[Allgemeines] Der Großstadt vs. Land Trope bei Hallmark und anderen Medien

Zugegeben, der Titel ist etwas behilfsmäßig. Anders wusste ich das Thema aber auch nicht zu benennen. Im letzten Jahr habe ich sehr viele Filme von Hallmark (ein amerikanischer Tv Sender) geschaut und bei den ganzen Liebesfilmen ist mir ein bestimmter Aspekt aufgefallen: Ständig verlässt eine Person die Großstdtadt und zieht zurück in die Heimat, die natürlich ländlich oder zumindest ein kleiner Ort ist.

Was meine ich mit Großstadt Trope?

In vielen Filmen/Serien gibt es eine bestimmte Storyline, die immer wieder den gleichen Verlauf hat. Mann oder Frau kommt aus der Großstadt (meistens ist das tatsächlich New York. Manchmal auch Chicago oder sie wird nicht namentlich erwähnt) nach Hause, in die Kleinstadt für Weihnachten/Geburtstag/Hochzeit/Todesfall/Arbeit. Und jedes Mal wird besagter Mann oder die Frau ähnlich dargestellt (schicke Klamotten, Frau in High Heels, ständig am Handy), nur um eben diese Eigenschaften und Klamotten im Laufe des Films abzulegen, sich wieder an das Landleben zu gewöhnen und zu verlieben. Das Leben bei der Familie, in der kleinen Bäckerei, mit dem Jugendfreund oder in der kleinen Kanzlei ist ja so toll und die Großstadt ist eigentlich so blöd. Jetzt mal platt gesagt. Am Ende entscheidet sich der Hauptcharakter immer für die kleine Stadt und Familie.

Dieser Trope ist nicht nur mir aufgefallen, sondern wird auch in diesem Artikel erwähnt, der darüber berichtet, welche Anzeichen es gibt, dass man einen Hallmark Film schaut.

„Going home for Christmas: … who is probably begrudgingly traveling from the big city to their small hometown for the Holidays.“

Beispiel: Hallmark Filme

  • Christmas Wonderland
  • The Sweetest Heart
  • Christmas in Love
  • A Country Wedding

Der Trope in anderen Filmen

  • Sweet Home Alabahma
  • Christmas Inheritance
  • New in Town

Der Trope in anderen Serien

  • Heart of Dixie
  • Heartland
  • Chesapeake Shores
  • Burden of Truth (ansatzweise)

Ein Ursprung aus der Kinderliteratur: Heidi

Tatsächlich gibt es diese Gegenüberstellung nicht nur in Filmen/Serien des 21. Jhdt., sondern schon in Kinderliteratur des 19. Jhdt. Das beste Beispiel dafür ist wohl der Klassiker Heidi. Die Heidi Bücher erschienen 1880 und 1881 und gerade in Band 1 ist diese Idealisierung der Natur im Vergleich zur Großstadt sehr präsent.

Worum geht es also eigentlich bei Heidi? Das Waisenkind Heidi wird Ihrer Tante bei der eigenen Karriere lästig, deshalb schiebt sie es zu seinem Großvater ab. Dieser will das aufgeweckte Naturkind von der Bosheit der Welt abschirmen und schickt es auf die Alpweiden statt in die Schule. Die Idylle findet ein Ende, als die Tante wiederauftaucht und Heidi nach Frankfurt bringt, wo sie der gelähmten Klara Gesellschaft leisten und etwas lernen soll. Heidi lernt lesen, aber sie verkraftet den Kontrast zwischen dem engen Korsett in der großbürgerlichen Atmosphäre der Großstadt und der einfachen Alphütte nicht, erkrankt an Heimweh, und darf in die Alphütte zurückkehren.

Klarer geht es wohl kaum. In den Alpen und der Natur ist Heidi glücklich, in der Stadt wird sie krank. Heidi wird zur Symbolfigur der Kindheit in der Naturidylle.

