[Rezension] Falling Fast von Bianca Iosivoni

Um dieses Buch kam man auf Social Media kaum herum und ich wurde da leider schon vorher über das Ende gespoilert. Ich mochte das Buch, aber mich hat doch auch viel gestört und ich muss auch etwas zum Ende sagen, den Spoiler kennzeichne ich dann.

Das Buch ist 2019 im Lyx Verlag erschienen und darum geht es:

Hailee DeLuca hat einen Plan: Die Zeit, in der sie sich zu Hause verkrochen und vor der Welt versteckt hat, ist vorbei. Sie will mutig sein und sich all die Dinge trauen, vor denen sie sich früher immer zu sehr gefürchtet hat. Doch dann lernt sie Chase Whittaker kennen – und weiß augenblicklich, dass sie ein Problem hat. Denn mit seiner charmanten Art weckt Chase Gefühle in ihr, die sie eigentlich niemals zulassen dürfte. Und nicht nur das. Er kommt damit ihrem dunkelsten Geheimnis viel zu nahe …

Was ich mochte: Fairwood als Setting, Hailee als Autorin, die Liebesgeschichte, den Schreibstil und die Liebe zum Detail

Was ich nicht so mochte: Hailee, die Liebesgeschichte, die Darstellung bestimmter Themen, die nicht stimmige Ich-Perspektive, das Ende und damit auch das Reihenkonzept.

Aber der Reihe nach.

Fairwood als Setting

Von der Kleinstadt Fairwood war ich bezaubert. Anders kann ich es nicht beschreiben. Bianca hat hier wirklich unglaublich viel Liebe zum Detail einfließen lassen und es hat unheimlich viel Spaß gemacht, die Geschichte und Gegenwart dieses kleinen Örtchens Seite für Seite zu entdecken. Ich glaube aber, sie hätte auch einen Reiseführer und drei Spin Offs schreiben können, weil es sehr viele Nebencharaktere gibt, die immer mal wieder auftauchen. Manchmal war es mir etwas zu viel, aber es war immerhin realistisch.

Hailee als Autorin

Der Teil des Buches hat mir wieder wirklich gut gefallen. Hailee schreibt Romane, war in einem Schreibforum und ich konnte mich da einfach richtig gut in sie hineinversetzen. Ich war ja wie Bianca auch in der Schreibwerkstatt und fand es schön, mal von einer Protagonistin zu lesen, die Bücher schreibt, die unsicher ist, wem sie diese Worte zeigen soll, all die Gefühle, die dazu gehören, von der Euphorie über Schreibfreunde und Zweifel.

Die Liebe zum Detail

Ich fand Bianca Iosivonis Recherche klasse, obwohl ich prinzipiell keine Ahnung von MS habe und weiß, ob das alles so richtig dargestellt wurde. Aber während des Lesens nicht das Gefühl, dass das alles super unrealistisch ist. Sie hat viele Details eingearbeitet und den Charakter Jasper wirklich rundum ausgearbeitet und an viele Aspekte zu seiner Vergangenheit und die Auswirkungen auf seine Beziehung zu anderen Charakteren gedacht. Auch bei Chases Charakter hat sie wunderbare Arbeit geleistet. Ich selbst habe zwar keinen Bezug zu Architektur außer ein paar Seminaren im Kunstgeschichte Studium, aber es war schön, mal wieder von dorischen Säulen zu lesen. Da hat die Perspektive super gepasst, die Beschreibungen und Gedanken passten zu seinem Charakter und diese kleinen und großen Details machen für mich ein gutes Buch aus.

