[Rezension] Das Haus der Verlassenen von Emily Gunnis

Dies war mein erstes Buch von Emily Gunnis, nämlich ihr Debütroman und gleichzeitig das erste Mal seit Die Buddenbrooks, dass mir ein Familienroman wirklich gefallen hat. Das Buch ist 2019 im Heyne Verlag erschienen und darum geht es:

Sussex, 1956. Als die junge Ivy Jenkins schwanger wird, schickt ihr liebloser Stiefvater sie fort – ins St. Margaret’s Heim für ledige Mütter. Sie wird den düsteren, berüchtigten Klosterbau nie mehr verlassen …

Sechzig Jahre später stößt die Journalistin Sam in der Wohnung ihrer Großeltern auf einen flehentlichen Brief Ivys. Er ist an den Vater ihres Kindes adressiert – aber wie ist er in den Besitz von Sams Großvater gelangt? Sam beginnt die schreckliche Geschichte von St. Margaret’s zu recherchieren. Dabei stößt sie auf finstere Geheimnisse, die eine blutige Spur bis in die Gegenwart ziehen. Und die tief verstrickt sind mit ihrer eigenen Familiengeschichte.

*Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar bekommen, vielen Dank dafür! Das beeinflusst aber meine Meinung nicht.

Mein Verhältnis zum Genre

Das Buch ist ein Familienroman. Mein Lieblingsbuch ist Die Buddenbrooks von Thomas Mann. Aber seit dem? Nichts. Kein einziges Buch konnte mich seit dem überzeugen, meist hörte das schon beim Klappentext auf und ich las gar nicht erst in das Buch rein. Die ganzen „Frau kehrt zum Herrenhaus zurück, findet Briefe, verliebt sich in den gutaussehenden Gärtner und untersucht ihre Vergangenheit – Romane“ haben mich nie großartig interessiert. Von dieser Art gibt es ja viele und Das Haus der Verlassenen hat ähnliche Komponente: Alte Briefe, Vergangenheit, Gegenwart, ein altes Haus….Und jetzt kommt das große Aber. Denn die Protagonistin Sam ist Journalistin, was dem Buch und ihrem Charakter einen sehr faszinierenden Aspekt gibt, denn sie gibt nicht so leicht auf und weiß, welche Fragen sie stellen muss. Außerdem ist es nicht irgendein Haus, sondern ein Mutter-Kind-Heim, in dem schlimme Dinge passieren. Das hat mich dazu veranlasst die Leseprobe zu lesen. Danach war klar: Das Buch muss ich lesen! Ich habe mich sofort emotional mit den Charakteren verbunden gefühlt und wollte sofort wissen, wie es weiter geht.

Charaktere

Wie schon erwähnt wird das Buch aus der Sichtweise von Sam erzählt. Sie ist Journalistin mit miesem Chef und netten Kollegen, lebt noch in gescheiterter Ehe und kümmert sich um ihre Tochter, auf die ihre Oma ab und zu aufpasst.

Neben Sam in der Gegenwart gibt es Kapitel von Ivy im St. Margarets Heim in den 1950er Jahren, die die Geschichte der Briefe erzählen. Wie kam es zu den Worten, was hat sie geschrieben, was hat sie danach gemacht?

Die dritte Perspektive ist Fernsehmoderatorin Kitty, die ihre glänzenden Jahre hinter sich hat.

Außerdem gibt es noch Kapitel aus anderen Perspektiven, die aber immer nur ein One Shot sind. Also eine bestimmte Situation aus der Sichtweise eines bestimmten Charakters. Davon gab es ein paar, aber genug, dass es verständlich war und nicht zu viel, dass es verwirrend werden würde. Man weiß vorher, wer besagter Charakter ist und ich fand die gesamte Struktur des Buches unheimlich spannend und genau richtig so.

Normalerweise habe ich bei Büchern mit Kapiteln aus der Sicht von mehreren Charakteren das Problem, dass ich nicht alle Perspektiven interessant finde. Es ist immer mindestens ein Kapitel dabei, wo ich mir wünschen würde, es wäre wieder ein anderer Charakter an der Reihe. In diesem Buch hatte ich das Gefühl aber überhaupt nicht. Ich konnte es gar nicht erwarten, mehr zu erfahren, mehr zu lesen. Ich habe mit Ivy im Heim mitgelitten, mit Kitty gerätselt und mit Sam Stück für Stück die Wahrheit entdeckt.

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Plot

Das Buch war nicht langsam, es ging zügig voran, in jedem Kapitel erfährt man mehr oder Charaktere reflektieren über das, was passiert ist. Sam sucht, findet und besucht Personen und Orte, um heraus zu finden, was damals mit Ivy passiert ist. Ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen und mich zwischenzeitig gefühlt wie Sherlock. Mein Kopf war die ganze Zeit am rattern. Ich habe mit gerätselt, was es mit allem auf sich hat und obwohl ich am Ende nicht überrascht war, war ich nicht enttäuscht, sondern eher zufrieden: Weil ich geahnt habe, was passiert ist und das großartig fand. Das Ende war so ein richtiger „Ha!“-Moment.

