[Allgemeines] Freie Zeiteinteilung ist ein Privileg

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Zeit und Zeit Management, fülle Planer um Planer und schreibe täglich To-Do Listen. Allerdings gibt es Sätze, die mich auf die Palme bringen, wie „Jeder hat 24 Stunden“, meist im Kombination mit „Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man das auch“. Was mich daran so aufregt und was ich anders sehe, erkläre ich in diesem Beitrag.

Was mich an „Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man das auch“ stört

Der Satz stimmt meiner Meinung nach einfach nicht und ist sehr kurz und einfach gedacht. Er soll motivierend wirken, weil der eigene Wille und Disziplin sehr wichtig sind für das Erreichen der eigenen Ziele. Dabei reduziert der Spruch das Erreichen oder eben nicht Erreichen der Ziele vollkommen auf den eigenen Willen und Disziplin und ignoriert andere Umstände und äußere Faktoren, die immer auch eine große Rolle spielen. Die Autorin Marie Graßhoff hat erst vor ein paar Tagen einen wunderbaren Post auf Instagram dazu geschrieben: Selbst wenn sie einen Schuber, einen Kinofilm oder eine Platzierung auf der Spiegel Bestseller Liste für ihre Bücher wollen würde: Manchmal reicht der eigene Wille einfach nicht aus, um Ziele zu erreichen und das muss man akzeptieren.

Abseits vom Schreiben habe ich den Satz aktiv 2012 zum ersten Mal gehört und mich da bereits sehr aufgeregt. Ich ging zur Schule, machte eine Abschlussfahrt nach London mit Stopp in Cambridge und bei den vielen schönen Colleges sagte ich schlicht: „Hier würde ich gerne studieren.“ Antwort einer ehemaligen Freundin? „Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man das auch.“ Bei meinem Beispiel war ich einfach realistisch genug, um zu wissen, dass mein eigener Wille nicht ausreichend sein würde, um diesen Traum zu erfüllen. Bildung und finanzielle Mittel spielen eine ebenso große Rolle, die ich selbst aktiv nicht genug beeinflussen kann. Und manchmal braucht es zudem einfach eine Portion Glück. Der Spruch suggeriert allerdings, dass alle Ziele grundsätzlich erreichbar sind, was zu falschen Erwartungen führt. Ich kann dem Straßenmusiker nicht versprechen, dass er bestimmt irgendwann eine Welttournee machen wird, wenn er es nur ganz doll will. Manche Ziele werden vielleicht nach einiger Zeit erreicht, manche nie. Zweitens suggeriert der Spruch, dass das Scheitern von Zielen am eigenen Willen liegt. Nach dem Motto „Du bist selbst schuld, du wolltest es wohl nicht genug.“ Das baut persönlichen Druck auf und kann sich negativ auf die Psyche auswirken. Ähnlich dazu ist der Spruch „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Genauso Quatsch. Der Wille ist wichtig und sicherlich ist es gut, nicht bei jeder Straßensperrung direkt aufzugeben, sondern nach anderen Wegen zu gucken. Aber die Welt besteht halt auch aus Einbahnstraßen und Sackgassen.

Was mich an „Jeder Mensch hat 24 Stunden“ stört

Für mich liegt das Problem in einem Wort: Mensch. Jeder Mensch ist anders, jeder Tagesablauf individuell. Jeder Tag hat 24 Stunden, ja. Das ist ein Fakt der Zeitrechnung, daran kann ich nichts ändern. Wie aber diese 24 Stunden eingeteilt werden, wie viel freie Zeit übrig bleibt und was der Mensch damit macht, das ist individuell. Und damit meine ich jetzt nicht, dass der Autor oder die Autorin doch wohl bitte selbst entscheidet, ob er abends noch eine Stunde Netflix guckt oder eine Stunde das Buch weiter schreibt. (Ähnliches gilt für andere Tätigkeiten wie Lesen oder Hobbies). Denn Zeit nehmen und Zeit haben sind zwei Paar verschiedene Schuhe. Ich habe nicht automatisch Zeit, z.B. ein Buch zu schreiben, nur weil ich freie Zeit habe. Jeder Tag hat 24 Stunden und jeder Mensch hat individuelle Umstände, die bestimmen, wie viel freie Zeit davon pro Tag übrig bleibt. Und dann ist es nicht immer eine freie Wahl, wie diese freie Zeit genutzt wird. Denn ich finde: Freie Zeiteinteilung ist ein Privileg.

