[Der Spiegeltrick] Wie ich als Leser nicht vom Aussehen des Charakters erfahren will

Der Spiegeltrick – Oder auch: Wie ich das Aussehen meines Charakters einbringe. Und wie nicht. Ich habe eine kleine Macke gegen den Spiegeltrick entwickelt, denn ich mag ihn überhaupt nicht. Ich behaupte mal, jeder Autor stellt sich einen Charakter irgendwie vor. Ich behaupte mal, jeder Leser stellt sich einen Charakter vor und nicht immer stimmen diese Vorstellungen überein. Eine Art und Weise, wie der Autor seinem Leser das Aussehen des Hauptcharakters näher bringen kann, ist der Spiegel Trick. So nenne ich das für mich und das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Besagter Charakter schaut in den Spiegel und beschreibt sich selbst. So weiß der Leser Bescheid und am besten passiert das auch noch auf den ersten paar Seiten.

Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung, denn es gibt unterschiedliche Ausprägungen, wobei ich als konkreten Spiegel Trick nur dieses Beispiel habe:

„Frustriert betrachte ich mich im Spiegel. […] Verzweifelt schaue ich das blasse Mädchen mit den braunen Haaren und den viel zu großen Augen im Spiegel an und gebe mich geschlagen. In der Hoffnung, halbwegs passabel auszusehen, binde ich meine widerspenstige Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen.“ (The White Zone, S. 7)

Was ich hier gut finde? Die „widerspenstige Mähne“ passt zu den frustrierten Gefühlen der Protagonistin. Andererseits wären hier aber die Erwähnung der braunen Haare nicht unbedingt nötig gewesen. Diese Erwähnung ist für den Leser, damit er weiß, wie der Charakter aussieht. Wenn ihr in den Spiegel schaut, wann denkt ihr dann „Ich bin ein Mädchen mit braunen Haaren?“ Eher selten. Wenn die Haarfarbe in Gedanken beim Blick in den Spiegel vor kommt, dann doch eher in Bezug auf die Gefühle oder Zustände (positiv „Die braunen Haare sehen heute gut aus!“ oder eher negativ „Die braunen Haare müsste ich mal wieder nachfärben. Die Spitzen sehen trocken aus…“).

Ähnlich geht es mir bei dem Buch 50 Shades of Grey. Die Protagonistin Ana trifft auf der nächsten Seite auf ihre Freundin Kate, die krank auf dem Sofa liegt und das beschreibt E.L. James so:

„Trotz ihrer Grippe sieht sie mit ihren ordentlich frisierten rotblonden Haaren und ihren strahlend grünen Augen, die momentan rot gerändert sind, auf androgyne Art umwerfend aus […]“ (S. 8)

Der Spiegel kommt nicht zum Einsatz, aber wieder empfinde ich die Farbe der Augen hier eher irrelevant. Es geht um den Eindruck, dass Kate trotz Grippe toll aussieht. Reicht da nicht der allgemeine Eindruck und die Haarfarbe? Ich mag es lieber, wenn Autoren die äußeren Merkmale nach und nach einfließen lassen. Nicht Bis S. 10 Haarfarbe, Augenfarbe, check.

Oder im Prolog, wie im Buch Als das Leben mich aufgab von Ney Sceatcher:

„Wieso sollte also ausgerechnet ich sterben? Ich, das Mädchen mit den hellen Haaren und den blaugrauen Augen.“

Im nächsten Satz beschreibt sie sich selbst als Mädchen, dass sich ständig in Tagträume verliert. Ich habe das Buch nicht gelesen, deswegen kann ich das im Fantasy Genre nicht beurteilen, aber beim sterben ist es doch egal, welche Haarfarbe sie hat und ob ihre Augen blaugrau oder grün sind? Sollte ausgerechnet sie sterben, wenn sie braune Augen hätte? Das finde ich wieder inhaltlich wie charakterlich unglücklich gelöst, weil ich noch nichts über den Charakter weiß und die Augenfarbe im zweiten Kapitel vielleicht vergessen habe.

Wie finde ich es besser?

