[Rezension] Deutschland verdummt von Michael Winterhoff

Das ist mein erstes Buch von Michael Winterhoff, aber ich fand es auf alle Fälle sehr interessant. Meine Schulzeit ist schon eine Weile her (= 6 Jahre), aber ich konnte mich in sehr vielen Gedanken wiederfinden, neues lernen und trotzdem nicht allen Punkten zustimmen. Nach den Aspekten habe ich die Rezension auch sortiert. Es ist ein Rezensionsexemplar, aber das beeinflusst meine Meinung nicht. Das Buch ist 2019 mit 224 Seiten beim Gütersloher Verlagshaus erschienen und darum geht es:

Bildung in Deutschland: eine Katastrophe. Kinder und Gesellschaft nehmen Schaden! Michael Winterhoff redet Klartext, zeigt anhand vieler Beispiele aus seiner langjährigen Praxis als Kinder- und Jugendpsychiater, aber auch aus zahlreichen Rückmeldungen zu seinen Büchern und Vorträgen, was heute in Kitas und Schulen falsch läuft – so falsch, dass in seinen Augen die Zukunft unserer Gesellschaft gefährdet ist. Leidtragende sind für ihn die Kinder, die man quasi sich selbst überlässt. Winterhoff verharrt nicht bei der Bestandsaufnahme und Analyse, er zeigt konkrete Lösungen und Maßnahmen auf und fordert u.a. eine groß angelegte Bildungsoffensive: Weg von Kompetenzorientierung und den unfreiwillig zu Lernbegleitern degradierten Lehrern, hin zu echter Bildung und Pädagogen, die den Kindern wieder ein Gegenüber sein dürfen. Denn nur die Orientierung an Bezugspersonen ermöglicht die Entwicklung von emotionaler und sozialer Psyche.

Bei welchen Punkten stimme ich Michael Winterhoff zu?

Tatsächlich den meisten. Manche kann ich nachvollziehen, manche erlebe ich mit Kindern auf der Straße, in der Familie, höre Geschichten aus dem Umfeld und manche Aussagen habe ich persönlich in ähnlicher Form auch so erlebt, sei es im Kindergarten, in der Grundschule oder später in der Realschule/an der Uni. Bildung begleitet einen ja viele Jahre lang.

Die Bildungslandschaft in Deutschland ist „extrem unübersichtlich“. (S. 8)

Oh ja! Ich habe an der Uni in Bayern 1,5 Jahre Latein gelernt, bis es hieß, dass ich das ja gar nicht hätte machen bräuchten, weil meine Stunden zu Schulzeiten in NRW doch ausreichten. Ursprünglich hieß es, das ginge so nicht. Die Bundesländer haben ihre Bildungspolitik gegenseitig nicht verstanden, also danke dafür. Wäre es nicht einfacher, wenn die Bundesländer ihre Schulpolitik etwas anpassen würde? In Bayern und NRW z.B. lernt man in der Schule völlig unterschiedliche Dinge, die Prüfungen sind ganz anders aufgebaut und diese unterschiedlichen Voraussetzungen müssen in der Uni dann wieder ausgebügelt werden.

Der Lärm in Schulklassen kann krank machen (Vgl. S. 11)

„Ein guter Lehrer bringt auch mit einem schlechten Schulbuch seiner Klasse viel bei.“ (S. 36)

Ich denke, die Erfahrung mussten viele schon machen und das gilt prinzipiell für alle Fälle. Ist Geschichte trocken oder interessant? Ist Mathe verständlich oder schwierig? Ist Sport eine Qual oder macht es Spaß? Nicht alles hängt nur vom individuellen Schüler ab, vieles hängt vom Lehrer ab, wie er den Unterricht gestaltet, wie er mit der Klasse umgeht und wie er den Stoff vermittelt, ob er gut erklären kann und das überhaupt macht. Auch die Notenverteilung kann stark vom Lehrer abhängen, wenn er Lieblinge hat oder den Unterricht anders gestaltet als die Klausuren.

Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist wichtig. (Vgl. S. 43)

Mit Vertrauen kann Schule funktionieren und damit meine ich keinesfalls eine kumpelhafte Beziehung, denn das geht meistens nach hinten los. Eine Lehrerin ist mal in meine Klasse gekommen und meinte zur Begrüßung der erste Stunde: „Glaubt ja nicht, dass ich Lehrerin geworden bin, weil ich Kinder so mag.“ Wie sieht so ein Verhältnis wohl aus, wenn es Probleme geht? Werden solche Lehrer um Rat gefragt, um Hilfe gebeten, wenn das Thema nicht ganz verstanden wurde? Ganz sicher nicht. Besagte Lehrerin paukte ihren Stoff durch und entweder man kam mit oder man hatte halt Pech gehabt. Niemand traute sich oder wollte zu ihr kommen, denn auch Sätze „Gott schenk Hirn“ waren nicht selten. Damit wird nicht das Gefühl vermittelt, dass die Lehrperson helfen kann, sondern das man selbst einfach zu dumm ist, wenn man etwas nicht versteht.

In einem Interview zum Thema Studium heißt es, dass es zu wenig Praxis Erfahrung gibt und zu wenig pädagogische Inhalte. Lehrer werden nicht gut genug auf den Schulalltag vorbereitet. Es sei etwas ganz anderes in der Stunde hinten drin zu sitzen oder selbst vor der Klasse zu stehen. (Vgl. S. 132)

Dem stimme ich zu, weil ich selbst zu oft erlebt habe, dass Lehrer ihren Unterricht durchziehen und der Rest ist nicht ihr Job. Wenn es um pädagogische Themen geht (Mobbing z.B.) sind die meisten Lehrer schnell überfordert, ratlos, schauen weg oder machen sogar mit (teilweise unbewusst). Das sind meine eigenen Erfahrungen mit gut 10 Jahren Mobbing. Lehrer müssen mehr geschult werden in Bereichen, die über das reine Fachwissen und die Wissensvermittlung hinausgeht. Wie gehe ich mit aufmüpfigen Kindern um? Wie gehe ich mit einer unkonzentrierten Klasse um? Wie gehe ich mit Mobbing um? Wie gehe ich mit Eltern beim Elternsprechtag um? Wären soziale Aspekte nicht wichtig, könnte man auch einen Roboter vor die Klasse stellen.

„Sie können nicht mehr Kopfrechnen? Wozu auch? Jedes Smartphone kann das übernehmen.“ (S. 101)

Diese Situation erlebe ich tatsächlich nicht nur bei Kindern aus der Nachbarschaft, sondern auch selbst als Erwachsene. Wie oft ich etwas im Kopf rechne und wie oft ich dasselbige im Handy im Rechner eintippe kann man gar nicht gegenüber stellen. Genau so gilt das generell für das Internet. Ich merke mir weniger Sachen, egal in welchem Bereich (Karten, Jahreszeilen, Fakten), denn ich kann das Wissen ja jederzeit mit einem Klick über Google abrufen. Mein Kopf als Speicherplatz ist weniger wichtig geworden, weil mir andere Mittel dieses Denken abnehmen.

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Welche Aussagen sehe ich anders?

In einem Interview heißt es, dass Kinder früher aufnahmefähiger waren. (Vgl. S. 39).

Woran wird das gemessen? Welche Zeitspanne umfasst früher? Und kann es nicht auch andersherum sein, dass Kinder heute aufnahmefähiger sind, weil sie durch die digitale Welt viel mehr Eindrücke aufnehmen und wahrnehmen? Ob ein Kind ein Buch liest oder am Handy spielt, sagt eben auch etwas über die Aufnahmefähigkeit aus, weil der Bildschirm, verschiedene Videos, Animationen, Bilder, Funktionen und Möglichkeiten doch schwieriger zu verarbeiten sind als die schwarze Tinte auf dem weißem Papier. Hier hätte ich mir mehr Differenzierung gewünscht, mehr Auseinandersetzung mit den Antworten im Interview. Es scheint manchmal so, als habe Michael Winterhoff sich nur die Antworten rausgepickt, die seine Gedanken bestätigen und setzt sich wenig mit beiden Seiten auseinander.

