[Rezension] Nix passiert von Kathrin Wessling

Je höher der Anstieg, desto größer der Fall. Was bei Achterbahnen funktioniert, geht auch bei Büchern, die zuerst wie ein Jahreshighlight wirken und sich dann doch enttäuschend entwickeln. Je besser ich den Anfang fang, desto mehr werde ich später enttäuscht. Ich weiß, dass viele dieses Buch momentan in den Himmel loben und das kann ich auch absolut verstehen, trotzdem hat es für mich im Laufe des Buches immer weniger gepasst.

Das Buch ist 2020 mit 240 Seiten erschienen und darum geht es:

Alex ist verlassen worden. Und ohne Jenny ist Berlin einfach nichts. Kurzentschlossen nimmt Alex sich eine Auszeit im Kaff seiner Kindheit. Doch statt Erholung sieht er sich mit einer Idylle konfrontiert, die keine ist, nie wirklich eine war – auf jeden Fall nicht für ihn. Statt Unterstützung gibt es Familienstreit, offene Rechnungen mit alten Freunden und vor allem Langeweile. Und Alex fragt sich, ob er die Kleinstadt eigentlich jemals hinter sich gelassen hat. Und was überhaupt Zuhause bedeutet.

Nix passiert ist wörtlich zu verstehen

Etwas, was mich bei dem Roman im Verlauf auch gestört hat, war das Gefühl, auf der Stelle zu stehen. Ja, es ist realistisch, lange Liebeskummer zu haben. Das geht nicht von heute auf morgen weg. Als jemand, der selbst seit ein paar Monaten unter Liebeskummer leidet, konnte ich mich anfangs wirklich gut in Alex hineinversetzen, habe vieles wiedererkannt, mich verstanden gefühlt und hätte am liebsten jeden zweiten Satz markiert. Und dann… passierte… nix. Nach 70 Seiten dachte ich zum ersten Mal „Okay, ich habe jetzt verstanden, wie sich der Charakter fühlt“. Nach 120 Seiten war ich mir sicher: „Ich muss keine weiteren 120 Seiten davon lesen, wie Alex sich in seinem Kleinstadt Zimmer bemitleidet, Alkohol trinkt, schlecht über alte Bekannte denkt und nicht aufstehen will.“ Ich hatte einfach genug, aber der Variantenreichtum der Handlung blieb aus. Alex schläft im dunklen kleinen Zimmer, trinkt Alkohol, jammert über sein Leben, die Liebe und die Welt, trinkt Alkohol und denkt viel nach. Sehr viel. Gefühlt war der Roman ein ewiger Monolog, auch Gespräche wurden immer wieder in Gedanken kommentiert. Ich habe am Ende des Buches erleichtert ausgeatmet, wie nach einer schweren Matheaufgabe. Geschafft. Ja, Alex macht eine Entwicklung durch. Aber das ganze ist so zäh und passiv, dass ich es anstrengend fand.

Mehr Essay als Roman

Der Schreibstil von Kathrin Wessling war mir durch ihr Buch Super und dir (das mir übrigens super gefallen hat!) schon bekannt und obwohl er mir hier am Anfang auch so gut gefallen hat, konnte er mich im Laufe des Romans nicht begeistern. Ich finde auch, dass das ganze auch ein sehr langer Essay hätte sein können. Oder eine mehrteilige Kolumne in einem Magazin. Vielleicht hätte es mir dann besser gefallen. Als Roman hat für mich sowohl das Thema als auch Schreibstil nicht gefallen, dabei ist es ja nicht einmal ein sehr langer Roman, sondern hat nur fast 250 Seiten. Der Schreibstil ist kurz, teilweise stichpunktartig, die Wortwahl derb und modern, was mir beides mit der Zeit auf die Nerven ging. Fresse halten, Shit, Fotze, Ficken ist wirklich kein Sprachgebrauch, mit dem ich ein ganzes Buch brauche. Das wurde mir mit der Zeit zu viel und auch die moderne Wortwahl mit Anglizismen hat mir nicht gefallen, wie in diesem Beispiel.

