[Rezension] Tot bist du perfekt von J.P. Delaney

Ich habe versucht, nicht mit großen Erwartungen an das Buch heran zu gehen, weil ich das letzte Buch des Autors nach der Hälfte abgebrochen habe. Trotzdem konnte ich nicht anders. Relativ schnell war ich mitten drin in der Euphorie. Diesem Hochgefühl, wenn ich ein richtig gutes Buch lese. Mir hat wirklich alles gefallen: Das Konzept, die Struktur, Charaktere und Schreibstil. Und trotzdem war ich schlussendlich auch genervt von dem Buch und würde es zwar grundsätzlich empfehlen, zähle es aber definitiv nicht als Highlight.
Danke an den Verlag und Bloggerportal für das Rezensionsexemplar, das beeinflusst meine Meinung allerdings nicht.
Das Buch ist in diesem Jahr erschienen und darum geht es:

Auf immer und ewig. Ob du willst oder nicht.

Du schlägst die Augen auf und etwas stimmt nicht. Du weißt nicht, was dir passiert ist. Du liegst in einem fremden Bett. In einem Krankenhaus. Neben dir steht dein Mann Tim, ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat Tränen in den Augen, weil du – seine geliebte, perfekte Frau – am Leben bist. Du denkst, du hättest einen schweren Unfall gehabt. Doch dann sagt Tim: Wir haben jahrelang daran gearbeitet, dass ich dich wiederbekommen konnte …

Du entdeckst dein Leben wie mit fremden Augen. Du ahnst Gefahr, aber du weißt nicht, wo genau sie lauert. Du weißt nur: Du musst wachsam sein. Denn irgendwo in deinem schönen Haus, bei deinen Liebsten liegt der Grund dafür – der Grund, warum du vor Jahren gestorben bist.

Was hat mir gut gefallen?

  • Die Perspektive war absolut neu für mich und ich hatte trotzdem keinerlei Probleme, damit klar zu kommen. Die Kapitel werden abwechselnd aus der Sicht von Abbie (In der 2. Perspektive, also „Du wachst auf“) und in der Vergangenheit aus der Perspektive der Mitarbeiter erzählt („Wir fragten nach“). Die zweite Perspektive hat unglaublich gut gepasst, weil Abbie ja eine Maschine ist, das heißt sie hat zwar die Gefühle und Erinnerungen der toten Abbie, ist aber ein Roboter, eine KI. Die Perspektive hat die Distanz der Figur zu ihrer Selbst symbolisiert und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, angesprochen zu werden und in ihrem Kopf zu stecken, wie bei der 1. Person mit „Ich“ auch. Die Kapitel aus der Vergangenheit, in der die Mitarbeiter über Abbies Leben vor ihrem Tod erzählen, lesen sich tatsächlich wie Nacherzählungen, was wann wie passiert ist. Allerdings nicht als Infodump, sondern so, als würde ich mich mit besagten Mitarbeitern zum Kaffeeklatsch treffen. Dadurch haben mir beide Perspektiven Spaß gemacht und die eine Perspektive hat die andere ergänzt.
  • Es gab Gesellschaftskritik und es wurde aufmerksam gemacht auf die Stellung der Frau in vielen IT Branchen. Wie sie sich kleiden und behandelt werden, wie sie versuchen, in der Männerdominierten Welt zu überleben, wie sie ausgenutzt und herabgewürdigt werden und das sie weniger bezahlt werden.
  • Das Thema Autismus ist in dem Buch sehr präsent, weil der Sohn von Abbie und Tim Autist ist. Manchmal hat sich das Buch dann eher wie ein Familiendrama angefühlt als ein Thriller, weil mir die Spannungselemnte zu sehr in den Hintergrund rückten und das Leben mit dem Sohn und miteinander im Vordergrund stand und detailliert beschrieben wurde, aber das Thema an sich war interessant. Ich habe mehr gelernt (Hier bitte auch unbedingt die Danksagung lesen).
  • Es gab Plot Twists, die mich ehrlich überrascht haben. Dabei hätte ich absolut drauf kommen müssen, wenn ich so genauer darüber nachdenke. Bin ich trotzdem nicht. Das Ende gehörte leider nicht dazu, das war für mich offensichtlich.
  • Es wird tatsächlich angesprochen und reflektiert, dass Abbies Dreadlocks kulturelle Aneignung sind und wurden deshalb entfernt. Das habe ich so noch nie in einem Thriller gelesen.
  • Abbie selbst ist ein toller Charakter, weil sie aktiv denkt und handelt. Das ist für Thriller und wie ich finde generell wichtig. Sie verlässt das Haus, denkt nach, handelt, wird aktiv.
  • Die Kapitel waren wie erwartet eher kurz als lang, aber das war super. So ging es wirklich zack zack, ohne dass das Erzähltempo dadurch zu schnell würde. Manche Kapitel waren eher 2 Seiten lang, manche ein paar mehr, aber ich bin nie sehr lange in einem Kapitel geblieben, schon kam ein Perspektivwechsel oder die nächste Szene. Dadurch lässt sich das Buch gut weg lesen.
  • Das Thema KI im Bezug auf die Menschheit, Trauerbewältigung, Roboter im Alltag und generell wurden natürlich auch in verschiedenen Aspekten angesprochen und das fand ich super, weil ich dadurch über das Thema besser nachdenken konnte. Was macht deine Persönlichkeit aus, kannst du ersetzt werden, wer bist du ohne Erinnerungen?
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Was hat mir nicht gut gefallen?