Die Liebesgeschichte

Mit Hailee und Chase hatte ich eine richtige Achterbahnfahrt der Gefühle. Das lag daran, dass ich zum einen Chase lieber mochte als Hailee und zum anderen hat mir das alles einfach zu lange gedauert. Zu Beginn des Buches treffen sie aufeinander, es gibt die magische Anziehungskraft und dann dauert es gefühlt ewig, bis etwas passiert. Ständig treffen sie aufeinander, aber das Rumeiern bis zu diesem Punkt hat mich frustriert. Ich hätte kein Problem damit gehabt, wenn das Buch gute 200 Seiten kürzer gewesen wäre und es hätte an der Geschichte selbst auch nicht viel verändert. Dieses Hin und Her und doch nicht und weiß nicht hätte man für meinen Geschmack auch abkürzen können. Warum mochte ich Chase mehr als Hailee? Hier muss ich erwähnen, dass Chase zwar natürlich wie alle Männer in New Adult Bücher unglaublich gut aussieht, aber kein Bad Boy ist. Er kümmert sich um seinen kleinen Bruder, lebt natürlich die bekannte „Ich soll in der Branche meines Vaters arbeiten, aber will das gar nicht“ Geschichte aus, aber er hatte Ecken und Kanten, er hat sich Gedanken um Hailee gemacht und er wirkte auf mich einfach stimmiger. Hailee war mir mit ihrem „Sei mutig“ stellenweise unsympathisch und sie hat mich genervt. Diese ganze quirlige Art war mir too much, gleichzeitig soll sie aber so super schüchtern sein und dann kellnert sie und feiert sie mit Chase Freunden und alles ist so cool und das passte nicht irgendwie zusammen, aber dazu später mehr.

„Sei mutig“

Wenn ich jedes Mal einen Shot gertrunken hätte, wenn jemand oder besonders Hailee „Sei mutig“ gesagt hätte, wäre ich am Ende des Buches betrunken gewesen. Ich verstehe, dass das das Motto des Buches war und dem ist ja eigentlich nichts auszusetzen, aber ich hätte nicht in gefühlt jedem Kapitel daran erinnert werden müssen.

Das Ende (SPOILER!)

Das Ende des Buches wusste ich leider vorher schon, weil ich auf Twitter gespoilert wurde. Auch so war es aber meiner Meinung nach nicht schwer, das ganze zu durchschauen, weil das Konzept nicht aufgegangen ist. Hailee soll depressiv und schüchtern sein, äußert aber im Laufe des Buches keine klaren Gedanken zu ihrem Selbstmord. Das sie in ein paar Wochen nicht mehr da sein wird, wusste sie ja vorher schon, weil sie den Selbstmord plant. Das Buch wird unter anderem aus ihrer Sicht erzählt und sie wählt vage Worte wie eben dass sie dann nicht mehr da ist, damit der Leser es noch nicht weiß. Dabei wäre es doch viel emotionaler gewesen, wenn der Leser zu Beginn eingeweiht worden wäre, weil er dann den emotionalen Vorsprung gegenüber Chase hat und Hailee keine kryptischen vagen Gedanken haben muss, die vollkommen unrealistisch sind. Nur damit der Selbstmord am Ende als großer Cliffhanger Plot Twist bleibt. Hailee schreibt ihrer Zwillingsschwester Nachrichten, die natürlich nicht beantwortet werden. Der Leser sollte vielleicht denken, dass Kate einfach nicht antwortet, im Urlaub ist oder Koma oder sowas, aber da Hailee ja weiß, das Kate tot ist, macht es keinen Sinn, dass das nie in ihren Gedanken vorkommt. Hier hat die Perspektive einfach nicht gepasst, es war unlogisch, von vorne bis hinten. Was anderes wäre es gewesen, wenn Chase das komplette Buch getragen hätte, weil aus seiner Sicht Hailee nur das Mädchen ist, das neu in der Stadt ist und er nicht in ihren Kopf gucken kann. Gerade wenn der Leser aber Hailees Perspektive bekommt, machen diese vagen Andeutungen einfach keinen Sinn. Das ist als ob es einen Krimi gäbe mit dem Täter als Perspektivfigur und weil der Leser noch nicht wissen soll, dass er der Täter war, denkt er niemals konkreter an den Mord. Das Konzept insgesamt ist für mich nicht aufgegangen, weil Hailees Charakter für mich nicht stimmig war, die Perspektive nicht gepasst hat und ich das Reihenkonzept nicht mochte. Das Buch endet praktisch mitten in der Szene, damit man ja Band 2 liest. Ich hätte es besser gefunden, wenn die ganze Geschichte ein Band gewesen wäre. Da hätte man das ganze Hin und Her und Herumeiern bei der Liebesgeschichte kürzen und den Selbstmord in die Mitte als Höhepunkt setzen können, die folgen als zweite Hälfte des Buches. Auf mich wirkte das ganze Konzept einfach sehr aufgebläht und in die Länge gezogen und ich finde es nicht gut, dass die Perspektive nicht passt, nur damit ein Selbstmord ein Cliffhanger Plot Twist sein kann. Die Geschichte an sich ist eine tolle Idee, gerade weil ich selbst eine Zwillingsschwester habe und das Setting und die anderen Charaktere großartig fand, finde ich es schade, wie die Idee umgesetzt wurde.