Unsere Friends hätten immer einen Plan, jeden Tag was los, this is halt Berlin, so free, so wild, yeah.“ (S. 105)

Uninteressanter Charakter als Identifikationsfigur

Was macht Alex aus? Ich kann nach dem Buch nicht viel über seinen Charakter sagen. Er ist jemand, der Liebeskummer hat und in Berlin lebt. Das Stichwort ist hier Jemand. Denn ich konnte keine Verbindung zu ihm aufbauen, mit ihm mit fiebern und leiden, obwohl die Autorin doch so nah an seinen Gefühlen und Gedanken schreibt. Für mich war es nur ein jemand, eine Projektionsfläche als Identifikationsfigur für den Leser. Der Ullstein Verlag bewirbt das Buch mit „das Abbild einer Generation auf der Suche nach allem und nichts“ und genauso liest es sich auch. Mir fehlten bei Alex die Ecken und Kanten. Das Buch ist natürlich nicht super dick und ich habe auch keine tiefgründige Charakterstudie erwartet, aber mich hatte es den Eindruck, als müsste Alex unbedingt das Sinnbild einer Generation sein. Also wird auch schön mit Klischees und Vorurteilen gespielt, die zum Teil stimmen und zum Teil doch nur immer wieder das gleiche erzählen. Die coole Großstadt Berlin und das lahme kleine Dorf.

„Die Dramaqueen hat angerufen und will ihre Gedanken zurück.“ (S. 68)

Worte, die zum Nachdenken anregen

Natürlich war nicht das ganze Buch schlecht, sonst hätte ich es abgebrochen und gerade am Anfang (aber auch zwischendurch als Lichtblick) gab es wirklich Highlights! Gut beschrieben fand ich das Gefühlschaos rund um Alex, der als Erwachsener wieder ins Haus seiner Eltern in der Heimat zieht und im Kinderzimmer seines Bruders lebt. Dieses Gefühl von angekommen, aber eben doch nicht richtig, war ständig präsent. Ich als Kleinstadtmensch kann leider auch ein paar der Klischees zustimmen, die im Buch aufgegriffen wurden. Zum einen die Bauweise vieler Häuser auf dem Land, da fand ich die Beschreibung fast schon gruselig, weil es einfach 1:1 auf meine Heimat und die Nachbarschaft zutrifft und zum anderen die Denkweise auf dem Land oder in einer Kleinstadt, weil zum Beispiel vegane Ernährung nicht so akzeptiert wird wie in einer Großstadt und dementsprechend auch das Angebot fehlt.

Außerdem berührt hat mich die soziale Ebene, weil die Autorin bei vielen Situationen den Nagel auf den Kopf trifft. Zum einen wenn es um Freundschaften geht, wenn man sich versichert, sich ja bald wieder zu sehen und schon sind sechs Monate vergangen, und zum einen beim FOMO Gefühl bei Großstädten vs. Kleinstädten. FOMO meint Fear of missing out, also das Gefühl, etwas zu verpassen. Das wird im Laufe des Buches auch thematisiert und das hat mir super gefallen, weil ich es nur bestätigen kann. In meiner Uni Stadt (keine Großstadt wie Berlin, aber schon sehr groß) muss ich teilweise wählen, ob ich am Wochenende a) oder b) machen. Ich muss mich entscheiden und natürlich bleibt bei der Wahl ein Restgefühl von FOMO bestehen, weil das andere ja besser sein könnte und überhaupt. Auf dem Land oder in einer Kleinstadt ist das anders. Man kann sich nicht zwischen drei Bars entscheiden, es gibt einfach keine. Man kann nicht wählen, ob man Kino A oder Kino B lieber mag, weil es gar kein Kino gibt. Erst wieder in der nächsten größeren Stadt. Und selbst da gibt es „nur“ zwei, die Wahl ist also nicht riesig. Bei Veranstaltungen sieht es ähnlich aus, in der Kleinstadt geht alles ein bisschen langsamer, beständiger, weniger anonym und meistens ist alles wie immer. Deswegen hat mich ein Zitat auch sehr berührt, weil es sehr viel über die Gesellschaft, Menschen und das Leben in einer großen oder kleinen Stadt aussagt:

„Ich will endlich mal wieder nichts verpassen, weil es nichts zu erleben gibt. […]“ (S. 157)

Lieblingszitat

Zum Wort „getrennt“ schreibt die Autorin:

„Das Wort ist so wenig für das soviel an Schmerz.“ (S. 27)

Fazit

Bei meinem ersten Buch von Kathrin Wessling hat mir der Schreibstil gut gefallen, für mich war sie Poetin und Wortkünstlerin zugleich. In diesem Buch wurde aber alles, was mich am Anfang noch so begeistert hat, mit der Zeit anstrengend und ermüdend: Der Schreibstil, die vielen Gedanken, die wenig aktive Handlung, Alex als Charakter. Obwohl die Idee und der Anfang klasse sind, war dieses Buch nicht meins und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich weitere Bücher der Autorin lesen möchte. Vielleicht gab es einen Zeitpunkt für diese Art von Roman und diese Zeit ist nicht mehr Jetzt.

