[Rezension] Raffael – Das Lächeln der Madonna von Noah Martin

Wer weiß von meinem Kunstgeschichte Studium? Nach langer Zeit habe ich mal wieder einen historischen Roman gelesen und obwohl er mir gut gefallen hat, hatte ich auch Probleme mit dem Fokus und der Spannung. Das Buch ist ein Rezensionsexemplar von Vorablesen, aber das beeinflusst meine Meinung nicht.

Raffael – Das Lächeln der Madonna ist 2020 mit 632 Seiten bei Droemer Knaur erschienen und darum geht es:

Genie, Getriebener, Liebender: »Raffael – Das Lächeln der Madonna« ist der große historische Roman über Raffael Sanzio, der einer der bedeutendsten Maler der Renaissance war und dieses Jahr sein 500-jähriges Jubiläum feiert.

Raffael Sanzio gilt schon mit zwanzig Jahren als neuer Stern am Himmel der Renaissance. Doch es sind unruhige Zeiten in den italienischen Stadtstaaten. Der Maler führt ein rastloses Leben, lernt Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci kennen, verliebt sich in die junge Bäckerin Margherita Luti und ist doch ständig auf der Flucht vor den Mächtigen. Als Papst Julius II. ihn nach Rom ruft, um seine Gemächer neu zu gestalten, verstrickt Raffael sich immer tiefer in die Machtkämpfe einer der blutigsten, spannendsten und faszinierendsten Epochen der europäischen Geschichte.

Wenn Kunstgeschichte Erinnerungen geweckt werden

Mein Zweitfach im Bachelor war Kunstgeschichte. Ein Studium, dass mich viele Nerven gekostet hat, nicht mein Lieblingsfach war und dennoch sehr inspirierend und interessant  – insbesondere Architektur und die großen Maler wie Raffael, DaVinci, Rubens und Botticelli finde ich toll. Deswegen kam mir der Roman um einen der größten Maler aller Zeiten gerade recht. Die Autorin hat ebenfalls Kunstgeschichte studiert, aber sie hat alles so gut erklärt, dass meiner Meinung nach auch jemand mit null Vorwissen keinerlei Verständnisprobleme haben sollte. Trotzdem hat es mir gut gefallen, wie oft das Buch Erinnerungen bei mir geweckt hat: An längst vergessene Seminare, meine erste Bildanalyse, Prüfungen und Maltechniken. Schlagworte wie Temperafarbe, Donato Bramante, Lasur und Arricio öffneten ein Portal zu vergangen Zeiten – historisch und persönlich, was wirklich Spaß gemacht hat.

Wenn gut recherchiert wird

Was mir auch an dem Buch gefallen hat, war die Genauigkeit, mit der Noah Martin offensichtlich am Buch gearbeitet hat. Es wurde nicht nur auf Details zur Zeit der Renaissance geachtet oder auf die historischen wie auch kunstgeschichtlichen Genauigkeiten, sondern auch die Sprache. Allerdings so, dass es trotzdem gut leserlich blieb, was wirklich ein Balanceakt bei historischen Romanen ist, aber hier gut gelingt. So werden Süßigkeiten beispielsweise als „Naschwerk“ (S. 71) bezeichnet, was ein gehobenes Wort dafür ist, aber heutzutage eher selten verwendet wird. Auch Vergleiche und Metaphern sind angepasst an die damalige Zeit und treffend für einen Maler, wenn er meint, dass jemand aus der Menge heraussticht wie „Kermesrot auf einer hellen Leinwand“ (S. 273)

Wenn der Fokus verloren geht (?)

