[Rezension] Das Muschelhaus am Deich von Tanja Janz

Von diesem Buch habe ich mir einen schönen Sommerroman erhofft. Eine Geschichte über Freundschaft und die Zeit, über Wiedersehen und Neuanfang, über St. Peter Ording und Urlaub. Zwar habe ich auch einen Wohlfühlroman bekommen, aber dabei habe ich meine Grenzen und das Buch wurde einfach too much. Das Buch ist 2019 bei mtb erschienen und hat 304 Seiten. Vielen Dank an NetGalley und Harper Collins Germany für das Rezensionsexemplar! Das beeinflusst meine Meinung aber nicht. Darum geht es in dem Buch:

Die drei Freundinnen Kinka, Jenni und Kirsten haben sich nach ihrer Schulzeit im Nordseeinternat in St. Peter-Ording aus den Augen verloren. Doch nun, zwanzig Jahre später, bekommen sie eine Einladung zum Abi-Treffen. Sie beschließen, ihre Freundschaft neu aufleben zu lassen und quartieren sich schon Tage vorher an ihrem einstigen Lieblingsort ein, dem Muschelhaus am Deich. Kinka freut sich auf die Zeit an der Küste, auf die wohlverdiente Auszeit, denn hinter ihr liegen schwere Monate. Doch am schönsten Strand der Welt an der friesischen Nordsee werden die Segel neu gesetzt, und Kinka stellt fest, dass das Leben noch einige Überraschungen für sie bereithält.

Die Charaktere

Wir haben Kinka, Jenni und Kirsten. Jenni ist Anwältin und hat früher Klavier gespielt. Und wisst ihr was? Ich habe das Buch gestern beendet und musste jetzt trotzdem nochmal nachschauen, wer nochmal Kinka und wer Kirsten war. Es wäre wesentlich einfacher gewesen, Namen zu nehmen, die unterschiedlicher sind. Denn so ist es mir im Buch auch öfters passiert. War das jetzt Kinka oder Kirsten? Kinka hält sich mit Fernsehterminen über Wasser, war sie doch früher eine bekannte Tennis Spielerin und erbt das Muschelhaus in St. Peter Ording. Kirsten hat derweil mit ihrer Ehe zu kämpfen. Es sind drei unterschiedliche Frauen, aber ich muss sagen, dass keiner der drei Figuren mich so richtig fesseln konnte. Am ehesten wirklich Jenni, weil sie ein realistisches Familienleben inklusive Problem führt und ich ihren Charakter mochte. Man darf halt nicht vergessen, dass es ein Frauenroman ist, also nicht gerade berühmt für Tiefgang.

20 Jahre? Ach was!

Genau das hat mir gefehlt. Ich meine, wenn man mal überlegt, an was man sich noch erinnern kann, was vor 20 Jahren passiert ist? Was sich in 20 Jahren alles verändert? In der Stadt, bei Menschen. Ich beschäftige mich privat mit den Themen Zeit und Veränderungen und so ist mir umso mehr aufgefallen, wie flach das Buch in dem Aspekt ist. Flach im Sinne von idealistisch und idyllisch, für meinen Geschmack zu sehr. Fast nichts hat sich verändert. Sogar die Gläser im Muschelhaus sind nach 20 Jahren gleich. Sie stehen sogar genau da, wo sie noch vor 20 Jahren standen! Bei aller Liebe, aber nein. Meine Großeltern mögen auch Beständigkeit, aber selbst da wurde in zwanzig Jahren mal ein Möbelstück ausgetauscht. Und wenn es nur ein Teppich ist. Ich fand es einfach unrealistisch und es hat mich angefangen zu nerven, weil damit so viel Potenzial verschenkt wird. Alles ist noch genau so wie vor zwanzig Jahren und das ist für mich dann uninteressant. Sogar das Lieblingsessen von einer Frau und ihrer ehemaligen großen Liebe. Selbst nach fünf Jahren habe ich andere Lieblingsessen, mein Geschmack verändert sich und so sollte es auch bei Figuren sein. Vor allem in dem Stadium, von kurz nach dem Abi bis zwanzig Jahre später. Da hätte das Lieblingsessen ja gleich bleiben können, aber vielleicht mag der andere es jetzt etwas schärfer, mehr Soße? Irgendwas. Nein, stattdessen ist es so super gleich. Gleichzeitig wird der Nerd zum heißen Traummann (also kann ein Mathe Nerd kein Traummann sein?) und es wird gefragt, was mit ihm passiert sei, ob er sich operiert habe. Frauen werden als erstes gefragt, ob sie verheiratet sind und Kinder haben und Lehrer erinnern sich natürlich an jeden Schüler. Als die Schule dann auch noch nach dem gleichen Putzmittel wie früher riecht, war ich endgültig raus.