Andere Rezensionen zum Buch

Isabella von Noch mehr Bücher hat gut beschrieben, warum das Buch für sie ein Jahreshighlight ist.

 


2 Gedanken zu “[Rezension] Nix passiert von Kathrin Wessling

  1. Liebe Yvonne,

    spannend, mir ging es genau andersrum – ich fand „Super, und dir?“ schwächer als „Nix passiert“, letzteres hat bei mir einfach mehr einen Nerv getroffen. Ich kann aber sehr gut nachvollziehen, dass Alex‘ Gedanken über große Strecken sehr repetitiv sind, auch wenn ich glaube, dass für mich gerade auch darin der Reiz bestand. Dadurch erhielt ich einfach den Eindruck, dass er wirklich feststeckt, in seiner derzeitigen Lebenssituation, aber vielmehr auch in seinem Kopf. Dennoch fand ich, dass es subtil immer ein bisschen besser wurde, auch wenn der überwiegende Tenor natürlich ähnlich blieb.

    Und ja, die Klischees und Vorurteile findet man absolut auch in ganz vielen anderen Büchern! Gerade da fasziniert mich auch die Hartnäckigkeit. 😀 Ich hab meine BA unter anderem zu Stadt-Land-Darstellungen geschrieben und wann immer ich jemandem mein Thema erklärt habe, hat die Person mir erzählt, wie es auf dem Land und in der Stadt denn sein soll – und dabei dieselben Klischees verwendet (ganz gleich, ob sie aus der Stadt oder vom Land kamen). 😀 Ich glaube, dass die Klischees schon aus irgendeinem Grund fortbestehen, weil sie einerseits partiell zutreffen und man andererseits dadurch Stadt und Land nicht in der jeweiligen Komplexität erfassen muss. Ok, jetzt komme ich wieder ins Schwärmen/Rumnerden rein.

    Ich bin auf jeden Fall gespannt, was Weßling als Nächstes publizieren wird, und werde es definitiv auch von dem Klappentext abhängig machen, ob ich mehr von ihr lese. Bisher habe ich schon den Eindruck, dass gewisse Themen ihr Werk einfach durchziehen, also mal schauen.

    Tolle Rezension!

    Alles Liebe
    Isabella

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Isabella,
      danke für deinen tollen Kommentar! Negative Rezensionen sind ja manchmal etwas schwierig. Tut mir auch leid, dass ich jetzt erst zum Antworten komme. Ich bin aufgrund der aktuellen Situation nicht so produktiv wie ich es gerne wäre, aber das pendelt sich momentan wieder ein. 🙂
      Das ist sicherlich ein großer Punkt, gerade bei so emotionalen und persönlichen Themen, die sehr intensiv erzählt werden. Dann hat Super und dir mehr den Nerv getroffen als Nix passiert. Vielleicht hätte Nix passiert grundsätzlich bei mir besser funktioniert mit einem anderen Protagonisten. Solche Bücher stehen und fallen schließlich mit den Charakteren und Alex konnte mich nicht packen.
      Deine Bachelor Arbeit klingt ja mal mega spannend, klasse Thema! 😀 Haha, das kann ich mir gut vorstellen. Auf ein paar grundsätzliche Klischees läuft es trotz allem immer wieder ein bisschen hinaus, weil viele im Kern auch einfach stimmen.
      Den Eindruck habe ich auch. Ich werde es mir zweimal überlegen, ob ich ihr nächstes Buch lesen werde, aber ich denke, das wird auch einfach extrem vom Thema abhängen und ob mir in dem Moment der Schreibstil/das Konzept des Buches zusagen.

      Vielen lieben dank!
      Liebe Grüße
      Yvonne 🙂

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