[Schreiben] Fortschritt ist keine Zahl

Diesen Blog Beitrag wollte ich schon länger schreiben. Es geht um den Fortschritt beim Schreiben von Romanen. Dazu zählt nämlich nicht nur das Schreiben an sich, sondern auch die Planung, Recherche und Überarbeitung.

Die Frage nach dem Fortschritt

Die zweitmeist gestellte Frage zu meinem Studium ist: „Und? Wann bist du fertig?“ Beim Schreiben ist es ähnlich: „Und? Wie weit bist du?“ Erwartet werden dann oft Antworten mit konkreten Zahlen: Ich habe drei Kapitel geschrieben oder fünf Seiten oder 2000 Wörter oder ich bin fertig. Ein greifbarer, messbarer Fortschritt. Wenn ich stattdessen sage, dass ich weiter geplant, recherchiert oder überarbeitet habe, ist das Gespräch meist schnell vorbei. Weil der Gegenüber sich das schwieriger vorstellen kann. Als Nicht-Autor fehlt das Gefühl für Fortschritt, der nicht in Zahlen messbar ist und das Wissen, dass nicht jeder Fortschritt eine Zahl ist.

Es soll doch weiter gehen, immer weiter, weiter gehen. Nach dem Motto „Und? Was machst du nach dem Studium?“ Bloß nicht innehalten, stillstehen. Könnt ihr euch das Gesicht vorstellen, wenn ich sage, ich habe nichts gemacht? Nicht weiter geschrieben, nicht geplant, nicht überarbeitet. Aber nicht nur im persönlichen Umfeld, auch in den sozialen Medien stellt sich die Frage nach dem Fortschritt. Das hatte ich bei meiner Bachelorarbeit (ja, „Und? Wie weit bist du?“) wie bei meinen Projekten. (Da kommen dann aber noch Fragen hinzu wie „Und? Wann wird dein Buch veröffentlicht? Wann kann ich lesen?“) Wenn es fertig ist. Und das dauert. Sehr lange. Denn Fortschritt ist nicht gleich Fortschritt, nicht mal der in Zahlen.

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Was ist überhaupt Fortschritt?

Das ist das Problem. Ich behaupte, Fortschritt ist individuell. Das fängt schon beim Nanowrimo im November an. Du hast heute 5k geschrieben? Klasse! Du hast heute 2k geschrieben? Klasse! Beide haben einen Fortschritt gemacht, aber beide können genau so stolz sein, obwohl theoretisch derjenige mit den 5k mehr geschafft habt. Vielleicht ist der mit 2k zufrieden, vielleicht wollte der mit 5k eigentlich 10k schreiben, vielleicht waren die 2k neben einem vollgepackten Tag, vielleicht hat der mit 5k am Morgen noch eine Schreibblockade gehabt und noch nie so viel am Tag geschrieben?

Fortschritt ist individuell, weil jeder Mensch ein anderes Zeitfenster, ein anderes soziales Umfeld, Verantwortung und Bedingungen (Tippgeschwindigkeit, Gesundheit) hat. Die 5k können das beste Kapitel aller Zeiten geworden sein oder morgen wieder gelöscht werden. Beide sind bei ihrem Roman voran gekommen, was das wichtigste ist. Aber ist das messbar?

Ich selbst poste seit diesem Monat in meinen Instagram Stories zu einem Projekt Sonntags den Fortschritt der Woche, weil ich weiß, dass es auch Tage gibt, an denen ich 0 Wörter schreibe und ich trotzdem voran komme, in dem ich durch viel Nachdenken eine Plotlücke löse, nur lässt sich Nachdenken eben nicht darstellen und wenn man wie ich aus einer Arbeiterfamilie kommt, ist „Ich habe das ganze Wochenende nachgedacht“ auch nicht die beste Antwort auf die Frage, was ich gemacht habe. Zumindest wird sie nicht von allen verstanden und akzeptiert.