In Apollo Das verborgene Orakel von Rick Riordan fällt besagter Gott auf die Erde, als Strafe gefangen im Körper eines Menschen. Natürlich muss er herausfinden, wie er aussieht, also würde sich der Spiegeltrick hier eigentlich anbieten. Doch der Autor hat meiner Meinung nach eine klasse Lösung gefunden, denn Apollo findet in seiner Tasche den Führerschein der Person, womit er nicht nur Informationen einstreut, sondern auch wertet und ein Bild vermittelt, ohne jedes einzelne Detail des Aussehens zu beschreiben:

„[…] mit dem Foto eines dämlich aussehenden lockigen Typen, der unmöglich ich sein konnte […]“ (S. 10)

Dadurch weiß der Leser schon mal, dass Lester lockige Haare hat und wie arrogant Apollo ist. Der Rest kommt dann später, immer mal wieder ein Häppchen.

Ein anderes sehr gutes Beispiel finde ich bei Das Lied der Krähen von Leigh Bardugo. Wieder kommt der Spiegeltrick nicht zum Einsatz, stattdessen hat die Autorin das Aussehen mit dem Setting verbunden:

Eine Brise wehte vom Hafen herüber, brachte den Duft nach Meer mit sich und zerzauste ihr die Haare, die sich aus dem geflochtenen Knoten in Inejs Nacken gelöst hatten. (S. 34)

Das finde ich super gemacht, denn zum einen erfahre ich, dass Inej sich in der Nähe des Hafens aufhält, zum anderen habe ich den Geruchssinn (Duft nach Meer), außerdem passt die Aussehens Beschreibung zur Situation, schafft Atmosphäre (Brise zerzaust Haare) und zum vierten erfahre ich, wie lang Inejs Haare sind. Nämlich so lang, dass sie sich einen Knoten im Nacken flechten kann. Die Farbe spielt hier erst einmal keine Rolle.

Ich selbst bin bei weitem kein Genie, was Schreiben betrifft. Drei mal dürft ihr raten, ob ich schon selbst in Projekten den Spiegeltrick angewendet habe. Mehr als einmal! Aber ich mag den Spiegel Trick nur dann, wenn er auch mit Gefühlen und Zuständen verbunden wird (wenn der Charakter gerade trauert oder sich für eine Party fertig macht) und nicht, wenn ich das Gefühl habe, er ist nur dazu da, um dem Leser jetzt die Checkliste fürs Aussehen zu präsentieren. Ich weiß, dass es zum Spiegel Trick noch viele Beispielen gibt, aber ich habe sie nicht mehr gefunden. Abgesehen davon gibt es für Charaktere auch wichtigere Eigenschaften als braune Augen mit golden Sprenkeln.

Fazit

Der Spiegel Trick ist einer von vielen Möglichkeiten eines Autors, dem Leser das Aussehen seines Protagonisten beizubringen. Aber es gibt meiner Meinung nach einfach bessere, subtilere und eben realistischere Möglichkeiten. Mögt ihr ihn, ignoriert ihr ihn oder habt ihr auch so ein Problem damit wie ich?


11 Gedanken zu “[Der Spiegeltrick] Wie ich als Leser nicht vom Aussehen des Charakters erfahren will

  1. Hey Yvonne,
    toller Post, und sehr informativ. Interessant, über was sich Autoren Gedanken machen müssen (wie baue ich das Aussehen ein?). Wie der Protagonist aussieht ist dem Leser oft wichtig, aber für die Geschichte spielt es eigentlich keine Rolle. Und so unscheinbar das Thema ist, hab ich kaum Erinnerung daran, wie es beim Lesen aufgetreten ist. Den Spiegeltrick hab ich bisher eher selten gelesen. Dass die braunäugige stirbt, finde ich auch nicht relevant :’D. Ich glaube, so eine subtile Art vom Äußeren der Charaktere zu sprechen, hatte ich auch schon. Geschickt eingebracht finde ich es, wenn die Protagonistin in den Tag startet oder das Haus verlässt und dann noch schnell ihre braunen Haare zu einem Knoten hochbindet.
    lg, Tine 🙂

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    1. Liebe Tine,
      vielen Dank!! Haha, ja, das ist manchmal schon der Wahnsinn. Leser sehen nur die Spitze des Eisbergs. Ja, das stimmt, so finde ich das auch toll! 🙂 Wenn ich mich erinnere, habe ich eine Prota auch mal beim Shoppen auf das Thema Aussehen eingehen lassen. Da fände ich den Spiegel Trick dann wieder okay, weil ich im realen Leben ja auch denke „ne, das Kleid macht mich noch blasser“. ergo weiß der Leser, dass ich blass bin. Ist schon ein Balance Akt und natürlich immer eine persönliche Präferenz, was da jetzt passt und gefällt 🙂
      Liebe Grüße
      Yvonne