Ich weiß nicht, ob ich alles so gut verstanden hätte, wenn ich das Buch langsamer gelesen hätte. Denn es kommen viele Charaktere vor und die Geschichte springt ja zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Trotzdem wollte ich einfach nicht langsamer lesen. Mein Schlaf ist mir heilig, aber wenn ich ein Buch so richtig gut finde, dann wird auch gelesen, bis die Augen brennen. Im Buch werden insgesamt ein paar Aspekte aufgegriffen, die ich super faszinierend fand, auch im Vergleich von damals und heute und es keine leichte Kost.

Das Thema Religion

Das St. Margarets Heim für ledige Mütter ist wie der Name schon sagt religiös geprägt. Es geht um Gott und Sünde und die Drahtzieher sind größtenteils Nonnen und Priester. Unter dem Deckmantel der Religion passieren unheimliche Dinge. Das fand ich deshalb so interessant, weil ich es so gut nachvollziehen konnte. Denn meine Oma ist auf das gleiche Mädchenkloster gegangen wie ich. Damals durften die Mädchen keine Hosen tragen und die Schwestern haben kontrolliert, ob das auch eingehalten wurde. Was für mich heutzutage unglaublich ist, war für meine Oma damals ganz selbstverständlich: Die Art, wie Mädchen und Frauen behandelt wurden und die Obrigkeit der Kirche.

„Ich war zwar eine erwachsene Frau, aber mir kam es gar nicht in den Sinn, mit einer Nonne zu diskutieren.“ (S. 282)

Das Thema Verantwortung

In dem Buch geht es auch um das Thema Verantwortung. Wer hat Schuld an dem Schicksal der Mädchen im Heim, wer war alles daran beteiligt und wer wird bestraft? Wird überhaupt jemand bestraft? Und wenn ja, wie? Wer sieht weg und warum? Das fand ich auch unheimlich spannend und dazu gibt es einige tolle Aspekte und Zitate, die ich auch Spoiler Gründen natürlich nicht nennen kann. Aber das war klasse!

Das Thema Zeit

Außerdem unheimlich Spaß gemacht hat mir der Vergleich zwischen damals und heute. Zu lesen, wie Ivy im Heim den Fußboden poliert, dann Sam zu begleiten, wie sie über jenen Fußboden läuft, der nach so vielen Jahrzehnten grau ist. Jeder Charakter sieht das Heim anders und was damals ein prachtvolles Haus war, steht in der Gegenwart kurz vorm Abriss. Ich fand es wundervoll, in Ivys Perspektive von Charakteren zu lesen, den guten wie schlechten und dann Sam dabei zu begleiten, jene Charaktere aufzuspüren. Wie ist es in ihnen seitdem ergangen, sind sie noch am Leben oder nicht? Das hat mich sehr fasziniert und ich fand alles stimmig, weil sehr viele tolle Aspekte aufgegriffen werden, Erinnerungen, Gedächtnis und die Geheimnisse dazwischen.

Lieblingszitat

„Niemand erklärt mir, was passieren wird, wenn mein Baby zur Welt kommt, aber ich weiß, dass hier Babys im Haus sind, denn ich höre sie nachts weinen.“ (S. 117)

Fazit

Viele Jahre, nachdem ich die Buddenbrooks gelesen habe, kann ich endlich wieder sagen, dass ich einen großartigen Familienroman gefunden habe und das macht mich unglaublich glücklich! Es ist bis jetzt auf alle Fälle eines meiner Jahreshighlights. Das Buch war super spannend, faszinierend, hatte tolle Charaktere, ein super Setting, wunderschönes Cover und auch der Schreibstil war klasse. Gleichzeitig hat es mich emotional sehr berührt und nachdenklich gemacht. Es ist der Debütroman der Autorin und ich kann es nicht erwarten, mehr von ihr zu lesen!

Trigger Warnung: Wer an Emetophobie leidet, sollte das Buch nicht lesen.


4 Gedanken zu “[Rezension] Das Haus der Verlassenen von Emily Gunnis

  1. Liebe Yvonne,
    sehr schöne Rezension! Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, ich wollte es nicht mehr aus der Hand legen! Besonders erschreckend finde ich, dass den Realitätsbezug der Geschichte, unglaublich, dass vor 50 Jahre noch solche grausamen Dinge geschehen sind. Mir war nicht bewusst, dass es noch garnicht so lange her ist, dass man als ledige Frau geächtet wurde – richtig erschreckend!
    Liebe Grüße
    Vera

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Vera,
      es tut mir furchtbar leid, dass ich jetzt zum Kommentieren komme. Hausarbeiten und WG Zimmer Suche haben meinen Kopf ziemlich beschlagnahmt. Auf alle Fälle ein großes Danke für das Lob und den Kommentar! 🙂
      Ja, das ging einfach nicht! Der „Nur noch ein Kapitel…“ Witz funktioniert bei diesem Buch echt 1a, ich wollte gar nicht mehr aufhören. Dem kann ich auch nur zustimmen. Solche schlimmen Geschichten wirken immer so weit weg, dabei ist 50 Jahre noch nicht lange her.
      Liebste Grüße
      Yvonne 🙂

      Gefällt 1 Person

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