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Freundschaft! Wirklich?

In dem Buch gibt es einige Sätze nach dem Motto. und ich frage mich, warum. Diese drei Frauen haben sich seit fast 20 Jahren nicht gesehen. Wenn ich Freunde seit vier Jahren nicht gesehen habe, ist es ja schon komisch. Aber hier? Die drei Frauen kommen so super miteinander aus und es passt zum Genre, es ist halt ein Frauenroman. Aber ich weiß nicht, warum es diese Plot Basis überhaupt gegeben hat. Warum basiert die Geschichte darauf, dass die Freundinnen sich so lange nicht gesehen haben und dann beim Abi Treffen wieder aufeinander treffen? Die eine Freundin sagt sogar zu der anderen, dass sie sie ja gut kennen würde. Nein. Diese Figuren haben sich zwanzig Jahre nicht gesehen, nichts von dem miterlebt, was derjenige durchgemacht hat, in der Altersspanne wächst man als Person, Menschen verändern sich und dann wird von einer Freundschaft geredet, die es die letzten zwanzig Jahre nicht gab. Zu einer Freundschaft gehört Kontakt, Anteilnahme. Die Art und Weise, wie sie miteinander reden und umgehen, es hätte für das Buch meiner Meinung nach überhaupt keinen Unterschied gemacht, wenn es einfach drei Freundinnen gewesen wären, die nach zwanzig Jahren in die Heimat zurückkehren. Das wäre auf das gleiche rausgekommen.

„[…] als hätten wir uns bloß zwei Wochen nicht gesehen und keine zwanzig Jahre.“

„Manche Dinge ändern sich eben nicht.“ (S. 109)

Bloß keine Konflikte

Die idealistische zeitliche Darstellung und die Freundschaft der drei Frauen spielt in diesen Punkt mit rein, denn das Buch hat zwar Konflikte und auch ernste Themen wie Kinderlosigkeit werden thematisiert, was ich gut fand. Nur werden diese Konflikte dann entweder sehr schnell wieder beseitigt oder erledigen sich am Ende wie von Zauberhand. Das fing schon am Anfang damit an, dass sich jede Freundin super auf das Abi Treffen freut. Alles ist so toll. Aber warum? Warum gibt es unter drei Frauen nicht eine, die nicht so Lust hat, die erst überzeugt werden muss, hinzugehen oder die sich gefreut hat und dann vom Treffen enttäuscht ist? Viele Situationen, die für Konflikte genutzt hätten werden können, werden gleich beiseite gewischt und das Ende ist so sehr Friede-Freude-Eierkuchen, mehr geht schon gar nicht mehr. Das war mir einfach zu viel des Gutes.

Urlaub in St. Peter Ording, bitte!

Eine gute Sache an dem Buch war das Setting, denn die Autorin hat eine wunderbare Kulisse für den Roman geschaffen und ihn auch toll beschrieben. Ich war noch nie in St. Peter Ording, aber nach dem Buch würde ich am liebsten direkt hinfahren. Tanja Janz geht auf alle ein, was das Meer und den Strand aus macht, auf Gefühle und Gerüche, auf Tourismus und Essen, auf das Lebensgefühl und Urlaub. Hier war es auch wirklich mal realistisch, weil einmal ein Laden thematisiert wurde, den es vor zwanzig Jahren noch nicht gegeben hat. Man merkt, dass sich die Autorin in St. Peter Ording auskennt und das nicht ihr erster Roman da ist. Wer nach Urlaubsgefühl sucht, ist hier also genau richtig.