Die Botschaft dahinter

Zugegeben, es ist nicht gerade subtil, aber ich will es trotzdem noch ein mal aufzeigen. Diese Darstellung des Landlebens vs. Großstadt ist gleichzeitig eine Kritik an Letzterem. Die Hauptcharaktere bleiben am Ende des Films oder der Serie zuhause, weil sie nichts in der Großstadt hält. Die Arbeit können sie auch von zuhause aus machen (noch besser: Eigentlich wollten sie etwas ganz anderes machen, haben in der Großstadt nur gearbeitet und gehen auf dem Land jetzt ihrer Leidenschaft nach. Wie z.B. in Christmas Wonderland.

Es ist eine Kritik an der Gesellschaft, die Arbeitsweise, das Leben vieler Großstädter. Immer erreichbar sein, immer „on-the-go“, keine Zeit, keine Ruhe, keine Freundlichkeit und Nähe.

Das Problem dabei

Das Problem ist einfach diese Idealisierung. Natur, Kleinstadt, Landleben, zurück nach Hause zur Familie als Ideal, als Idylle, als beste Form, glücklich zu sein. Ja, in den genannten Filmen und Serien zieht es die Charaktere auch zu den Menschen, aber mir fehlt einfach die Realität. Versteht mich nicht falsch, müsste ich mich persönlich zwischen Landleben und Großstadt entscheiden, würde ich das Landleben wählen, aber es vermittelt ein schwarz-weiß Denken und das mag ich nicht.

Das Leben in einer Kleinstadt oder auf dem Land kann genauso schwierig sein, weil die Geschäfte so früh schließen, man morgens um 6 Uhr aufstehen muss, um die Apfelbäume zu pflücken oder der nächste Supermarkt eine lange Autofahrt entfernt ist. Die Menschen kennen sich zwar untereinander besser, es ist nicht so anonym wie in einer Großstadt, aber genau das kann eben auch negativ sein, wenn es ums Tratschen geht oder Erwartungen, Gerüchte und Engstirnigkeit, gerade von älteren Leuten. (Stichwort Homosexualität, gleichgeschlechtliche Paare gibt es bei Hallmark Filmen z.B. nie)

Genauso gut kann das Leben in einer Großstadt nicht nur negativ, kalt, schnell, anonym sein, sondern darin auch Chancen sehen. Ich fand es toll, dass in New York immer was los war, auch morgens um 5 Uhr im Starbucks. Nach dem Urlaub war ich richtig energiegeladen und inspiriert, in Los Angeles waren die Leute unglaublich freundlich und ich habe das zuhause richtig vermisst. Großstädte bieten mehr Möglichkeiten. Ich möchte jetzt noch etwas kaufen, ins Kino fahren? Prima, kann ich machen! Weil es ein gutes Verkehrsnetz gibt, weil ich schnell (fast) alles kriegen kann, was ich möchte.

Und wie lautet die Lösung?

Ein bisschen mehr Realismus, nicht so ein schwarz-weiß-Denken fände ich toll. Kein „entweder-oder“. Ich wünsche mir mal eine Protagonistin, die ihre High Heels gleich in New York gelassen hat und in Sneakers kommt oder in der Kleinstadt die High Heels anbehält – bis zum Ende des Films. Oder ein Mann, der zwar zugibt, jetzt entspannter zu sein, aber trotzdem zurück nach Chicago geht, weil dort sein Leben ist. Arbeit, Freunde, Gewohnheiten. Für einen Hallmark Film wäre es auch ein Plot Twist, wenn der Love Interest beschließen würde, mit der Frau in die Großstadt zu ziehen. Oder ein Charakter, der sich für die Kleinstadt entscheidet und dann merkt, wie sehr er die Großstadt vermisst und zurück zieht.

Wie ein Pärchen in diesem Artikel in The Guardian:

„Instead, we find we’re isolated, bored and not physically strong enough to live this life. We’re putting our cottage back on the market next month and moving back to the city. I can’t wait to get back to everything I thought I was so desperate to leave behind me.“

Ich liebe die Natur und Leben auf dem Land, in einer kleinen Stadt, aber es ist nicht das Ideal für jeden und die Lösung für alles. Wie seht ihr das? Ist euch das Thema noch in anderen Filmen, Serien oder eben Büchern aufgefallen?

