht, dass das immer super notwendig war. So ist es mal Freitag, im nächsten Kapitel der Mittwoch davor, dann wieder was in der Vergangenheit, da wird auch nicht chronologisch erzählt. Ich wusste, worauf ich mich bei dem Buch einlasse und dass das sowohl strukturell als auch inhaltlich kein Buch zum Nebenbei lesen ist, aber das war mir etwas zu anstrengend, um interessant zu sein. Wieder hätte ich am liebsten einen Zettel neben das Buch gelegt mit den verschiedenen Zeiten, wo ich gerade bin und wann was passiert. Das sollte so nicht sein, etwas mehr chronologisches Erzählen hätte vermutlich alle meine Probleme mit dem Fokus und dem Lesefluss beseitigt.

Triggerwarnung, bitte!

Nach dem Prolog war ich ganz kurz davor, das Buch abzubrechen. Bei jedem anderen Buch hätte ich das getan, aber hier war es halt Emily Gunnis und ich wollte ihr noch eine Chance geben. Der Prolog ist nämlich widerlich. Ich habe mit anderen Leser*innen gesprochen, die nach meinen Gefühlen wesentlich schlimmeres erwartet hätten und kein Problem ist, was absolut verständlich ist. Aber für Menschen mit Emetophobie wäre der Prolog ein absoluter Alptraum gewesen und für mich als jemand, der für Emetophobie sensibilisiert ist, war das schlimm zu lesen. Übergeben Szenen sind in Büchern meiner Meinung nach besonders unnötig, wenn sie derart ausführlich und bildhaft beschrieben werden wie im Prolog. Ich habe mehrere Tage gebraucht, bis ich das Kopfkino einigermaßen verdrängt hatte und mich in meiner Vorfreude ordentlich gedämpft wieder an das erste Kapitel gemacht habe. Aber nicht nur für den Prolog hätte das Buch eine Triggerwarnung verdient, auch für die anderen Themen, die zwar durch den Klappentext und das Setting in Betracht gezogen werden können, aber längst nicht deutlich sind. Ich wusste, auf was ich mich einlasse, aber es gibt sicherlich genug Leser*innen, die im Buchhandel nach dem Buch greifen, ohne das letzte Buch von der Autorin gelesen zu haben. Triggerwarnungen spoilern nicht, aber sie helfen Betroffenen. Andere brauchen sie ja nicht anschauen. Dieses Buch hätte eine Triggerwarnung für die folgenden Themen gebraucht:

  • Emetophobie
  • Postpartale Depression/Psychose
  • Kriegs PTBS
  • Häusliche Gewalt
  • Vergewaltigung

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Ernste Themen mit Fingerspitzengefühl

Was mir am Buch sehr gut gefallen hat, war die Art, mit der Emily Gunnis die ernsten Themen in die Geschichte eingearbeitet hat. Ich finde, man merkt, dass sie gut recherchiert und sich damit wirklich auseinander gesetzt hat. Zu jedem Thema werden verschiedene Aspekte aufgegriffen, ich konnte mit den Charakteren mitfiebern und mitleiden, war gebannt von ihrem Schicksal und ihren Gefühlen und hatte gleichzeitig das Gefühl, unterschwellig etwas zu lernen. So war mir vor dem Lesen des Buches bspw. nicht bewusst, dass es einen Unterschied zwischen Postpartaler Depression und postpartaler Psychose gibt oder was alles Trigger sein können, die Flashbacks zu Kriegstraumata auslösen.

„Ich werde mich nie mehr von dem erholen, was ich hier erlebt habe.“ (S. 45)

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Ebenfalls nicht nur spannend, sondern auch emotional war der unterschiedliche Umgang mit Themen und Menschen in der Vergangenheit und heute. Das haben die verschiedenen Perspektiven wunderbar verdeutlicht, aber so subtil eingearbeitet, dass es sich gut in die Geschichte einfügt. Immer wieder gibt es Momente, die zum inne halten anregen, zum Nachdenken über die Stellung der Frau, die Behandlung und den Umgang mit Traumata, psychischen Krankheiten und Schmerzen. Ganz generell werden aber auch Aspekte der Familiengeschichte, Liebe, Freundschaft und das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter behandelt. Das alles war sehr berührend und interessant zu lesen, weil die Charaktere auch unterschiedlich mit ihren Situationen umgehen und trotzdem alles irgendwie zusammenhängt. Es gab auch ein paar Plot Twists, von denen ich alle bis auf einen vorhergesehen habe, die aber sehr gut gemacht waren. Emily Gunnis hat es mal wieder geschafft, eine Geschichte mit mehreren Charakteren und Zeitebenen zu weben und dessen Fäden am Ende so zusammen finden zu lassen, dass es spannend, emotional und absolut rund endet. Gerade auf den letzten hundert Seiten war es sehr spannend, zu lesen, wie die beiden Zeitebenen sich immer mehr zusammenfügen und ich wollte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, während mein Kopfkino das Puzzle zusammengesetzt hat. Wie immer ist auch die Danksagung sehr empfehlenswert, weil die Autorin hier ihre reale Inspiration hinter den Settings und der Geschichte erklärt.

Lieblingszitat

„Solange ich mich erinnere, habe ich mich vor dem Leben gefürchtet, nicht vor dem Tod.“ (S. 309)

Fazit

Emily Gunnis hat wieder einen sehr spannenden, einfühlsamen und interessanten Familienroman über Generationen und ernste Themen geschrieben, der zum Nachdenken anregt, berührt und vielleicht auch hilft, manche Schicksale und Themen besser zu verstehen. Die Perspektiven und Zeitwechsel haben mir einen flüssigen Lesefluss erschwert, aber ich würde das Buch trotzdem absolut empfehlen.

 


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