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Fortschritt als Zahl

2k oder 5k sind besser als 0. Eine Geschichte schreibt sich nicht von alleine und ich muss regelmäßig weiter schreiben, wenn ich nicht auf der Stelle stehen will. Jedes Wort zählt und in dem Moment, in dem ich schreibe, ist jedes Wort ein Fortschritt und somit Schritt in die richtige Richtung zum Endziel Rohfassung beenden. Meine Mutter, die keine Ahnung vom Schreiben hat, fragt mich immer mal wieder: „Ist 10k am Tag schreiben viel?“, weil sie keine Vorstellung davon hat. Ich sage dann immer „Ja“, aber es geht dann nur um den Fortschritt gemessen an der reinen Zahl, der Menge der Wörter, nicht um den inhaltlichen Kontext oder die Umstände des Autors. Jemand, der üblicherweise 15k am Tag schreibt, wird die Frage anders beantworten.

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Warum Fortschritt keine Zahl ist

Weil 2k ebenso wenig Fortschritt bedeuten muss wie 5k. Ja, rein von der Wortzahl her bin ich vorangekommen. Aber die Wortzahl sagt nichts über den Inhalt aus. Ich kann einen 2k langen Monolog schreiben oder aus 5k drei Kapitel machen, dann bin ich bei den 5k nicht nur rein faktisch, sondern auch tatsächlich inhaltlich vorangekommen. (Angenommen, besagter Monolog bringt die Geschichte nicht voran. Wenn er super wichtig für den Plot oder die Geschichte ist, kann ich gefühlsmäßig mit dem 2k Monolog mehr voran gekommen sein als mit den kurzen 5k Kapiteln).

Die meisten Wörter, die ich an einem Tag mal geschrieben habe, sind 10k und darauf bin ich auch heute noch unheimlich stolz. Ich kann mich aber freuen, dass ich so viel geschrieben habe, weil ich voran gekommen bin, weil ich im Flow war oder weil ich die Sätze super fand. Fortschritt als Erfolg ist ebenso individuell.

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Fortschritt für den Kopf: Die Pause

Nicht nur als Autor, ich finde auch generell, kann man nicht 365 Tage im Jahr super produktiv sein. Manchmal bedeutet Fortschritt auch, eine Pause zu machen. Dem Kopf Ruhe zu geben, sich abzulenken, etwas anderes zu machen. Autorin Tanja Voosen hat dazu auch einen wunderbaren Post auf ihrem Instagram Account geschrieben. Ich habe da mal ein paar Sätze rot unterstrichen.

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Fazit

Ich sehe es eben so, dass ich sagen kann: Ich habe heute mega Fortschritte bei meinem Roman gemacht und das muss nicht bedeuten, dass ich 5k oder 10k geschrieben habe, weil Schreiben über die faktische Zahl hinaus geht. Das kann genauso gut heißen, dass ich nur geplant, recherchiert oder 1k geschrieben habe, der aber endlich den Knoten im Kopf gelöst hat oder sehr wichtig war für den Plot. Ich kann mich auch nur selbst entspannt oder den ganzen Tag auf Pinterest oder den perfekten Song auf YouTube gefunden haben. Ich freue mich natürlich selbst auch, wenn ich zum Beispiel 10k an meinem Buch schreibe und damit gut voran komme, aber zum Schreiben gehört eben so viel mehr als die Zahl: Die Planung, die Pausen, der Inhalt.

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7 Gedanken zu “[Schreiben] Fortschritt ist keine Zahl

  1. Ein sehr schöner Beitrag und wie recht du nur hast! Ich bin zurzeit eher bei den Fraktion Wörter Zähler, weil ich gerne noch mein Ziel vom nanowrimo erreichen wollte, durch meine Hausarbeit aber eine lange Pause eingelegt habe.
    Ich glaube, es ist eh ein gesellschaftliches Problem sich zu vergleichen und immer größer schneller und weiter zu sein. Sicherlich, ich habe gestern „nur“ 1.500 Wörter geschrieben, aber ich war auch noch arbeiten. Genauso muss man sich auch Zeit für die Charaktere für die Handlung und zum Recherchieren nehmen, ansonsten wird aus der Geschichte auch nicht:) und das ist ein Punkt an dem ich im Mai absetzten möchte