Zeit nehmen und Zeit haben sind zwei verschiedene Paar Schuhe

Wenn ich die berühmte Stunde am Abend als Beispiel nehme, stelle ich mich nicht hin und sage „Oh super, jetzt habe ich 1 Stunde freie Zeit. Auf ans Buch schreiben!“ Ich kann das machen und dann ist es ein Privileg, keine Selbstverständlichkeit. Denn manchmal gibt es keine Wahl. Wie die freie Zeit genutzt werden kann, hängt von Umständen ab, die gegebenenfalls nicht beeinflusst werden können. Nicht jeder kann sich einfach Zeit nehmen, die kauft man ja nicht im Supermarkt oder bedient sich daran wie an einer Packung Schokolade. Man nimmt sich Zeit, wenn man zum einen faktisch die Möglichkeit dazu hat und zum anderen auch die körperlichen und emotionalen Kapazitäten.

Als ich vorletztes Jahr von meiner Heimat in NRW zur Uni in Bayern pendeln musste, habe ich ganz oft zu hören bekommen: „Boah, 5 Stunden mit Bus und Bahn unterwegs? Super, dann kannst du ja richtig viel schreiben oder lesen.“ Nein. Ich hätte das gerne gemacht (wo wir wieder beim obigen Willen wären), aber beim Lesen wird mir übel. Ergo fallen Schreiben und Lesen in dieser eigentlich freien Zeit weg. Was bleibt? Hörbuch hören. (Sofern keine lauten Kinder hinter mir saßen und ich einen Sitzplatz bekam, was beides nicht so oft vorkam) Ich hatte freie Zeit, aber ich konnte sie nicht für das nehmen, was ich am liebsten damit gemacht hätte.

Manchmal sind es äußere Umstände, die bedingen, dass freie Zeit nicht gleich freie Zeit ist. Diese verhindern, dass ich mit der freien Zeit, die ich jetzt habe, genau das machen kann, was ich möchte. Ich würde mir gerne Zeit nehmen, um am Buch weiter zu arbeiten? Dann habe ich frei und genau deswegen brauchen meine Großeltern in der Heimat vielleicht Hilfe. („Du hast ja grad frei…“) Manchmal sind es emotionale oder körperliche Faktoren. Wenn ich an ein bestimmtes Jahr zurück denke, ist das Thema Zeit für mich persönlich mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden.

Es gab eine Zeit im Bachelor Studium, in dem ich mein Zweitfach gewechselt habe und im Sommersemester nur ein Fach studiert habe, dazu nur wenige Kurse. Zeitlich gesehen war das ein Traum. Wie viel ich hätte schreiben, lesen, mich mit Freunden treffen können! Aber ich war krank. Damals wusste ich noch nicht, was ich hatte, weswegen ich von Arzt zu Arzt rannte. An den Tagen, an denen es mir besser ging, hätte ich theoretisch viel schaffen können, mein Kopf hat aber gestreikt. Er war zu voll von Sorgen, Gedanken, Ängsten und der Körper zu erschöpft von den schlechten Tagen, um energiereich produktiv zu sein. Ich blicke mit Wehmut auf diese Zeit zurück, weil ich mir sehr häufig denke „Hätte ich doch nur mehr Zeit…“ Damals hatte ich sie und konnte sie nicht für das nutzen, was ich gerne gemacht hätte.

