[Rezension] Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte von Anne Freytag

Dieses Buch war eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle, mit all seinen Hochs und Tiefs. Nur das es halt leider für mich nach dem Tief nicht wieder hoch ging. Aber der Reihe nach. Vielen lieben Dank an den Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar! Das beeinflusst meine Meinung aber nicht.

Das Buch ist 2019 mit 413 Seiten bei Heyne fliegt erschienen und darum geht es:

Rosa und Frank begegnen sich am anderen Ende der Welt. Durch Zufall oder weil es so sein soll. Sie sind sich ähnlich und doch grundverschieden – Rosa widersprüchlich, Frank ruhig. Zusammen sind sie nicht nur weniger allein, sondern ziemlich nah dran an vollständig. Sie beschließen, gemeinsam weiterzureisen und einen alten Camper zu kaufen. Doch dann taucht unerwartet Franks bester Freund David auf, und mit ihm ändert sich alles. Sind drei einer zu viel oder hat genau er noch gefehlt? Diese Frage stellt sich immer wieder, während sie zu dritt Tausende Kilometer durch Australiens unendliche Weite fahren, vor ihnen nur der Horizont, über ihnen nichts als Himmel und zwischen ihnen mehr, als Worte je beschreiben könnten.

Leider muss ich in dieser Rezension spoilern, weil ich ansonsten meine Gefühle zu den Charakteren und dem Plot nicht ausdrücken kann.

Der Schreibstil

Ich habe das Buch ziemlich ohne Erwartungen angefangen zu lesen, weil es mein erstes Buch von Anne Freytag war. Und ich habe mich verliebt! Das fing schon auf der ersten Seite des Buches an, hier war das Seite 11. Da hatte das Buch noch gar nicht so richtig angefangen, denn es startet mit etwas wie einem Prolog, zeitlich Ende Mai, bevor das erste Kapitel mit Mitte Dezember beginnt. Genau beim dritten Satz auf der ersten Seite kam mein Textmarker zum ersten Mal zum Einsatz.

„Ich war schon oft glücklich in meinem Leben, aber das hier ist anders. Wie ein Glas, das so voll ist, dass es überläuft.“ (S. 11)

Ist das nicht ein schönes Zitat? Hach, ich wusste: Das wird toll. Das wird etwas besonderes. Das wird ein Spaß zum Lesen! Und das war es ja auch. Aber halt nur, wenn ich Schreibstil von Charaktere und Plot trenne. Dieser wunderschöne Schreibstil zog sich durch das gesamte Buch. Wenn ich ihn beschreiben müsste, würde ich sagen großartig, magisch, poetisch. Einer dieser Schreibstile, die einen dazu bringen, mitten im Lesen inne zu halten, die Wand anzustarren und einfach nur zu lächeln, weil es so schön ist.

Ich brauchte meinen Textmarker gar nicht mehr aus der Hand legen, ich habe über und über Zitate markiert. Schöne Dialoge, Kapitel Enden, interessante Themen, gute Aspekte und vor allem ganz, ganz viele Vergleiche. Ich habe bisher in keinem Buch so viele Vergleiche gelesen und dann vor allem auch noch welche, die ich wirklich gut finde. Meistens finde ich das Bild eher komisch oder zu bemüht. Hier trifft Anne Freytag aber jeden einzelnen Ton. Wunderschön, berührend, ehrlich, nachdenklich und interessant. Müsste ich nur vom Schreibstil her ein Jahreshighlight wählen, wäre es dieses. Noch eine Kostprobe gefällig?

„Als wäre Selbstsicherheit etwas, das man überziehen kann wie einen Pullover, und ich habe meinen verloren.“ (S. 28)

„Die Einsamkeit hält mich fest, als hätte sie acht Arme.“ (S. 30)

Die Charaktere

Je höher der Anstieg, desto schwerer der Fall. So hat sich das Lesen für mich angefühlt und das begann so ziemlich um Seite 150 rum, also leider schon weit vor der Mitte des Buches. Befürchtungen hatte ich schon früher. Aber der Reihe nach.

Das Buch wird von den drei Charakteren getragen und ihre Geschichte wird auch aus ihren Perspektiven in relativ abwechselnden Kapitel erzählt: Rosa, Frank und David. Rosa fand ich in Ordnung, aber ich singe jetzt keine Hymne, weil ich den Charakter so großartig finde. Sie ist halt der Hauptcharakter, das Mädchen zwischen den beiden Jungs und hat mich später auch angefangen zu nerven, weil sie mir Bella Swan und Elena Gilbert Vibes gegeben hat: Sie weiß nicht, was sie will. Das hat mich wahnsinnig gemacht, obwohl es ganz theoretisch gedacht natürlich realistisch ist.