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    1. Vielen lieben Dank! 🙂
      Ich habe eine Tabelle, in der ich jeden Tag die Wortzahl eintrage (oder eben 0) und wie viele das Dokument jetzt insgesamt hat und wie viel ich in der Woche geschafft habe. Da ist es manchmal eben auch voll okay, wenn ich an dem einen Tag nur 200 Wörter geschrieben habe, weil ich dann ein wichtiges Kapitel beendet oder die 70k geknackt habe etc, Also ich gucke auf die Zahlen und vergleiche usw., aber weiß, dass der Inhalt und alles drumherum mindestens genauso wichtig ist.
      Ja, da hast du absolut Recht! Der Nanowrimo z.B. macht einerseits riesengroßen Spaß, kann aber mit den falschen Leuten auch ein bisschen zum Schwanzvergleich ausarten, sag ich mal so.
      Das finde ich auch wirklich klasse und SO wichtig! Ein Tag auf Pinterest kann genauso hilfreich sein wie ein Tag Schreiben 🙂

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  2. Deswegen messe ich meine Aktivitäten in Zeit und nur beim reinen Schreiben der Rohfassung in Wörtern.
    Dass ich überhaupt messe, ist auch nur für mich, weil ich gerade den längerfristigen Vergleich sehr interessant finde.

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    1. Das finde ich auch sehr gut! Ich mache es momentan so, dass ich versuche, jeden Tag 1 Stunde lang zu schreiben. Mal schreibe ich mehr, mal klappt es gar nicht, aber ich habe jeden Tag weiter gearbeitet und das ist der Fortschritt. Die Wortzahl kommt von selbst. Aber ich freue mich natürlich auch mehr über 2k als über 500 Wörter, sofern die 2k kein Geschwurbel waren. Stimmt, die Vergleiche sind spannend, auch was Tippgeschwindigkeit angeht, die sich mit der Zeit bessert 🙂

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      1. Richtig. Ich habe ja die Erfahrung gemacht, dass ich mich ganze sechs Monate lang jeden Monat gesteigert habe. Erst danach wars im nächsten Monat ein bisschen weniger (also die durchschnittliche Wortzahl pro Minute). Und ohne Zeit und Wörter zu tracken, wüsste ich das gar nicht.
        Aber ich tracke die Zeit eben auch für alles andere, das nicht so wirklich Wörter am laufenden Band produziert. Immerhin ist das auch Arbeitszeit für ein Projekt und warum soll ich die nicht einbeziehen? Wenn ich einen Monat lang nur plotte, sehe ich daran am Ende immer noch, wie viel Zeit ich investiert habe. Gehe ich nur nach den Wörtern, kommt vielleicht auch ein bisschen was zusammen, vielleicht aber auch nicht, weil ich hauptsächlich mit Recherche und Nachdenken zu tun hatte. An meinem Projekt habe ich dann trotzdem gearbeitet.
        Deswegen finde ich Zeittracking viel wichtiger als Wörtertracking (wenn ich letzteres trotzdem interessant finde). Zeittracking ist anfangs zwar ein bisschen ungewohnt, gleichzeitig zwingt es einen aber auch ein bisschen zu mehr Fokus. Was wiederum hilfreich ist.

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      2. Jetzt habe ich dir zweimal geantwortet, entschuldige.
        Aber das ist ja mal klasse! So eine Entwicklung macht denke ich jeder über kurz oder lang durch, aber es ist schön, das festzuhalten, den Fortschritt zu sehen und das einfach schwarz auf weiß zu haben.
        Das möchte ich auch mal anfangen. Ist manchmal ein bisschen mühsam, aber für eine Projektarbeit an der Uni dieses Jahr muss ich das auch machen, um ein virtuelles finanzielles Budget einzuhalten. Bin schon gespannt, wie das wird und wird garantiert auch interessant, zu sehen, wie viele Stunden man am Ende tatsächlich in das jeweilige Projekt gesteckt hat 🙂
        Da hast du absolut Recht! Gefühlte Zeit und tatsächliche Zeit kann sich ja auch unterscheiden, wenn man länger oder weniger dran gearbeitet hat, als man das vielleicht gefühlt dachte.
        Viele Grüße! 🙂

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    2. Ja, der langfristige Vergleich ist super interessant! Auch z.B. für Band 1 und Band 2 einer Trilogie, wie da der zeitliche Aufwand verteilt ist usw. 🙂

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