So ähnlich geht es vielen Leuten und ich habe das Gefühl, das wird oft vergessen, Nicht jeder kann um 4 Uhr nachts aufstehen, nicht jeder kann sich abends nach einem langen Tag noch hinsetzen und schreiben. Manche schreiben am liebsten täglich, manche in Etappen. Manche haben Kinder, kranke Verwandte oder Tiere, dessen Fürsorge Priorität haben muss vor zum Beispiel dem Schreiben. Manche haben Migräne, Depressionen, physische Krankheiten, Sorgen jeglicher Art oder einfach mal nur Liebeskummer. Ob jemand die freie Zeit für bestimmte Sachen nutzen kann, hängt von der eigenen körperlichen, emotionalen und mentalen Verfassung ab, wie viel es dafür für das Hobby braucht, wie viel der Mensch unter bestimmten Bedingungen leisten kann und welche Umstände jemand hat. Das ist alles ganz individuell.

Manche sind nach einem langen Tag noch super energiegeladen, kochen, machen den Haushalt, schreiben, lesen und schließen den Tag mit einem Workout ab und manche verbringen die freie Zeit abends lieber mit Netflix. Beides ist vollkommen in Ordnung und nicht immer eine freie Entscheidung. Manchmal würde ich auch gerne schreiben, aber wenn sich das Gedankenkarussell nicht aufhört zu drehen, ziehe ich eine Serie vor. Gerade momentan in Zeiten von Corona ziehe ich einer Serie einem Buch vor oder komme zu beidem nicht und auch damit geht jeder Mensch anders um.

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Netflix Shaming unter Autor*innen und Bloggern

Im letzten Jahr habe ich vermehrt Sätze gelesen, die meist kommen, wenn es um das Thema Zeit, Schreiben, Lesen oder andere Hobbies geht: a) „Wer Zeit hat, Netflix zu gucken, kann auch ein Buch lesen/schreiben“ oder b) „Ich schreibe/lese, anstatt meine Zeit auf Netflix zu vertrödeln.“

Zum Einen möchte ich hier anmerken, wie leid ich es als Serien Liebhaberin generell bin, dass das Gucken von Serien immer und immer wieder herabgesetzt wird. „Ist ja nur eine Serie“ und eine Serie gucken als Abendbeschäftigung erntet auch nur in bestimmten Kreisen (zum Glück auch unter Buchbloggern!) Interesse. Ansonsten wird schnell mit der Nase gerümpft, als wären Serien keine Unterhaltung, keine legitime Form von Geschichten erzählen.

Wie gesagt ist es manchmal zum einen keine freie Wahl, wenn ich zur Serie greife, anstatt zum Buch. Das liegt dann zum Beispiel daran, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann, um zu schreiben oder zu lesen.  Zum zweiten kann ich auch einfach mal eine Serie gucken, weil ich es will. Ich kann freie Zeit haben und mich ganz bewusst und aktiv dafür entscheiden, Netflix anzumachen. Oder einen Hallmark Film. Ich kann auch mal keine Lust haben, ein Buch zu lesen oder meins zu schreiben, obwohl ich jetzt die Zeit dafür hätte. Wenn ich keine Deadline einhalten muss oder perfekt im Zeitplan drin bin, ist das natürlich auch wiederum ein Privileg. Aber es muss kein entweder oder sein. Ich kann Bücher schreiben und lesen und gleichzeitig Serien lieben.

Ich bin keine schlechte, faule Autorin, weil ich an manchen Abenden gerne eine Serie weiter gucke, anstatt zu schreiben. So kommen die oben genannten Sätze nämlich bei mir an. Als ob ich es nur nicht genug wollen würde, als ob ich faul wäre und die wirklich tollen, fleißigen, produktiven Autor*innen geben sich nicht mit sowas primitiven wie Netflix ab, sondern arbeiten hart an ihrem Traum. Das ist absolute Überinterpretation, aber nach vielen Jahren schwingen solche Töne für mich da mit rein. Serien sind nicht weniger wert als Bücher. Es kann sogar gut sein, das Buch einfach mal ruhen zu lassen. Um sich inspirieren zu lassen, den Faden wiederzufinden, einfach mal abzuschalten oder das gelesene Buch danach mit umso mehr Vorfreude wieder lesen zu können. Beide Formate sind mediale Formen der Unterhaltung und müssen nicht in Konkurrenz zueinander stehen.