Das Marketing vom Verlag

Manchmal wünsche ich mir, nichts mit Bookstagram und Blogs zu tun zu haben und einfach ganz unwissend in Buchhandlungen zu stöbern. Dann würde ich von Verlagsaktionen nichts mitbekommen. Der Lyx Verlag hat im Vorfeld eine Aktion zum Thema „Sei mutig“ gestartet, weil der Satz im Buch selbst ja noch nicht oft genug vorkommt. Was ich problematisch finde, ist die Message, die dahinter steckt, denn die ist nicht ganz eindeutig. Wäre diese Reihe ein Einteiler gewesen mit Hailees Depressionen/Selbstmord als Oberthema und der Liebesgeschichte, dann hätte sich Sei Mutig auf das Weiterleben beziehen können. Sei Mutig, weiter zu leben, auch wenn du nicht weiter leben willst. Ich kann nicht für depressive Menschen sprechen, aber ich denke, dass suizidale Menschen vielleicht eher die Situation und das Leid beenden wollen, nicht das Leben selbst. Würde sich das Leben selbst ändern, der Schmerz besser werden, würde das Leben vielleicht mehr Sinn machen. Aber was soll „Sei Mutig“ bedeuten? Sei mutig, dich zu verlieben, obwohl du dich umbringen willst? Sei mutig, bei Fremden auf ein Motorrad zu steigen? Sei mutig und nehme dir das Leben, wenn du es nicht mehr aushältst? Sei mutig, weiter zu leben, obwohl du leidest? Das sind natürlich nur rhetorische Fragen, aber bei dem Thema hätte ich mir ein bisschen mehr Differenzierung gewünscht. Sei mutig ist eben eine allgemeingültige Botschaft. Wäre Hailee nicht depressiv und suizidal gewesen, wäre die Message großartig, weil sie sich nur auf ihre Schüchternheit beziehen würde. Trau dich. Mit dem Hintergrund solch ernster Themen wie Selbstmord und Depression und dem Selbstmord als Ende des ersten Bandes hat die ganze Sei mutig Aktion aber einen fahlen Beigeschmack.

Lieblingszitat

„Obwohl es noch August ist, kann ich den Herbst bereits riechen. Er hängt wie ein Versprechen in der Luft. Das Versprechen dafür, dass alles einmal zu Ende geht.“ (S. 54)