Frank war für mich zu Anfang noch ein großartiger Charakter! Er hat so viel Spaß gemacht, wirkte so anders, so originell, so gut durchdacht. Frank ist sexuell eher unerfahren, liebt Ordnung, ist bei seinem Opa aufgewachsen, trägt Birkenstock Sandalen und denkt super viel nach. Ich fand Frank eine wunderbare Erfrischung von der üblichen Sorte Mann, die ich in Jugendbuch und auch Liebesromanen so lese. Diese Bad Boys oder wenn keine Bad Boys, dann die, die im Türrahmen stehen und verschmitzt grinsen, sich Schlagabtausche mit der Protagonistin liefern und sich bewusst sind, wie heiß sie sind. Frank war anders. Ein männlicher Charakter, der unsicher ist, der sich nicht traut, den ersten Schritt zu machen, dem Details auffallen und der eher wirkt wie eine alte Seele in einem jungen Körper. Ich fand seinen Charakter faszinierend, interessant und eine willkommene Abwechslung. Später hat er mich aber eher genervt, eben weil er so zögerlich war und nicht sagt, was er denkt. Manche Konflikte resultierten daraus, dass andere keine Gedanken lesen können. Ja, das ist realistisch, aber es ist ja immer eine Frage, wie viel und welcher Realismus Spaß macht beim Lesen.

David ist die dritte Perspektive und mein erstes Problem. Ich mochte nicht, wie er beschrieben wurde und die Kapitel aus seiner Perspektive hatten bei mir gleich einen schlechten Stand. Den so schönen Schreibstil unterbricht Anne Freytag für seine Kapitel nämlich. Again, realistisch, aber für mich nervig zum Lesen. Man springt von einem sehr viel denkendem Frank zu einer Rosa zu einem David, der viele kurze Sätze verwendet und ständig flucht, scheiße und ficken und vögeln sagt. Diese Kontraste wären nicht so schlimm gewesen, wenn die Kapitel nicht so kurz gewesen wären. Manche sind wirklich nur drei Seiten lang und dieses Hin und Her springen hat es mir nicht leicht gemacht, David zu mögen. Zumal sein Charakter zu Beginn auch dem Teenie Klischee Bad Boy entspricht, der einen reichen Vater, aber kaum Liebe hat und Mädels schneller wechselt als seine Unterhosen. Nicht gerade spannend. Das hat sich zum Glück später geändert, weil David mehr Hintergrundgeschichte bekommen hat.

Das Problem mit dem Buch waren zum einen meine eigenen Erwartungen, zum anderen der Plot/die Charaktere, die mich so genervt haben, dass nur der Schreibstil mich daran gehindert hat, abzubrechen. Und weil ich irgendwie wissen wollte, wie es ausgeht, weil ich diesem absoluten Hochgefühl beim Lesen des Anfangs hinterher gejagt bin und darauf wartete, dass es wieder kommen würde.

Was ich ansonsten nicht mochte:

Die Musik Erwähnungen

Theoretisch waren die vielen Erwähnungen von Bands und bestimmten Liedern eine super Sache. Ich weiß noch, wie ich von Kerstin Gier einen Band der Edelstein Trilogie gelesen habe und eine romantische Szene zum Song Halleluja las. Das bringt das Buch auf eine andere Ebene, weil ein zweites Medium angesprochen wird und das führt dazu, dass mein Kopf erst recht im Kopfkino tanzt. Song Erwähnungen sind sozusagen die Kirsche auf der Torte. Und dann kommt der Haken. Das funktioniert nur, wenn man die Lieder kennt. Ich kannte fast kein einziges Lied im Buch und so hatte ich immer das Gefühl, mir fehlt das letzte Fünkchen, um die Szene ganz zu fühlen, zu erleben, mir vorzustellen. Anne Freytag kann mir sagen, dass der Song melancholisch ist und deswegen super zur Situation passt, aber so richtig merke ich das erst, wenn ich das Lied kenne, weiß wie es klingt und zu 100% dabei bin.

Natürlich hätte ich während des Lesens die Playlist laufen lassen können oder bei Erwähnung mal eben den Song abspielen können. Aber dann müsste ich zum Lesen ein weiteres Medium heranziehen und das möchte ich einfach nicht. Lesen findet auf dem Papier statt, mit den Worten und der Verbindung zwischen Autor und Leser. Es macht mir keinen Spaß, wenn ich bestenfalls links vom Buch einen Kalender liegen habe und rechts YouTube offen. Kennt ihr Bücher, in denen Charaktere mit Schauspielern verglichen werden? So ging es mir beim Buch auch. Ich kann mir einen dunkelhaarigen Schauspieler oder ein schnelles Lied vorstellen, aber so richtig ganz wird das Puzzle erst mit Google.

