[Rezension] Dry von Neal und Jarrod Shusterman

Ich habe über dieses Buch so viel negatives gehört, war aber zuvor so begeistert von der Scythe Reihe von Neal Shustermann gewesen, dass ich etwas abgewartet habe, bis ich selbst zum Buch griff und es war wunderbar! Wirklich ein toller Roman. Obwohl ich die Kritik auch verstehen kann, mir hat er richtig gut gefallen. Das Buch ist 2019 bei Fischer Sauerländer und darum geht es:

Kein Wasser. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie mehr.
Niemand glaubte, dass es so weit kommen würde. Doch als Alyssa an einem heißen Junitag den Wasserhahn aufdreht, passiert nichts. Es kommt nicht ein Tropfen. Auch nicht bei den Nachbarn. In den Nachrichten heißt es nur, die Bewohner Kaliforniens sollen sich gedulden. Aber als das Problem nicht nur mehrere Stunden, sondern Tage bestehen bleibt, geduldet sich niemand mehr. Die Supermärkte und Tankstellen sind auf der Jagd nach Wasser längst leer gekauft, selbst die letzten Eisvorräte sind aufgebraucht. Jetzt geht es ums Überleben.

Vielen lieben Dank an NetGalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar, das beeinflusst meine Meinung aber nicht. Sehr gute E-Books kaufe ich mir fürs Bücherregal und da möchte ich bei diesem Buch nochmal die klasse Bindung loben! Die ist wirklich großartig und egal wie viel man liest oder sogar den Buchrücken knickt, es gibt kaum Leserillen und ich mag die Haptik sehr.

Faszinierende Charaktere und Perspektiven

Das Buch wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was für diese Art von Geschichte genau richtig und für mich sehr spannend war. Alyssa bildet die Identifikationsfigur, die über Moral nachdenkt, Menschen helfen will und zusammen mit ihrem kleinen Bruder Garrett ihre Eltern sucht. Den beiden schließt sich Alyssas ungewöhnlicher Nachbar Kelton an, sowie später auf der Reise der gewiefte Henry und das Mädchen Jacqui, das noch für die ein oder andere Überraschung gut ist. Ich mochte an allen Charaktere, dass sie auf ihre Weise besonders waren, so faszinierte mich auch Keltons Survival Einstellung und seine Eltern, die einen Bunker und Waffen zuhause haben. Außerdem korrigiert er Doc Browns Aussprache in Zurück in die Zukunft. Warum alle Alyssa so toll fanden, blieb mir ein Rätsel, weil sie ein eher durchschnittlicher Charakter ist und das war für mich alles eher unnötig. Dem Roman hätte nichts gefehlt, wenn es keine kleinen Liebeleien gegeben hätte, im Gegenteil hätte das die Themen Freundschaft, Verrat und Überleben nur noch mehr betont. Ich mochte die Dynamik zwischen der Gruppe sehr, die sich im Laufe des Buches natürlich weiterentwickelt und mal mehr mal weniger zwischen diesem schmalen Grad an Misstrauen und Vertrauen pendelt.

Zwischendurch gibt es außerdem immer wieder kleine Snapshots, das heißt andere Perspektiven, die ein paar Seiten lang sind und von einzelnen Situationen berichten, wie einer Familie am Flughafen, die nicht weg kommt oder eine Nachrichtensprecherin. Das hat dem Buch mehr Tiefe und Vielfalt gegeben und auch haben die Autoren es geschafft, mich trotz der wenigen Zeilen mit den Charakteren mitfiebern zu lassen.