Zeit Management als Leistungssport und Produktivitätswettbewerb

So kommt es mir manchmal vor, wenn ich online bin. Besonders in manchen Foren, in denen zum Beispiel Fragen gestellt werden wie: „Wie schafft ihr es, nach der Arbeit abends noch das und das zu machen?“ Spätestens auf Seite 2 kommt der Kommentar von Susan: „Also ich habe eine 50 Stunden Woche, sechs Kinder, sieben Hunde, pendele 3 Stunden pro Tag zur Arbeit, mache Sport, bin im Verein, habe einen Freund und schaffe es trotzdem, um 5 Uhr aufzustehen und XY zu machen (Sport/Schreiben/Lesen/Freunde treffen etc.) Dann schaffst du das doch auch/Warum schaffst du das nicht?“

Ich kann solche Diskussionen mittlerweile nicht mehr ernst nehmen. Es gibt Menschen, die sehr viel in den besagten 24 Stunden schaffen und machen und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Meine eigene Tante ist das auch ein Beispiel für. Trotzdem ist es falsch, von sich auf andere zu schließen. Niemand kriegt einen Preis, weil er oder sie die längste To-Do Liste abgehakt, bis zur Erschöpfung gearbeitet hat oder 20 Sachen in die 24 Stunden des Tages gestopft hat.

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Nanowrimo als Ausnahme

Beim Stichwort Produktivität aufs Schreiben bezogen denke ich immer an den Nanowrimo. Dazu habe ich hier einen erklärenden Beitrag geschrieben. In kurz ist das ein Wettbewerb für Autor*innen, um 50.000 Wörter in einem Monat (November) zu schreiben. Ich habe bisher fünf Mal beim Wettbewerb mitgemacht und jedes Mal gewonnen.

Warum ich im Nanowrimo 50k schreiben kann und die Zeit dafür habe, während es im Rest des Jahres länger dauert? Der Nanowrimo könnte doch das perfekte Beispiel sein, dass es sehr wohl geht, weniger zu schlafen oder andere Prioritäten zu setzen. Es funktioniert für mich nur, weil der Nanowrimo eine begrenzte Zeitdauer von 4 Wochen umfasst. Alles, was ich im November mache, um Zeit einzusparen und diese Zeit für das Schreiben eines Buches zu nutzen, kann ich danach im normalen Alltag nicht umsetzen. Der Nanowrimo ist ein zeitlich begrenzter Ausnahmezustand. 2019 habe ich nicht teilgenommen, weil ich keine Zeit dafür hatte. (Ja, ich kann wirklich einfach mal keine Zeit haben, etwas zu machen und das ist dann auch keine Ausrede) Ich hatte nicht das Privileg, entscheiden zu können, dass ich zum Beispiel Uni Projekte im November vernachlässige und dafür im Dezember mehr mache. Dafür gab es zu viele Deadlines, die eingehalten werden mussten.

2018 war das anders, da habe ich mitgemacht, obwohl ich pendeln musste. Ich wollte es unbedingt schaffen, aber mein Wille und Disziplin haben natürlich nicht gereicht. Zwar habe ich in Hotels auf der Toilette geschrieben, weil die Steckdose hinter einem Schrank und somit unbrauchbar war, habe in vollen Einkaufszentren geschrieben, weil ich aus dem Hotel ausgechekt hatte, aber noch warten musste, bis die Vorlesung beginnt. Bin morgens um 4 oder 5 Uhr aufgestanden und habe geschrieben, auch an Bahnhöfen beim Umsteigen und abends um 23 Uhr, wenn ich nach einem langen Tag von Bayern wieder in NRW angekommen bin. Mein Wille war hilfreich und notwendig, aber nicht ausschlaggebend. Ich hatte auch das Privileg, tolle Freunde zu haben, die ich in dem Monat komplett vernachlässigt habe. Ich hatte die Möglichkeit, nur das nötigste für die Uni machen zu können, um dann im Dezember alles aufzuholen. Gelesen habe ich zum Beispiel genau 0 Bücher.