Spätestens ab jetzt kommen wirklich Spoiler! Nur zur Sicherheit.

Sexualisierung

Es ist nur ein Gefühl und vielleicht liegt das auch daran, dass ich die letzten 300 Seiten beim Warten mehr oder weniger am Stück gelesen habe, aber mir kam es vor, als läse ich immer wieder ähnliche Beschreibungen zwischen den Charakteren. Die Jungs sehen Rosas nackte Haut, wenn das Top hoch rutscht, die Jungs sehen Rosas Brustwarzen, die sich abzeichnen, die Jungs schlafen mit anderen Mädels oder merken bei Rosas Anblick, wie sie steif werden, erregt, holen sich einen runter. Irgendwann hätte ich am liebsten laut gesagt „Ich habs verstanden. Es ist heiß, der Van ist klein, da sind drei Jugendliche und alle sind super scharf aufeinander.“ Es hat mich einfach genervt, dass es mal wieder ein Jugendbuch gibt, in der zwei Jungs eben nicht mit einem Mädchen befreundet sein können. Ich will wirklich mehr Freundschaften lesen. Außerdem fand ich es schwer, nachzuvollziehen, warum die sich jetzt alle gegenseitig so heiß fanden, weil sie sich ja wie weiter unten entweder passiv oder oberflächlich kennengelernt haben.

Zeitsprünge

Diese Zeitsprünge fand ich absolut unnötig. Das wird zwar später besser, aber gerade am Anfang hatte ich dadurch sehr Probleme. Am liebsten hätte ich einen Kalender neben das Buch gelegt, weil ich mich öfter fragte „Wo sind sie jetzt noch mal?“ und zurückblätterte. Mai, September, Drei Stunden vorher, Zwei Tage später…alles wird bunt gemischt und ich finde nicht, dass das für die Geschichte wirklich notwendig war. Auf mich wirkte es eher wie eine künstliche Form, um Spannung zu erzeugen. Ich bin aber auch allgemein kein Fan von nicht chronologischen Erzählungen und Foreshadowing a la „Seit dem Abend am Strand war alles anders..“ (sinngemäß) und das nächste Kapitel heißt dann sinngemäßig „Drei Tage zuvor, am Strand.“ Davon habe ich keinen Mehrwert, weil ich schon aus Prinzip erwarte, dass überhaupt etwas passiert.

Kurze Kapitel

Eigentlich alle Kapitel im Buch fand ich eher kurz, aber es gab wirklich welche, die besonders kurz waren. Zwei, Drei Seiten. Mit Perspektivwechseln kann das anstrengend werden und es hat sich für mich manchmal abgehackt angefühlt.

Passives Kennenlernen

Gerade am Anfang hätte ich mir mehr gewünscht, dass sich Frank und Rosa aktiver kennenlernen. Das beginnt auch erst so, sie reden und lernen sich eben Stück für Stück kennen. Dann gibt es aber Szenen, wo sie zum Beispiel Essen gehen und es danach sinngemäß heißt „sie redeten den ganzen Abend und lachten…“ Ich wäre stattdessen lieber live beim Kennenlernen und Austausch dabei gewesen. Was sagt der eine, wie reagiert der andere?

Was ich ansonsten mochte:

Die Gestaltung

Ich mag das Cover, aber das Buch selbst ist einfach wunderschön gestaltet. In den Buchdeckeln gibt es die Playlist und weil das Buch in verschiedene Teile eingeteilt ist, gibt es bei eben jedem Teil eine Zeichnung, die thematisch zum Buch passt, wie zum Beispiel eine Pringles Packung. Sehr schön gemacht!

Das Setting

Ich selbst war noch nie in Australien, aber in den ersten gut 100 Seiten habe ich mich noch gewünscht, mehr von Australien selbst zu lesen. Es hätte genauso gut irgendwo auf einem Camping Platz stattfinden können. Tatsächlich habe am meisten Parkplatz als Ort in Erinnerung, weil irgendwie viele Szenen auf einem Parkplatz stattfanden? Da habe ich mich noch geärgert, warum Australien als Setting gewählt wird, wenn das Land selbst kaum explizit vorkommt. Natürlich war das Buch kein Reiseführer, aber im Laufe des Buches werden zum Glück dann immer mehr Orte genannt, Wege und Details wie das Essen, Begriffe. Ich empfinde es nicht als DAS Buch für Australien Liebhaber, aber es hat auf alle Fälle die Atmosphäre gut rübergebracht und ich konnte die Hitze förmlich auf meiner Haut spüren.