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  2. Hey! Was ein cooler Post, über so etwas habe ich mir tatsächlich eher weniger aktiv Gedanken gemacht. Ich „überlese“ solche Beschreibungen auch immer gerne. Oder wenn es dann doch mal erwähnt wird, wirft es gleich mein eigenes Bild des Charakters um, wenn es mir anders vorgestellt habe. Aber ich wüsste auch keine wirklich „gute“ Art und Weise, dem Leser das Aussehen der Charaktere näher zu bringen. Vielleicht achte ich bei meinem nächsten Buch ein wenig drauf 🙂

    Liebst, Lara von Fairylightbooks 🙂

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    1. Hey Lara 🙂
      Ah, das freut mich so! Vielen lieben Dank 🙂
      Ja, vor dem Schreiben habe ich mir da auch nicht so viele Gedanken drüber gemacht, die waren halt da. Dann musste ich mir selbst Gedanken machen, Huch, wie binde ich die Infos jetzt ein? Und fand den Spiegel Trick halt irgendwie blöd, weil er so unnatürlich wirkt, sofern es keine expliziten Umstände wie Stress, Trauer, Party etc. gibt und selbst dann sind die Beschreibungen angepasst und dienen nicht nur zu reinen Aussehens Beschreibung.
      Ganz genau! Meine eigenen Romane möchte ich auch noch mal durcharbeiten, mal gucken, was ich da so früher geschrieben habe. Nicht das ich was veröffentliche und dann jemand diesen Blog Artikel findet. 😀 Gibt ja immer relativ viele Charaktere.
      Ganz liebe Grüße!
      Yvonne

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  3. Mich stört nicht nur der Spiegeltrick sondern grundsätzlich alle Beschreibungen des Aussehens, die so nicht zur Situation passen. Meistens interessiert es den Leser ja auch gar nicht, ob der Protagonist hellblaue Augen oder dunkelbraune haben soll – es sei denn, es hat explizit etwas mit der Geschichte zu tun. In diesem Fall lässt es sich aber auch gut in die Geschichte einflechten (Statt „sie hatte lange Haare“, wehen diese dann bei der Fahrradfahrt störend vors Gesicht und lassen die Person etwas wichtiges übersehen oder der Freund nervt sich über die langen braunen Haare, welche sich überall im Badezimmer befinden und das führt zu einem Streit o.ä.).
    Liebe Grüsse
    Ariana

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    1. Liebe Ariana,
      Stimmt, da hast du recht! Ich finde Augenfarben für mich wichtig, aber einfach aus Prinzip, sonst stelle ich mir da selbst etwas vor.. Da mag ich lieber Angaben vom Autor. Nur halt in der passenden Situation.
      Deine Beispiele finde ich richtig klasse! Dann wirkt es realistisch, passend und die Information fließt auch eher unbewusst ein. Nicht nach dem Motto „Hier, Leser, bitte merke dir jetzt die Haar- und Augenfarbe!“.
      Danke für deinen Kommentar!
      Liebe Grüße
      Yvonne 🙂

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  4. Wieder einmal ein schöner Beitrag!
    Und wie ich dir schon auf Twitter erzählt habe, als ich mich das erste Mal ans Schreiben gewagt habe, gab es in meiner Geschichte so eine klischeehafte Spiegelszene, die eine halbe Seite lang war. Beim Überarbeiten wurde die erstmal gestrichen. Ich mag Beschreibungen von Aussehen angenehm verteilt und beinahe beiläufig,etwas woran ich selbst auch noch arbeiten muss. Auch meide ich es mittlerweile die Augenfarbe zu nennen, mir ist beim Lesen selbst einfach aufgefallen, wie wenig ich die Beschreibung des Aussehens in meinem Kopf hängen bleibt und versuche verstärkt das Aussehen mit dem Charakter in Verbindung zu bringen.
    Liebe Grüße
    Nadine

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    1. Das finde ich gut 🙂 Und danke! Ja, ich könnte ehrlich gesagt von den meisten Charakteren nicht die Augenfarbe sagen, nach dem ich das Buch beendet habe. Sofern es keine besondere Kombination ist oder sehr stimmig/schön/wichtig 🙂

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