Ich hatte auch das Privileg, schon so Nanowrimo erfahren zu sein, dass ich auch in den wenigen Minuten vor dem Seminar ein paar Wörter schreiben konnte, ohne erst reinkommen zu müssen. Ich bin stolz darauf, diesen für mich besonderen Nanowrimo geschafft zu haben, denn er war hart, aber ich hätte die gleiche Zeiteinteilung nicht im Dezember fortführen können. Mein Gewinn war auch möglich, weil ich das Privileg hatte, meine restliche freie Zeit abseits der festen Termine mehr oder weniger frei einzuteilen und den Stress emotional, körperlich und zeitlich für diese Wochen auszuhalten.

Prokrastination vs. Prioritäten

Was man bei all dem Gerede um Zeit natürlich trotzdem nicht vergessen darf: Prokrastination existiert, besonders mit viel freier Zeit. Wer das Privileg hat, seine freie Zeit nach den eigenen Vorlieben nutzen zu können, muss bei der Einteilung auch Entscheidungen treffen und sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden. Das kann auch sein, zu sagen, dass ich den nächsten ganz freien Sonntag komplett nur mit Bücher lesen verbringen möchte. Damit mache ich das Lesen zur Priorität. Oder ich beende die Serie, die schon so lange auf meiner Watchlist liegt oder arbeite an meinem Buch weiter. Wenn ich freie Zeit habe und die aktiv für meinen Roman nutzen kann und stattdessen zwei Stunden auf Pinterest verbringe, kann das zwei Auswirkungen haben: a) Ich bin inspiriert oder lasse mich inspirieren, erstelle Pinnwände, die ich später öffentlich machen kann, sammle Recherche oder Informationen, schärfe die visuelle Vorstellung meiner Geschichte. Autoren schreiben nicht jeden Tag. Beschäftigungen wie Pinterest können genauso gut zum Autorenalltag dazu gehören wie die Suche nach dem richtigen Vornamen für den Protagonisten.

Allerdings kann das auch zu b) werden und das ist Prokrastination. Das kann man aber nur selbst erkennen und bei Bedarf ändern. Niemand anderes entscheidet, ob ich gerade aufschiebe, ein Buch zu lesen, weil ich Angst habe, dass es mir nicht gefällt oder aufschiebe, an meinem Roman zu arbeiten, weil es irgendwo hakt. Prioritäten können sich von Tag zu Tag ändern, sondern von Stunde zu Stunde. Gerade bei vielen verschiedenen Bereichen kann es schwierig werden, allem gerecht zu werden. Muss man auch nicht. Es ist dann nur wichtig, ehrlich zu sein und regelmäßig das eigene Verhältnis mit und zu Zeit zu reflektieren. Kann ich meine Zeit anders nutzen, will ich das überhaupt und wie sieht es mit äußeren Umständen sowie der mentalen und körperlichen Verfassung, Kindern usw. aus? Kinder ändern sich ja auf sehr lange Sicht nicht, allerdings gibt es auch hier Entwicklungen und die eigene Verfassung kann sich ebenfalls ständig verändern, sodass auch das eigene Zeit Management angepasst und verändert werden kann.

„Ich wünschte, ich hätte auch so viel Zeit, ein Buch zu schreiben/x Bücher zu lesen“

Nicht nur bei Autor*innen, die viele Bücher pro Jahr schreiben (wobei viel ja auch Ansichtssache ist), auch bei Blogger*innen oder auf Instagram wird Leuten, die viele Bücher im Monat lesen, gerne mal zwischen den Zeilen etwas unterstellt. So kommt es bei mir zumindest an, wenn ich einen Lesemonat mit 10 Büchern poste und andere Menschen sinngemäß kommentieren: „Wow, so viele Bücher. Ich wünschte, ich hätte auch so viel Zeit, zu lesen.“ Bei mir kommen dann drei Botschaften von den Kommentierenden an: 1) Das sind viele Bücher, wie schön. 2) Ich würde gerne mehr lesen (können) 3) Hast du sonst nichts zu tun? Das dritte ist natürlich wieder eine Überinterpretation meinerseits, aber die Botschaft schwingt für mich mit drin. Wenn ich in einem Monat viele Bücher lese, dann kann das sehr viele Faktoren haben, die über die reine Zeit hinausgehen: Die Bücher lasen sich leicht und damit schneller, ich hatte Ruhe und mir ging es emotional/körperlich so gut, dass ich nicht von Sorgen, gesundheitlichen Problemen oder ganz einfachen Konzentrationsschwierigkeiten beim Lesen immer wieder unterbrochen wurde, mir hat das Lesen Spaß gemacht und vermutlich habe ich in diesem Monat dann weniger Serien geguckt. Oder ich habe alles andere auf der To-Do Liste trotzdem geschafft, in dem ich in diesem Monat um 4 Uhr aufgestanden bin und ich hatte kein Problem damit, weniger zu schlafen.