Der Epilog

Der Epilog hat das Buch noch mal zu einem richtigen Abschluss gebracht! Ein bisschen offen, ein bisschen vage, aber trotzdem war das noch mal so die nötige Prise Salz in der Suppe.

Fazit

In der Theorie ein tolles Buch: Großartiger Schreibstil, schönes Setting, realistische Charaktere. In der Praxis haben mich eben diese Charaktere und deren Entwicklung leider immer mehr genervt und nur der Schreibstil konnte das Buch für mich retten. Meine Erwartungen am Anfang des Buches haben einfach nicht mit dem Verlauf des Buches übereinstimmt: Ich habe mich auf ein Jugendbuch über Reisen, Freundschaft und Liebe gefreut, dass sich zu einem Love Triangle entwickelte. Oder Love Quadrangle? Es wird angedeutet, dass Frank und David auch mehr füreinander empfinden, aber so ganz konkret wird es nicht. Das fand ich im Vergleich zu den vielen sexuellen Andeutungen zwischen Frank und Rosa und Rosa und David nicht gut. Wenn Frank und David wirklich bi sind, dann hätte man meiner Meinung nach den Fokus zu 50:50 auch zu auf Frank und David setzen müssen und dann hätte ich das Buch auch wesentlich stärker gefunden. So bleibt für mich ein Twilight Nachgeschmack, obwohl das Buch sicherlich ganz anders und viel mehr sein sollte, erst recht in Bezug auf Frank und David.

 


4 Gedanken zu “[Rezension] Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte von Anne Freytag

  1. Oh ja die Frau kann schreiben! das habe ich mir auch bei ein Mund voll ungesagter Dinge gedacht und finde meine im Vergleich so furchtbar plump und langweilig:(

    Kurze Kapitel scheint sie wohl zu mögen, die gabs in dem anderen Buch von ihr auch 😀 Hattest du das Gefühl beim lesen das sie Polymore Beziheungen etablieren wollte, es aber dann eher halbherzig umgesetzt hat ?

    Das mit dem Vorshadowing gab’s auch bei Looking for Alaska, mit 23 Tage davor, 21 Tage davor, was bei mir beim ersten mal besser funktioniert hat als beim zweiten Mal. ansonsten finde ich, dass un chronologische auch interessant sein können:)

    Eine schöne Rezension, sehr ausdifferenziert und ich habe es gemocht, wie du sowohl positive Dinge als auch negative Aspekte darf gelegt hat, alles sehr nachvollziehbar.

    Gefällt 1 Person

    1. Oh das ist ja schön zu hören! 🙂 So ging es mir auch beim Lesen, aber Vielfalt ist ja gut so.
      Tendenziell mag ich kurze Kapitel auch, aber eben nicht so 😀
      Ja, das ist mein Problem. Sie ist sehr vage. Es gibt am Ende einen Dreier und sowas wie „mehr als Freundschaft“ oder so steht im Text, wenn ich mich richtig erinnere. Im direkten Vergleich zur Darstellung der (sexuellen) Anziehung zwischen Rosa und David und Rosa und Frank ist das halt nichts. Ich finde, wenn Sie eine polymore Beziehung darstellen wollte, was für ein Jugendbuch ja super ist, dann bitte richtig. Ganz oder gar nicht. David und Frank hätten genauso viel Fokus bekommen müssen wie das Mädchen und die Jungs. Ich würde jetzt nicht eindeutig sagen „Ja, auf alle Fälle!“ Könnte ja auch gemeint sein, dass die Jungs beide Rosa lieben und Rosa die Jungs liebt, weil sie sich nicht entscheiden kann und das ist für alle okay, ohne dass Frank und David mehr füreinander empfinden. Das hätte man deutlicher schreiben können und müssen. Die Interpretation bleibt halt dem Leser überlassen.
      Das stimmt.
      Vielen lieben Dank für dein Feedback und freue mich unheimlich über dein Lob 🙂

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  2. Hallo Yvonne,

    danke für die ausführliche Rezension.
    Ich habe das Buch nach der Leseprobe tatsächlich von meiner Wunschliste gestrichen, weil mir der Schreibstil für einen Jugendroman nicht gefiel. Es war mir einfach zu schwer, zu trocken at the Moment oder ich war einfach nicht in Stimmung oder ich wollte einfach eine leichte Sommerlektüre, wer weiß. Schön, dass dir der Stil gefallen hat 🙂

    Liebe Grüße
    Tina

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