Wohlfühlen auf ganzer Linie

Ähnlich ging es mir mit dem Wohlfühlfaktor. Gerade so auf den ersten 100-1150 Seiten hat es noch Spaß gemacht, das Buch zu lesen, am besten in die decke gekuschelt oder bei Sonnenschein. Tanja Fanz schreibt von Gärten und Terrassen, Rattanstühlen, Schäfchenwolken, Kachelofen, von Urlaub und Äpfeln auf dem Tisch. Das Buch ist sehr alltagsnah geschrieben, da fragt die Protagonistin die Mutter auch mal, ob sie beim Kartoffel schälen helfen soll. Aber genau das war schön, weil das echt und lebendig wirkte, diese Details haben viel zur Atmosphäre beigetragen. Auch den Prolog und die Einladung fand ich klasse, weil es genau die richtige Balance zwischen Nostalgie und Wärme war, wie eine längst vergessene Erinnerung an den schönsten Sommerabend.

Fazit

Ein schöner Sommerroman über drei Freundinnen, die ihr Leben und die Liebe finden, bei dem man aber nicht allzu viel Tiefgang erwarten sollte und keinen Problem mit idealisierter Idylle haben darf.


3 Gedanken zu “[Rezension] Das Muschelhaus am Deich von Tanja Janz

  1. Hey Yvonne,
    also ich hab das gleiche Lieblingsessen wir vor 20 Jahren, in der gleichen Rezeptur und meiner Meinung nach wird sich das auch nie ändern: Pfannkuchen von meiner Mama 😊. Haha, Spaß beiseite. Ich kann deine Meinung gut verstehen. Dass die 3 sich so lange nicht gesehen haben, birgt so viel Potenzial. Vom Abi, mit ca 18, bis fast 40 ändert sich so viel. Da ist man echt nicht mehr der selbe Mensch, da Ausziehen, Studium, Ausbildung, Arbeit, Kinder, Partner etc so viel ausmacht. Schade, dass das so gar keine Rolle spielt. Das hätte ich anhand des Klappentextes eigentlich auch erwartet.
    Ich finde die Überschrift echt genial, aber ist ‚Urlaub in St. Peter Ordnung, bitte!‘ so gewollt? 😀 Bei der Seitenzahl ist ne 1 zu viel, würde ich vermuten.
    Tolle Rezension! Da weiß man direkt, was man zu erwarten hat.
    lg, Tine

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Tina,
      Oh, das kenne ich auch, haha. Wenn meine Oma Pfannkuchen macht, bin ich dabei! Mit selbstgemachtem Apfelmus 😀 Genau das hat mich etwas geärgert und eben enttäuscht. Nach 20 Jahren, vor allem eben in dem Lebensabschnitt, habe ich Kommunikationsprobleme erwartet und Veränderungen, menschlich und zwischenmenschlich, aber die hätten sich genauso gut auch nur 1 Jahr nicht sehen können, da fehlte mir eindeutig der Tiefgang, die Details. Es war insgesamt leider sehr oberflächlich gehalten, finde ich. Vielleicht hätte die Freundschaft der Frauen mehr Fokus kriegen können, wenn es keine Liebesgeschichten gegeben hätte, aber das musste natürlich auch mit rein. Und ein bisschen Familie und Schulzeiten Drama.
      Dankeschön! 🙂 Mensch, da liest man zwei Mal drüber und dann passieren doch noch Fehler. So schnell kanns gehen 😀 Muss natürlich St. Peter Ording heißen, huch. Ich korrigiere es gleich! Das korrigiere ich auch, vielen lieben Dank für das Feedback und die Kritik. Dein Kommentar hat mich echt gefreut.
      Ganz liebe Grüße
      Yvonne 🙂

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