Fazit

Das ganze Buch ist gespickt mit Details, Erinnerungen zwischen den Charakteren, kleinen Anekdoten und Kleinstadt Momenten. Gerade am Anfang fand ich das Buch noch wundervoll und hätte mich das Konzept, die Umsetzung von Hailees Charakter, ihrer Storyline und die Liebesgeschichte, die nicht in den Gänge kommt, so gestört, hätte das für mich ein großartiges Buch werden können. Die Umsetzung der Idee konnte mich leider weitestgehend nicht überzeugen, wobei ich das Buch trotzdem im großen und ganzen mochte. Es ist ein perfektes Gefühlschaos, weil ich mich ewig über die obigen Aspekte aufregen und genauso gut über die anderen schwärmen könnte. Den zweiten Band (Flying High) werde ich nicht lesen, weil mit Hailees weitere Selbstfindung nicht genug interessiert, ebenso wenig die Liebesgeschichte, die für mich durch das Hin und Her etwas an Reiz verloren hat und außerdem die unstimmige Perspektive einen fahlen Beigeschmack hinterlassen hat. Es ist nur schade um das tolle Setting mit der Kleinstadt und Lavendelfarm, super Themen und den tollen (auch lgbtq) Nebencharakteren, sowie einzelne Subplots, die sicherlich im zweiten Band zu Ende geführt würden.

 

Andere tolle Rezensionen zu dem Buch

Bei René We

Bei Juliane

Und ein super Kommentar zum Thema Mutig sein von Rika hier.


6 Gedanken zu “[Rezension] Falling Fast von Bianca Iosivoni

  1. Guten Abend Yvonne 🙂
    Erstmal danke für die Verlinkung. ❤
    Ich verstehe, warum du Band 2 nicht lesen möchtest und kann dir sagen, dass du die richtige Entscheidung triffst. In meinen Augen hätte ein Einzelband der Geschichte besser gestanden.

    Liebe Grüße
    René

    Gefällt 1 Person

    1. Guten Abend René 🙂
      Klar, bitte gerne!
      Ah okay, Dankeschön. Ich habe bisher auch nur von Band 2 gehört, das es sich etwas in die Länge ziehen soll, also lasse ich erst recht die Finger davon. Danke für die Bestätigung.
      Liebe Grüße zurück 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Yvonne,

    über das schlecht durchdachte Marketing zum mehrdeutigen Slogan sage ich nichts mehr, da sind wir uns alle einige, dass das in die Hose gegangen ist. Das hat man Spätestens gemerkt als band 2 kaum noch promotet wurde.

    Ich fand die Liebesgeschichte ehrlich gesagt sehr schön. Diese langsame Sommerromantik, die nicht gleich nach 3 Stunden in der Kiste landet, fand ich gut. Zeit ist Gold wert gewesen.

    Hailees Perspektive ist so ein Ding. Ja, ich gebe dir recht, authentisch wirkt es nicht. Als würde sie in ihren Gedanken nie die Wirklichkeit aussprechen, aber das gibt es tatsächlich. Ich spreche nicht aus eigenen Erfahrunngen. Nein. Ich kenne Menschen, die suizide Gedanken unterschwellig herumgeistern ließen. Allerdings stand nie ein wirklicher Plan, wenn du verstehst, was ich meine. Sorry, mir fällt es schwer, so etwas Schreckliches offen auszusprechen.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Tina,
      oh Sommerromantik ist ein schöner Begriff und passt sehr gut zur Atmosphäre! 🙂 Ja, das ist halt Geschmackssache, was zu langsam, zu schnell und die goldene Mitte ist.
      Danke für deinen Input! Da hast du Recht. Ich denke, dass Problem bzw. mein Problem ist in diesem Fall die Ich-Perspektive und das ich nicht weiß, ob das Konzept einfach nicht aufgegangen ist, weil der Suizid das Cliffhanger-Plot-Twist Ende sein sollte oder ob es tatsächlich von vornherein so geplant war, ein Mädchen darzustellen, dass den eigenen Tod zwar plant und im Hinterkopf hat, aber wie du schon gesagt hast, die Wirklichkeit nicht deutlich ausspricht, das ist dann perfekt gelungen. Schwierig irgendwie.

      Danke für deinen Kommentar und ganz viele liebe Grüße zurück 🙂

      Gefällt mir

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