[Rezension] Gier von Marc Elsberg

Es gibt Autoren, die ich eigentlich sehr liebe. Eigentlich, weil nicht jedes Buch mein Glückstreffer sein kann. Helix fand ich zuletzt schon sehr enntäuschend, da war Gier deutlich besser, aber trotzdem nicht zufriedenstellend. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar, aber das beeinflusst meine Meinung nicht.

Das Buch ist 2019 beim blanvalet Verlag erschienen und darum geht es:

»Stoppt die Gier!«, rufen sie und »Mehr Gerechtigkeit!«. Auf der ganzen Welt sind die Menschen in Aufruhr. Sie demonstrieren gegen drohende Sparpakete, Massenarbeitslosigkeit und Hunger – die Folgen einer neuen Wirtschaftskrise, die Banken, Unternehmen und Staaten in den Bankrott treibt. Nationale und internationale Konflikte eskalieren. Nur wenige Reiche sind die Gewinner. Bei einem Sondergipfel in Berlin will man Lösungen finden.
Der renommierte Nobelpreisträger Herbert Thompson soll eine Rede halten, die die Welt verändern könnte, denn angeblich hat er die Formel gefunden, mit der Wohlstand für alle möglich ist. Doch dazu wird er nicht mehr kommen. Bei einem Autounfall sterben Thompson und sein Assistent – aber es gibt einen Zeugen, der weiß, dass es Mord war, und der hineingezogen wird in ein gefährliches Spiel. Jan Wutte will wissen, was hinter der Formel steckt, aber die Mörder sind ihm dicht auf den Fersen …

Zunächst einmal habe ich mich riesig auf dieses Buch gefreut! Ein neuer Marc Elsberg! Ich habe es mir sogar gekauft, weil ich nicht mehr abwarten konnte, ob ich ein Rezensionsexemplar kriege. So konnte ich dann zwar später einer Freundin eine Freude machen, aber ich habe viel negative Kritik zum Buch gehört und war so skeptisch, dass es erst einmal auf meinem SUB landete. Jetzt habe ich es befreit und es ist ein ganz klassisches Drei Sterne Buch geworden. Während es viel gab, was mir gut gefallen hat, hat mich auch genauso viel an dem Buch gestört.

Die Charaktere

Die Charaktere im Buch haben mir gleichermaßen Freud wie Leid beschert. Jan war für mich ein guter Hauptcharakter, weil er so unglaublich durchschnittlich war. Er blickt Mathe nicht so richtig, kommt nicht ganz hinterher, arbeitet als Pfleger und steht damit auf der benachteiligten Seite der Wirtschaft, fährt mit dem Fahrrad durch die Gegend und so richtig kräftig ist er auch nicht. Durch und durch dafür gemacht, damit sich möglichst viele Leser in ihn hineinversetzen können. Das Problem waren die anderen Charaktere. Die Polizisten wirkten wie das klassische Bad Cop vs. Good Cop Gespann, die Namen der Charaktere waren auch noch nicht hilfreich ähnlich (Jan, Jack, Jon) und die Männer, die Jan verfolgten, waren nichts weiter als die Bad Boys mit Muckis. Das hat die Tiefe aus der Geschichte gedrückt wie Wasser aus einem Schwamm. Mir fehlte die Individualität, die interessanten Charakterzüge, die Dreidimensionalität. Jeder Charakter hat seine Rolle und das wars dann auch schon.

Der Plot

Es gab Stellen im Buch, wo ich den Kopf geschüttelt habe. So gibt es an einer Stelle zum Beispiel einen Täter, der einen Polizisten entwaffnet, ihn nieder schlägt und fesselt. Alles innerhalb von fünf Sekunden ohne Chance seitens des Polizisten. Solche Plot Punkte sind für mich unrealistisch und trüben meinen Spaß an der Handlung, weil ich mich veralbert fühle.

Allgemein hat mir das Tempo des Buches aber sehr gut gefallen, weil die meisten Kapitel eher kurz gehalten waren und es dadurch stetig gut voran ging. Außerdem mochte ich die Struktur des gesamten Buches sehr. Es war toll, wie sehr die Kapitel miteinander verknüpft waren: Wenn zunächst das Opfer etwas erlebt, im nächsten Kapitel der Täter das Opfer beobachtet und sich im nächsten Kapitel die Polizei auf dem weg zu Opfer und Täter macht. Dieses Spiel mit den Perspektiven hat mir beim Lesen sehr viel Spaß gemacht, ein schönes hin und her. Die Gesellschaftskritik, die hier und da mal subtiler, mal prägnanter durchkommt, fand ich interessant, weil sie dazu anregt, über die eigenen Privilegen, Sichtweisen, Gerechtigkeit, Vermögensverteilung und Chancen nachzudenken. Kann ich überhaupt das erreichen, was ich will? Es ist logisch, dass jeder andere Bedingungen hat, aber Marc Elsberg erklärt eine wirtschaftliche Formel mit einer Metapher und wirft dabei immer wieder Fragen auf nach reich vs. Arm, Macht, Politik, Finanzen und „Warum war deren Zeit so viel mehr Wert als seine?“ (S. 133).