Keiner weiß, wie der genaue Tagesablauf und das Zeitmanagement von anderen Leuten aussieht, was die freie Zeiteinteilung (und die Möglichkeit dazu) beeinflusst. Egal, wie oft jemand in den Instagram Stories postet, was er wann macht. Jeder Tag ist anders und es gibt sehr energiegeladene Menschen, sehr produktive Menschen. Zeiträume, in denen man selbst sehr viel oder sehr wenig schafft, ändern sich zumeist früher oder später. Anfang des Jahres bin ich kaum zum Bloggen gekommen, die Uni hatte einfach Vorrang und hat sehr viel Zeit gefressen. Ich wusste aber auch, dass es im Frühling/Sommer hoffentlich besser wird. Durch Corona ist das momentan nicht der Fall, aber dann wird es eben im Herbst besser, bevor ich meine Masterarbeit schreibe. Freie Zeiteinteilung ist nie in Stein gemeißelt, immer flexibel und anpassbar. Es bringt aber nichts, die eigene Zeiteinteilung zu bedauern und andere Leute, die mehr von dem schaffen, was man selbst gerne möchte, zu beneiden. Das ist natürlich, aber darf nicht in Verbitterung ausarten. Würde ich gerne mehr schreiben oder lesen? Natürlich. Kann ich das momentan nicht? Ja. Aber ich weiß auch, dass Leute, die abends noch bis um 23 Uhr schreiben etwas machen, was ich in dem Moment vielleicht nicht könnte, weil ich zu müde oder unkonzentriert bin. Und das ist okay. Zum Umgang mit Zeit gehört auch, zu verstehen, akzeptieren und reflektieren, wie die eigene Zeit eingeteilt und genutzt werden kann und wie nicht. Ich kann es wollen, viele Bücher zu schreiben, aber ich weiß, dass freie Zeit nicht alles ist und es mehr als nur Zeit selbst braucht, um diese auch wie gewünscht nutzen zu können.

Fazit

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir aufhören, andere Leute für ihre eigene Zeiteinteilung zu ver- und beurteilen. Entweder weil sie in unseren Augen besonders viel schaffen oder andere Prioritäten setzen oder nicht die Möglichkeit haben, die freie Zeit nach ihren Vorlieben zu nutzen. Oder mal akzeptieren, dass Leute wirklich „keine Zeit“ für etwas haben und es keine Lösung ist, einfach früher aufzustehen. Zeiteinteilung ist individuell. Freie Zeit ist nicht gleich freie Zeit und die Möglichkeit, etwas machen zu können, manchmal einfach ein Privileg: Weil jemand andere Projekte verschieben kann, einen Partner oder Partnerin hat, der/die sich um die Kinder/Tiere kümmern kann, den Haushalt links liegen lassen kann oder körperlich und emotional absolut fit ist und mit weniger Schlaf klar kommt. Der Wille und die freie Zeit entscheiden nicht darüber, was jemand schafft oder ob jemand seine Ziele erreicht. Zu viele äußere wie menschliche Faktoren spielen eine Rolle. Ich selbst bin bei meiner Wortwahl spezifischer geworden, um Diskussionen vorzubeugen und sage beispielsweise, dass ich „keine Zeit und Ruhe“ hatte, um an etwas weiter zu arbeiten.