  • Ich hatte Schwierigkeiten, mit Tim richtig mit zu fiebern. Das lag zum einen daran, dass er zwar interessant war, aber keine anderen Seiten von sich zeigte. Über Abbie habe ich im Laufe der Buches einiges gelernt, meinen Eindruck widerlegt, bestätigt und erneuert, meine Meinung gefestigt, verworfen und verändert. Ihre Vergangenheit und Gegenwart wird Stück für Stück zusammengesetzt. Über Tim lernt man im Laufe des Buches zwar auch mehr, aber ich hatte nicht das Gefühl, ihn wirklich gut von dem männlichen Hauptcharakter in „The Girl before“ unterscheiden zu können. Das Buch habe ich zuletzt vom Autor angefangen und nach der Hälfte abgebrochen und Parallelen entdeckt. Dabei finde ich es nicht gut, Bücher von Autoren miteinander zu vergleichen. Doch beide Männer achten auf Perfektion, sind in ihrer Liebe obsessiv, sind in ihrem Beruf in großen bekannten Firmen ebenso bewundert wie gefürchtet, reden nicht lange um den heißen Brei herum, haben viel Geld, leben minimalistisch clean mit viel weiß, achten auf Ordnung und Kontrolle, beleidigen Menschen ab und zu. Und das sind nur Ähnlichkeiten, die mir auf den ersten Gedanken einfallen. Er war für mich theoretisch interessant, auf Papier aber zu wenig lebendig, zu ähnlich zum zuletzt gelesenen Buch.
  • Die Abwertung von Frauen. Das ist ein Punkt, der mich mittlerweile wirklich, wirklich nervt, besonders in Thrillern. „Kann mal einer die die Vagina von dieser Tusse zunähen und ihr sagen, sie soll aufhören zu nerven.“ (S. 376) Damit macht der Autor es sich sehr einfach. Der Leser soll einen bestimmten Charakter nicht mögen? Dann wertet er Frauen ab, erniedrigt sie, belästigt sie und bezahlt sie fürs Schweigen, nennt sie Schlampe, Hure, Nutte, von jemand anderem (sogar einer Frau) kommt einmal die Bezeichnung Schlampenfotze. Dadurch habe ich als Leserin keine Wahl, ob ich den Charakter mögen möchte oder nicht, mir wird auf plumpe Art die Entscheidung abgenommen. Natürlich ist die Person ein Arschloch, natürlich regt mich das auf, aber ich werde auch moralisch nicht herausgefordert. Bei Abbie gab es auch Seiten, die moralisch eher fragwürdig waren, aber sie war insgesamt ein runder, lebendiger Charakter mit Ecken und Kanten, ich konnte über sie und die KI nachdenken. Das war toll. Bei besagtem frauenverachtenden Arschloch ist das nicht der Fall. Das ist so, als würde jemand einen Hund töten oder ein Kind belästigen. In Serien wie Outlander und Game of Thrones werden Frauen auch oft von den Antagonisten vergewaltigt. (So weit geht es in dem Buch nicht, aber sexuelle Belästigung und Erniedrigung) Ein schnelles Mittel, um mit der Frau zu fühlen und den Mann nicht zu mögen. Aber es geht auch anders und ich bin es so leid, dass Frauen dafür herhalten müssen. Männer können Psychopathen sein, Männer können gruselig sein, moralisch verwerflich und trotzdem muss die Figur nicht als sexistisch und frauenverachtend dargestellt werden. Ich habe nicht gezählt, wie oft eine Frau in diesem Buch Schlampe genannt wurde und das ist wohl auch besser so. Die Kritik und das Aufmerksam machen von Frauen in Männerdominierten Branchen ist TOLL, das hätte gereicht, um auf das Thema einzugehen und das wäre für mich super gewesen. In den letzten vier Thrillern, die ich gelesen habe, kamen Begriffe wie Schlampe und die (sexuelle) Erniedrigung von Frauen vor. Ich bin es leid, weil ich weiß, dass es Autor*innen gibt, denen etwas anderes einfällt. Selbst wenn die sexuelle Erniedrigung und Abwertung zum Charakter dazugehört, reicht es manchmal auch einfach, das subtil zwischen den Zeilen anzudeuten, der Leserfantasie den Rest zu überlassen. Ich will nicht immer den Holzhammer. Es gibt in diesem Buch ein paar tolle, starke (mental wie physisch) Frauenfiguren, die sich gegen den Sexismus in der Branche auflehnen, die klug sind und das ist gut. Aber mit den Bezeichnungen, die immer wieder auftauchen und kleinen Szenen oder Sätzen wie oben zitiert überwiegt für mich persönlich der negative Beigeschmack.
  • Das Ende kam mir gerade im Vergleich zum Tempo auf den letzten 100 Seiten zu schnell, zu abgehackt, weil es wenig hergeleitet wurde, da hätte ich mir mehr Puzzleteile durch das Buch verteilt gewünscht und es war inhaltlich auch etwas weit hergeholt.
Fazit
Ein guter Thriller aus einer großartigen Idee mit tollem Schreibstil, dessen Umsetzung mich leider nicht vollständig begeistern konnte.

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