„Fast alle Erwachsenen – und damit auch Mütter und Väter – stehen chronisch unter Strom. Kaum jemand ruht noch in sich.“ (S.7)

Das ist mir zu kurz gedacht, zu allgemein pauschalisierend. Bei den Worten assoziiere ich Menschen, die im Büro arbeiten oder von Termin zu Termin hetzen. Was ist mit dem Lebensumfeld, der Wohnsituation, den unterschiedlichen Berufsfeldern? Ich glaube zwar auch, dass wir heutzutage mehr unter Strom stehen (auch durch Social Media, das Gefühl etwas zu verpassen, immer erreichbar sein zu (müssen) und gleichzeitig diese Art der Instant Gratifikation, mit der wir jederzeit ziemlich viel sofort haben können, egal ob das im Bereich Post, Serien oder Essen ist, wenn Infrastruktur und Digitalisierung mitspielen), aber hier fehlt mir wieder die Konkretisierung. In welchen Bereichen ist es besonders schlimm, wie hängt das Lebensumfeld damit zusammen usw.

Michael Winterhoff sagt über die Einführung von Unisex-Toiletten, die laut Landratsamtes ein wichtiger Schritt ist, damit „gerade transsexuelle und intersexuelle Menschen diskriminierungsfreier leben können.“:

„Und einiges darf man getrost ganz fallen lassen.“ Es sei das Missverständnis „Kinder sind kleine Erwachsene, für die solche Fragen bereits eine Bedeutung haben.“ (S.204)

Dem widerspreche ich absolut, denn meiner Meinung nach kann man nicht früh damit anfangen. Wenn es für die Kinder noch keine Bedeutung hat, umso besser. Aber indem Unisex-Toiletten früh eingeführt werden, hilft das vielleicht dazu beizutragen, dass es auch später nicht zur Bedeutung wird. Die Unisex-Toiletten würden vielleicht keine bewusste Bedeutung haben, aber sie wären unbewusst im Gedächtnis und gut für die Entwicklung, wenn sie später in die Schule gehen und das Geschlecht immer mehr eine Rolle spielt. Erst recht mit der Rosa-Blaue-Falle, die gerade im Konsum Bereich eine große Rolle spielt. Ich glaube, dass es wichtig ist, wie Kinder aufwachsen, mit welchen Werten und Gegebenheiten. Auch, wenn sie vielleicht eher unbewusst wahrgenommen werden.

Was habe ich neues gelernt?

  • In manchen Grundschulen gibt es „in den Ecken Schaukelstühle oder Sitzsäcke zum Ausruhen“ oder Kinder, die „auf Puschel-Teppichen liegen“. Genauso gut können sie sich ein Tablet nehmen. (S. 31)
  • In manchen Schule in Berlin werden Türen eingetreten, Knallkörper gezündet und einige Lehrer/innen  „gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.“ (S. 81 f.)
  • In einem Kindergarten in NRW gibt es ein Schließsystem, sodass sich Kinder unbeaufsichtigt in Räumen aufhalten können, sich aber per Magnetkarte ein-und ausloggen. Wenn die Eltern zum Abholen kommen, können die Erzieher/innen „auf einem Display“ nachgucken, „wo sich das Kind gerade befindet“. (S. 122)

Fazit

Insgesamt ein lesenswertes Buch, weil es viele verschiedene Aspekte und Probleme der deutschen Schuldbildung aufgreift. Durch die direkte Sprache ist es auch verständlich geschrieben, aber der Inhalt dient dazu, verdaut und bedacht zu sein. Es ist weder ein Page Turner, noch ein Stöber-Buch, aber dessen war ich mir vorher bewusst und es werden viele interessante Aspekte (geringe Entlohnung z.B.) aufgegriffen, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen: Über die eigene Schulzeit, das jetzige Bildungssystem und die Zukunft der Kinder.

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2 Gedanken zu “[Rezension] Deutschland verdummt von Michael Winterhoff

  1. Hallo Yvonne,
    Das klingt nach einem ziemlich interessanten Buch. ^^ Das Thema würde mich auch interessieren und ich wäre gespannt wie ich die Meinungen des Autors aufnehme.
    Liebe Grüße, Aurora

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Aurora,
      das war es wirklich! Regt ehrlich zum Nachdenken an, finde ich. Wäre bestimmt spannend zu sehen, wie du es findest!
      Ganz liebe Grüße zurück 🙂

      Gefällt 1 Person

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