 


5 Gedanken zu “[Allgemeines] Freie Zeiteinteilung ist ein Privileg

  1. Liebe Yvonne,

    in diesem Beitrag hast du dir Luft gemacht, auch zu Äußerungen, die ich selbst mache. Ich gebe das zu, dass ich den Spruch „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ schon oft gesagt habe, aber mehr wenn es darum ging Probleme zu lösen oder Wünsche zu erfüllen. Natürlich im machbaren Bereich. Den Faktor Zeit habe ich gar nicht so in Betracht gezogen.

    Obwohl Zeit überall eine Rolle spielt und da sich gefühlt ganz schön viele Leute stressen, kommt das Thema immer wieder hoch. Wenn wir alles mit Leichtigkeit schaffen würden, wie wir es uns vornehmen, wäre es nicht da, das Problem mit der Zeit und die Frage „Wie macht ihr das 10 Bücher zu lesen?“.

    Ich finde es schwierig, nicht auch ein bisschen neidisch zu gucken, wenn jemand viel gelesen hat und ich immer noch an 2 Büchern hänge. Andererseits weiß ich, dass es eben andere Prioritäten in meinem Leben gibt. Wie du schon sagtest, jeder entscheidet selbst darüber, was er priorisiert. Im Normalfall bleibt dann immer etwas auf der Strecke.

    Allerdings bin ich kein Freund davon, dass man Deadlines hat, die einzuhalten sind und die dann nicht schafft, weil man Netflix & Co. verfallen ist. Jammern ist dann keine Lösung, sondern der Gedanke, es beim nächsten Mal anders zu machen. Das kenne ich selbst gut.

    Inzwischen versuche ich mich außerhalb meines Arbeitsalltages darauf zu konzentrieren höchstens 3 Dinge am Tag zu erledigen, weil ich jemand bin, der lange für etwas braucht. Wenn ich mehr erledige, bin ich meistens so k.o., dass ich nur noch ins Bett fallen kann.

    So viel erstmal dazu.

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Liebe Tina,
      tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte. Da hast du recht, das hat sich die letzten Jahre alles so angestaut und mich aufgeregt und damit habe ich mir echt Luft gemacht 😀
      Das kommt wirklich auf den Kontext, die Art und die Personen an, bei denen der Spruch mit dem Willen gesagt wird. Ich habe ihn bisher viel zu oft beim Thema Zeit gehört, aber wenn er so gemeint ist, wie du das sagst, dann stimme ich dir absolut zu und finde es auch in Ordnung. Dann ist es eher eine Motivation, nach Lösungen zu suchen und nicht aufzugeben.
      Sehr guter Aspekt! Viele Leute (mich eingeschlossen) haben ja auch eine schier endlose To-Do Liste, die auch nach produktiven Phasen kaum weniger wird.
      Von Deadlines bin ich auch kein Fan und wenn ich sehen, wie viele manche Leute im Monat lesen, denke ich mir auch manchmal „Ohhh, so viel würde ich auch gerne mal wieder lesen.“ Ich weiß aber, dass momentan dafür nicht die Zeit ist und es auch wieder anders kommen wird. Momentan lese ich z.B. mehr als letzten Monat, weil durch Corona mein Verlagspraktikum leider weg fällt und meine Masterarbeit als Ersatz noch nicht so richtig anfangen kann, weil die Bibliotheken geschlossen sind. Bin also seit heute in einer Übergangsschwebe und will diese Zeit gut nutzen. (Mehr) freie Zeit ist ja auch nicht unendlich, sondern meist Phasenweise.
      Das finde ich eine sehr tolle Idee! Habe auch schon oft gelesen, dass man sich auf der To-Do Liste 3 Prioritäten setzen soll, die zum Ziel des Tages werden. Der Rest ist dann optional.
      Liebe Grüße und einen schöne Woche wünsche ich dir
      Yvonne 🙂