Gleichzeitig muss ich sagen, dass es mir teilweise zu hoch wurde. Ich war noch nie gut in Mathe und dieses Buch lebt von Mathe, Finanzen, Prozenten, Zinsen. Gerade bei längeren Abschnitten mit schnellen mathematischen Dialogen hat mein Kopf abgeschaltet, weil das Interesse wenig dazu beigetragen hat, den Inhalt wirklich zu verstehen. Stellenweise liest es sich, als würde ich in der Uni sitzen und meinem Dozent bei einem Vortrag zuhören, nur eben über wirtschaftliche Theorie, die nicht immer für mich interessant war und diese Diskussionen fand ich eher ermüdend, was aber auch mit den eindimensionalen Charakteren zusammen hing, die dann eher als Sprachrohr dienten, um bestimmte Informationen an den Leser zu vermitteln. Das hätte ich mir subtiler gewünscht.

Der Schreibstil

Marc Elsberg ist kein Autor für halbe Seiten lange Sätze und drei Metaphern in einem Satz. Das fand ich bisher immer so toll, aber bei Gier ist mir aufgefallen, wie oft er kurze Sätze verwendet. Manchmal sind auch nur einzelne Wörter in einer neuen Zeile. Trotzdem war genau das etwas, was mir am Buch auch gefallen hat. Durch diesen Schreibstil ging alles schön zack-zack vorran, ich hatte nicht das Gefühl, auf der Stelle zu stehen.

Die Skizzen

Das Buch hat relativ viele (39) schwarz-weiße Abbildungen. Das sind so kleine und größere Skizzen, die das geschrieben veranschaulichen sollen. Vom Stil her einfache Skizzen von Menschen, Zahlen, Tabellen, so in dem Sinne. Ich hätte nicht alle gebraucht und gerade bei der ersten Skizze hat mich das Layout gestört, weil der Text auf der nächsten Seite kam udn ich so immer zurückblättern musste, um mir die Skizze in Erinnerung zu rufen. Bei allen anderen hat das Layout aber gut funktioniert und ich war manchmal froh, dass es solch eine Zeichnung gab. Das Thema des Buches ist sehr komplex und die Zeichungen sehr anschaulich. Es hat geholfen und bot auf visueller Ebene noch einmal den Anreiz, das Thema anders zu verarbeiten und darüber nachzudenken. Das fand ich schön.

Der Preis

Eine Sache, die mich an dem Buch auch stört, ist die Preisgestaltung. Denn ich frage ich ehrlich gesagt, wie die 24 € zu stande gekommen sind. Das Buch hat ca. 450 Seiten, da habe ich schon Bücher für 18 € mit 500 oder fast 600 Seiten bekommen und super dickes Papier wurde beim Druck auch nicht verwendet, zumindest vom haptischen Gefühl her. Liegt es an den Zeichnungen? Die strecken den Text eher nur, ich schätze, das Buch hätte ca. 50 Seiten weniger haben können, weil zum Einen diese Zeichnungen Platz weg nehmen und zum anderen mehrere Kapitel auf der obersten Seite enden, sodass der Rest der Seite frei bleibt. Und zum dritten gibt es noch solche Zwischenblätter, wie es sie auch bei Fantasy Büchern gibt mit Teil 1 und Teil 2, hier mit Erste Entscheidung usw., deren Seiten ja auch nur einseitig bedruckt sind. Das Buch hat keine besondere Cover oder Schutzumschlaggestaltung, bisschen rau, bisschen „3D-Gefühl“, wenn man mit dem Finger streicht. Schön gemacht und ein Lesebändchen gibt es auch, trotzdem finde ich den Preis „außergewöhnlich“ und wüsste nicht, was den an der Ausstattung rechtfertigt. Die Skizzen hätte ich nicht alle gebraucht und sie sind schwarz-weiß. Aber das nur als Anmerkung, mit Preisgestaltung kenne ich mich ja nicht aus.

Lieblingszitat

„Wer eine Meinung hatte, brauchte doch keine Fakten!“ (S. 53)

Fazit

Ein schön strukturierter Roman mit wichtigen und interessanten Themen, der mich aufgrund der eindimensionalen Charaktere und der komplizierten Thematik leider nicht vollends begeistern konnte.


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