[Rezension] Femme Normale von Laura Louise Brawand

Um dieses Buch bin ich wirklich viel zu lange herumgeschlichen, denn ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß beim Lesen. Das Buch hat mich an eine Zeit erinnert, in der ich die Unterhaltungsromane von Kerstin Gier verschlungen habe. Nur der Epilog hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Das Buch ist 2019 im Piper Verlag erschienen und darum geht es:

Wie die meisten Twentysomethings ist sich Lotti in vielen Belangen ihres Lebens noch ziemlich unsicher. Nur eines weiß sie genau: Sie ist zu Großem bestimmt! Garantiert, das spürt sie irgendwie. Doch zu was bloß? Vielleicht ja zu einer kometenhaften Karriere als Reporterin beim Fernsehen? Nur dumm, dass Lotti nicht beim Fernsehen, sondern bei einem kleinen Online-TV-Sender arbeitet. Und dass ihre Chefin sie nicht ausstehen kann. Ebenfalls ärgerlich ist für Lotti, dass der stadtbekannte Star-Journalist Matteo Giordano so auf sie herabblickt. Tja, und dann ist da noch Lottis scheinbar perfekter neuer Freund, mit dem im Bett aber leider so gar nichts klappen will. Schließlich bekommt Lotti einen Auftrag in Rom, der sie nicht nur Matteo Giordano plötzlich näher bringt, als ihr lieb ist – sondern auch den langersehnten Weltruhm mit einem Schlag in greifbare Nähe rücken lässt. Doch wird der Erfolg Lotti wirklich glücklich machen?

Die Charaktere

Lotti ist eine durchschnittliche Frau mit Zielen, Familie, Heimat, Träumen und Gedanken. Sie denkt viel nach, kann sich auf wunderbare Freundinnen verlassen, kämpft sich durch den Job und gibt doch nicht auf. Sie weiß was sie will und weiß es doch nicht. Ich fand alle Charaktere im Buch toll, auch wenn die meisten abseits von Lotti nicht wirklich mit Tiefgang glänzen, weil aus Lottis Sicht erzählt wird. Aber auch Alter und Zeit sind Themen, die im Buch allgemein aufgegriffen werden, was mir gut gefallen hat.

Einzig hat mich gestört, dass Lotti mal als moppelig, mal als übergewichtig beschrieben wird. Von meiner rein subjektiven Assoziation her ist moppelig etwas anders als übergewichtig, ich würde die Begriffe nicht synonym verwenden. Unter letzterem stelle ich mir eine andere Figur vor. Oder wie seht ihr das?

Einmal nach Rom, bitte!

Später im Buch reist Lotti nach Rom und das fand ich wunderschön! Tatsächlich ist bei mir richtiges Urlaubsfeeling aufgekommen. Am Piazza Barberini darf man zwar nicht mit den Füßen im Brunnen „baden“, aber viele machen das eben trotzdem. Das im Buch beschriebene Hotel gibt es dort übrigens wirklich, nur der Name ist leicht abgewandelt. Ich weiß aber nicht, inwieweit das Hotel inspiriert hat oder ob das nur Zufall ist.

Plot und Schreibstil

Ja, in diesem Buch gibt es Sex Szenen. Eigentlich sogar recht viele. Was mich normalerweise schnell nervt, weil auf fünf Seiten beschrieben wird, wie großartig der Orgasmus doch ist, war hier anders. Die Sex Szenen im Buch dienen nicht der reinen Erotik, sondern sind tatsächlich sinnvoll für Plot und Charaktere und zum erfüllenden Orgasmus kommt es seltener. Die Probleme sind essenziell für Lottis Beziehung und ich fand es auch toll, dass hier mal die Frau diejenige war, die offen ihre Lust thematisiert hat. Eigentlich schon schade, dass ich deswegen überrascht war. Ich finde es klasse, dass mal nicht in die Klischee Kiste gehüpft wurde. Manche Beschreibungen fand ich herrlich amüsant und vor allem realistisch. Sex ist nicht immer sexy.

„Während sich George ins Wohnzimmer trollt, kicke ich meine Stilettos in eine Ecke und watschle auf meinen rutschigen Nylonstrümpfen ins Schlafzimmer.“ (31%)

Der Schreibstil war einfach nur herrlich. Er hat bei mir Schmunzelgarantie, heftiges Nicken zum Zustimmen und begieriges Weiterlesen ausgelöst. Das beste Beispiel ist wohl der Anfang, als Lotti frierend auf dem Balkon sitzt. Rein Handlungsmäßig passiert da noch nicht viel aktives, Lotti denkt größtenteils nach. Aber anstatt das es trocken und langweilig war, hat Laura Louise Brawand die Gedanken von Lotti mit der Handlung verwoben, etwas über das Setting, die Beziehung und den Charakter erzählt, ohne in zu starkes Infodump abzudriften und mich einfach begeistert. Die Wortwahl war auf den Punkt. So macht Lesen Spaß.

Außerdem gab es Momente, in denen ich überrascht wurde. Gerade in Rom hätte die Autorin in einige Liebesroman Klischee Pfützen hüpfen können. Stattdessen ist sie drüber gesprungen und ich fand es wunderbar, wie viel Seit Lotti als Charakter für ihre Entwicklung gegeben wird. Das hat es umso realistischer gemacht. Der rote Faden bildeten dann noch Instagram Fotos und Captions, aber da will ich jetzt nichts vorweg nehmen. Ich fands klasse.

Am Ende hat mich nur gestört, wie unrealistisch es war! Gut, der Rest des Buches ist jetzt auch keine Dokumentation, aber er wirkt nun mal in vielen Bereichen sehr realistisch. Wenn im Epilog nur eine Zahl geändert worden wäre und nicht so übertrieben worden wäre, wäre es ein schöner Abschluss gewesen. Die Moral ist vorhersehbar, aber das fand ich überhaupt nicht schlimm. Es hat Spaß gemacht, Lotti und die anderen auf ihrem Weg zu begleiten.

Lieblingszitat

„Als wäre mein Narzissmus ein skrupelloser Dealer, der mir eine Gratis-Dosis schenkt, wenn er merkt, dass ich kurz davor bin, meine Sucht zu überwinden.“

Fazit

Ein tolles Buch über die Liebe und die Freundschaft, die eigenen Erwartungen und Erfolg. Aber auch schön für den Urlaub, zum schmunzeln und nachdenken. Obwohl mich das Ende gestört hat, war alles dabei, was ich mir von einem Buch wünsche.


2 Gedanken zu “[Rezension] Femme Normale von Laura Louise Brawand

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