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  2. Ein sehr toller Beitrag. Ich mochte den Satz: „Wenn man möchte, kann man alles erreichen“ auch nie. Es gab mal eine Zeit, da habe ich ganz naiv, wie ich in jungen Jahren noch war, daran geglaubt, bis aber dann die Realität mir vor Augen führte, dass dem eben nicht so ist. Da kommen andere Faktoren, vor allem das finanzielle aber auch Dinge auf die man gar keinen Einfluss hat, wie du schon sagtest Glück, hinzu, die dafür Sorgen das gewisse Dinge eben für manch einen nicht möglich sind. Die Chancengleichheit ist auch hierzulande ein Märchen, welches sich aber fest verankert hat. In meinen Augen ist das mit dem „Wenn man möchte, kann man alles erreichen“ auch immer so ne Vereinfachung von Komplexität, da wird halt alles ausgeblendet, was dagegen spricht, wie die soziale Situation und das Umfeld von Menschen. Beispielswiese kann man sicherlich nicht im Ausland studieren, wenn man Angehörige pflegen müsste. Kann ja sein, dass man das dann gerne möchte, aber erreichen wird man es eher nicht. Generell wird es, wenn man ein Ziel nicht erreicht in unserer Gesellschaft der Person selbst angelastet, die dafür verantwortlich ist.

    Was du mit Netflix sagst, da stimme ich dir auch zu. Gerade in der Buchblogger-Szene habe ich oft das Gefühl, dass mahnend auf einen gezeigt wird a la wenn du nicht so viele Serien gucken würdest, dann könntest du ja viel mehr lesen. Wie du entscheide ich mich oft aber auch bewusst für Serien: Ich kann eben nur so in stressigen Phasen oder nach einem langen Tag, wo ich schlicht zu müde zum lesen bin, abschalten und manchmal fesseln mich Serien eben so, dass ich den Folgen richtig entgegenfiebere. Für mich sind Serien auch Geschichten, bei denen ich die Art der Erzählweise, die Arbeit dahinter und die Inszenierung bewundere. Ich hoffe ich habe dir da noch nie ein schlechtes Gefühl gemacht, wenn es darum ging wie viel du liest. Da war nämlcih nie meine Intention. Ich bewundere das immer, wenn jemand so viel im Monat liest, weil ich selbst wenn ich viel lese nur ein Buch schaffe :D. Ich würde dann auch gerne etwas flotter lesen können. Aber sowas spielt ja auch mit rein, wenn es um Anzahl von Büchern geht: Wie schnell liest jemand. Die einen sind schnelle Leser, andere brauchen eben länger für Texte. Das ja gar nicht schlimm. Ich würde aber nie damit andeuten wollen, dass jemand zu viel freie Zeit.

    Am Ende kann ich dir nur Zustimmen: Freie Zeiteinteilung ist definitiv in Privileg und einfach abhängig von der eigenen Situation. Nicht jeder hat dieses Privileg und wir sollten dem auch mehr Aufmerksamkeit schenken.

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    1. Vielen lieben Dank für das Lob, Nicole! Das freut mich echt. Tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte 🙂
      Ja, genau! Es gibt einfach zu viele Faktoren, auf denen der eigene Wille kein Einfluss hat, die dann gerne mal unterschlagen werden. Nur mit Willen sind nicht alle Ziele erreichbar.
      Stimme dir sowas zu, dass hast du so gut ausgedrückt und ergänzt und es ist nicht okay, wenn die Verantwortung der jeweiligen Person aufgehalst wird.
      Ich bin wirklich froh, ein paar Buchblogger gefunden zu haben, die auch gerne Serien gucken. Trotzdem gibt es noch oft Verurteilung, auch unter Autor*innen, weil Netflix als Unterhaltungsform manchmal verpönt anstatt gelobt wird. Dabei sind Serien praktisch die visuelle Variante zu Büchern, je nach Staffel Anzahl mit viel Material.
      Nein, absolut nicht, das hast du noch nie! Wenn mir jemand ein schlechtes Gewissen macht, dann spreche ich das auch offen an, dass das nicht nett ist.
      Ganz genau! Jeder braucht unterschiedlich lange für ein Buch. Gestern erst hatte ich ein Gespräch mit einer Bloggerin, die kein Goodreads nutzt, weil sie so viel liest, dass sie nicht hinterher kommen würde. Pro Stunde schafft sie 270 Seiten. Da war ich auch erst mal beeindruckt.
      Vielen lieben Dank! Wünsche dir noch eine schöne Woche 🙂

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