Auswirkungen des Wassermangels

Natürlich habe ich mich auch schon vor Lesen des Buches mit dem Thema Wassermangel beschäftigt und wer die letzten Hochsommer in Erinnerung hat, kann auch den Durst nachvollziehen, der manchmal unglaublich wird. Neben den offensichtlichen Aspekten hat das Autorenduo aber auch noch sehr viele zusätzliche Themen und Details angesprochen, was ich unglaublich interessant fand. Wie sieht es mit verseuchtem Wasser aus, mit dem Gestank, wenn die Kläranlage nicht mehr richtig läuft, wie schafft man Wasser, was kann man schmelzen, wie reagiert der Körper genau und was für Quellen und Möglichkeiten gibt es alles? Tatsächlich wurde an Möglichkeiten gedacht, auf die ich niemals im Leben gekommen bin. Ich hatte beim Lesen des Buches durchweg mehr Durst als sonst und habe auch bemerkt, wie ich danach etwas dankbarer war für mein Mineralwasser. Ja, es ist nur ein fiktives Buch, aber es ist einfach so gut ge-und beschrieben und absolut nicht unrealistisch, sodass es durchaus Auswirkungen auf das reale Leben hatte.

Der Schreibstil

Der Schreibstil passt zum Buch, die Sätze sind nicht zu leicht und verschachtelt, nicht poetisch oder gar metaphorisch, sondern immer auf den Punkt, kurz und mit der Erwartung eines Plot Twists. Bei diesem Buch hätte ich auch nicht unbedingt sagen können, welche Teile der Vater und welche sein Sohn Jarrod geschrieben hat, was auch immer ein sehr gutes Zeichen ist. Das Thema selbst ist durch den Klimawandel hoch aktuell, deswegen fand ich es super, dass Vergleiche mit aktuellen Themen gezogen wurden. Aber immer so, dass das Buch nicht an seiner Zeitlosigkeit verliert und auch noch in vielen Jahren verstanden werden kann.

Menschliche Abgründe

Ich wusste, dass es in diesem Buch einen Plot Twist geben würde. Ich wusste es einfach, weil mich Neal Shusterman damit in Scythe so begeistert hat. Und genau das passierte hier schon in der ersten Hälfte des Buches. Diese Art von Plot Twists, die dich im Kino mit offenem Mund dasitzen lassen, während es im Kopf „Oh mein Gott“ rattert und die beim Lesen einfach so wahnsinnig viel Spaß machen. Das war einfach klasse gemacht!

„[…] ,aber nach Tagen ohne Wasser braucht der Tod keine Einladung.“ (S. 277)

Das Buch stellt nicht nur die verschiedenen persönlichen Schicksale der Perspektivcharaktere dar, es wirft auch Fragen der Moral und der Menschlichkeit auf. Was würdest du machen, um Wasser zu bekommen? Die Frage nach Wasser wird zur Frage des Überlebens und manche sind bereit, dafür alles zu tun. Würdest du jemandem etwas von deinem Wasser abgeben, würdest du anderen helfen und nur der Familie oder auch Fremden? Wie weit geht dein Misstrauen, wie weit dein Vertrauen? Würdest du jemanden töten? Wer würde eher überleben, welche Orte und Viertel haben bessere Chance und wie könnte die Regierung reagieren? Wie handeln alte oder junge Menschen, was ist mit den Haustieren und wer nutzt das Leid aus? Wie entscheidest du, wem du hilfst und wann kannst du wegsehen? Das Buch ist ein fiktives Szenario, dass sich abseits des Wassermangels aber durch die allgemeinen moralischen Fragen, die indirekt in Situationen gestellt werden, auf viele gesellschaftliche Themen übertragen lässt.

„Diese geschlossene Wohnanlage hatte sich in ein luxuriöses Leichenschauhaus verwandelt.“ (S. 231.)