Der Autor hat über 5 Jahre an dem Roman gearbeitet und an Schauplätzen recherchiert. Obwohl man das dem Buch in der Ausführlichkeit anmerkt, ist genau das auch mein Problem gewesen. Im Laufe des Romans geht es nicht nur um Raffaels Geschichte (wie ich zunächst angenommen hatte), sondern es gibt auch immer mal wieder Kapitel aus anderen Perspektiven, so einem fiktiven Novizen Daniele, aber auch Raffaels Geliebten Magherita Luti und weiteren. Ich frage mich nur, ob der Fokus verloren wurde. Brauchte es die anderen Perspektiven wirklich, um Raffaels Geschichte zu erzählen? Damit meine ich nicht aus kunstgeschichtlicher oder wissenschaftlicher Sicht, sondern aus Autoren Sicht. Ich sage Nein. Die Kapitel haben auf ihre Weise mal indirekt oder direkt zu Raffaels Geschichte beigetragen, aber zum größten Teil waren sie für mich Kontextbeiwerk und ein „nice to have“, kein „must have.“ Stattdessen nahmen sie den Fokus, die Spannung und das Tempo von Raffaels eigener Geschichte raus. Meiner Meinung nach hätte es der Geschichte besser getan, alle anderen Perspektiven zu streichen oder enorm zu kürzen. So bleibt für mich der Eindruck, dass der eigentliche rote Faden und Fokus auf Raffaels Geschichte in der Fülle an Material, Informationen und Möglichkeiten untergegangen ist.  Ohne die Kapitel aus anderen Perspektiven wäre es für mich ein klasse Roman gewesen, so bleibt es ein historischer Roman mit Längen.

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Wenn es episch wird

Es gab im Laufe des Buches tatsächlich Gänsehautmomente. Im Jahr von Raffaels 500. Todestag wissen wir, was für ein großartiger Maler er war. Allerdings ist es etwas ganz anderes, in die Zeit der Renaissance zurück versetzt zu werden und ein Buch aus seiner Perspektive zu lesen. Manche Dialoge und Gedanken waren dann einfach episch, besonders wenn es um Raffaels Werke (oder die von Leonardo Davinci und Michelangelo) ging und die Zeit nach dem Tod. Ein Beispiel für mich ist ein Gedanke von Raffael:

„Was ich noch schaffen muss, bevor es mit mir zu Ende geht. Etwas, zumindest ein Werk, das die Zeit überdauert, wie Dantes Comedia, wie die Kunstwerke des alten Roms.“ (S. 180)

Wenn man jetzt an Raffael denkt, wird jedem etwas anderes einfallen. Egal, ob es sich dabei um ein Madonnenbild, ein beliebiges Werk von ihm, die Schule von Athen oder die kleinen Engel aus dem Gemälde der sixtinischen Madonna handelt. Gerade letzteres hat glaube ich fast jeder schon mal gesehen, wenn auch nur auf einer Karte zu Weihnachten. Es gibt sie eben, diese besonderen Künstler (nicht nur in der Malerei, auch in der Architektur, Literatur, Musik, jeder bildenden Kunst oder Handwerk) und dieses Buch ist eine wunderbare Hommage an Raffael und viele Künstler seiner Zeit.

Wenn die Geschichte zum Nachdenken anregt

Insgesamt fand ich die Geschichte rund um Raffael interessant. Nicht nur, wie er auf bekannte Weggefährten wie Leonardo DaVinci und Michelangelo trifft und wie die dargestellt werden, sondern auch sein eigener Weg, seine Konflikte und Ziele. Noah Martin hat einen tollen Charakter geschaffen, mit dem ich mitgefiebert habe und trotzdem gab es auch Szenen, die mich zum Nachdenken angeregt haben, wie Zitate wie „Aber nicht jedes schöne Mädchen ist auch ein gutes Model“ (S. 159), was natürlich eigentlich vollkommen klar ist. Hier wird das aber im Kontext der Malerei thematisiert, was dem ganzen noch mal eine andere Richtung gegeben hat und ich sehr interessant fand.

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Lieblingszitat

„Männer wie er schufen sich ihre eigenen Omen.“ (S. 130)

Fazit

Der historische Roman hat mir gut gefallen, obwohl es mir wesentlich besser gefallen hätte, wenn einige der Kapitel aus anderen Perspektiven komplett gestrichen oder zumindest gekürzt worden wären. Trotzdem hat Noah Martin mit Raffael eine Figur erschaffen, die liebt, leidet und für die Erfüllung seiner Träume kämpft, was die Geschichte trotz ihrer Längen interessant und spannend gemacht hat.


2 Gedanken zu “[Rezension] Raffael – Das Lächeln der Madonna von Noah Martin

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