Viel Action ist genug Action

Nicht immer ergaben alle Handlungen für mich Sinn. Schon am Anfang lässt Alyssa den Rucksack mit Wasserflaschen bei den Nachbarn, weil sie Angst vor der Stimmung bekommt und sich vor der moralischen Entscheidung drückt, wer wie viel Wasser bekommt, was für ihren Charakter absolut Sinn macht. Das auf dem Rucksack aber Keltons Name steht, sodass die Leute wissen, wer noch Vorräte hat, wirkt etwas konstruiert, aber irgendwie musste die Lage sich ja zuspitzen. Zum Ende des Buches verliert sich die Geschichte allerdings in einer Hollywood ähnlichen Fail Spirale, wenn der Endkampf einfach nicht zu Ende geht und gefühlt ewig dauert. Ja, Action ist immer gut, aber hier wurde es mir zu bunt. Etwas schlimmes passiert und natürlich passieren danach noch drei weitere schlimme Dinge. Es gibt Momente und dan noch einen und noch einen, bis der Turm aus Spannung und Gefühlen einstürzt und ich mich bei den Gedanken ertappte: „Jetzt ist auch mal gut…“ Die Geschichte drehte sich im Kreis. Irgendwann reicht es auch und es ist besser, die Geschichte zu Ende zu bringen, das hätte für mich also früher enden können.

Lieblingszitat

Mein liebstes Zitat auf S. 239 ist leider ein paar Zeilen lang, deswegen muss hier ein anderes herhalten. Ich würde gerne noch so viel mehr Zitate verwenden, aber ich muss es bei den Beispielen belassen.

„Mir wird klar, dass „gab“ das entscheidende Wort ist. „Gab“ bedeutet den Unterschied zwischen Rettung und Untergang.“ (S. 347)

Fazit

Ein sehr spannender und faszinierender Roman mit hochaktuellem Thema und gesellschaftlichen Abgründen, die zum Nachdenken anregen. Lediglich am Ende wurde es too much, was meine Begeisterung aber kaum schmälert.

 


9 Gedanken zu “[Rezension] Dry von Neal und Jarrod Shusterman

  1. Hallo Yvonne,

    das Buch liegt schon seit Ewigkeiten auf meinem SuB. Freut mich, dass es dir im Großen und Ganzen gefallen hat. Deine Rezension hat mir wieder Mut gemacht. 😀 In meine Timeline wurden schon so viele negative Stimmen zu dem Buch gespült, dass ich es erstmal nicht lesen wollte. Das werde ich nun ändern.

    Liebe Grüße
    René

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, das freut mich ja echt! Dankeschön 🙂 So ging es mir ja auch und das wäre echt so ärgerlich gewesen, weil ich Scythe 1 schon großartig, aber Band 2 nicht so gut fand und ich mich so auf Dry gefreut hatte. Bin echt froh, dass ich es mochte 🙂
      Ganz liebe Grüße zurück!

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  2. Hallo Yvonne,

    von dem Buch hatte ich bisher tatsächlich noch nicht so viel gehört, aber es ist gerade sofort auf meine Wunschliste gewandert. Eine wirklich schöne und ausführliche Rezension von dir! Ich bin schon total gespannt auf die Geschichte und wie sie mir gefallen wird – Bücher, bei denen sich die Meinungen spalten, finde ich sowieso immer sehr interessant 🙂

    Liebe Grüße
    Marie

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Marie,
      Oh wie schön ist das denn?! Freut mich mega und Danke für das liebe Feedback 🙂
      Das hoffe ich auch! Berichte auf alle Fälle mal, wenn du das Buch liest. Das finde ich auch, dann kann man super diskutieren und verschiedene Meinungen macht es noch interessanter.
      Liebe Grüße
      Yvonne 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. Oh schade, dass das es gegen Ende dann etwas too much ist. Klingt ansonsten nämlich nach einem Buch auf das ich richtig Lust habe zu lesen. Die Thematik ist spannend und erschreckend, ein Szeneario, dass ich nicht erleben will. Finde es auch immer spannend, wenn es um Abgründe der Menschen geht und Mensche psychologisch näher beleuchtet werden. Eine schöne Rezension!

    viele liebe Grüße

    Nadine

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das fand ich auch schade. Genau darum geht es in dem Buch eben auch und das ist so faszinierend! Ich kann das Buch absolut nur empfehlen, wäre bestimmt was für dich. 🙂
      Liebe Grüße!

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