 

 

Quellen

  • Escher, Georg: Johanna Spyri. Verklärt, vergessen, neu entdeckt. Zürich 2001, S. 114 f.
  • Vgl. Jud, Markus: Johanna Spyri: Heidi. http://literatur.geschichte-schweiz.ch.
  • Diehring, Silke: Die Entwicklung vom „Trotzkopf“ bis zu den „Wilden Hühnern“. Saarbrücken 2008, S. 29.

 

Werbeanzeigen

5 Gedanken zu “[Allgemeines] Der Großstadt vs. Land Trope bei Hallmark und anderen Medien

  1. Liebe Yvonne,
    ein sehr interessanter Beitrag und eine tolle Auseinandersetzung mit dem Thema. Mir ist das auch schon aufgefallen … es ist einfach wirklich das Typische und Klischeebehaftete. Ich muss aber auch sagen, dass mir diese Art Film und Serien gut gefällt. Einfach weil ich weiß, dass es irgendwie heile Welt ist und ich beim Zuschauen einfach abschalten kann. Wenn ich an Heart of Dixie denke, denke ich an keine Probleme und Friede Freude Eierkuchen. Es stimmt, dass Diversität und Realität hier nicht groß geschrieben werden, aber ich finde es auch nicht immer wirklich notwendig. Irgendwo sind Filme und Serien für mich auch ein Medium, das mich aus dem Alltag hinausbefördern soll – nicht immer, aber manchmal 🙂
    Ich stimme dir übrigens auch voll und ganz zu mit den Problemen, die ans Landleben gebunden sind. Die fehlenden Geschäfte oder Ausgehmöglichkeiten wie Kino oder Theater … oder was mich früher immer sehr beeinträchtigt hat: fehlende öffentliche Verkehrsmittel. Ohne Auto bist du manchmal echt an einen Ort gebunden. In meinem Heimatdorf fährt der Bus mittlerweile zu bestimmten Orten nur noch 2x täglich. Da kannst du dich dann zwischen 15 und 19 Uhr entscheiden. Zurück kommst du dann aber nicht mehr 😀
    Alles Liebe,
    Janika

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Janika,
      Dankeschön!! 🙂
      Ja, so ein richtiges schwarz-weiß Denken ohne Tiefgang oder Facetten.
      So ging es mir letzten Winter auch. Ich weiß zwar vom Kopf her, dass z.B. Hallmark Filme ca. 1 Stunde und 26 min gehen und bei 24 Minuten der Kuss sein wird und was alles passieren wird und überhaupt und trotzdem habe ich sooo viele Filme geguckt und es hat soo viel Spaß gemacht. Eben weil ich zu 100% wusste, welche Art von Film mich jetzt erwartet und ich das toll fand (und auch noch finde.)
      Ganz genau, Heart of Dixie gehört auch dazu. Da kann man nach einem stressigen Tag oder wenn es mal nicht so gut läuft wunderbar abschalten. Nicht alles muss immer ernst, tiefgründig und politisch korrekt sein. Sind Disney Märchen ja auch nicht 😀
      Oha! Das stelle ich mir echt schwierig vor. Da bin ich ja noch richtig gut angebunden, hier fährt der Bus am Wochenende alle 2 Stunden, also „mal eben kurz was besorgen“ gibt es ohne Auto nicht und dann überlegt man schon zweimal, ob man jetzt wirklich in die Stadt will/muss. Genau, das mit abends feiern gehen auch! Deswegen fahren die bei Heartland auch immer mit dem Truck zu Partys, anders würde das gar nicht gehen 😀
      Ganz liebe Grüße zurück, Yvonne 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Ein interessanter Beitrag! Die erwähnten Filme kenne ich leider nicht. Nur gibt es auch nicht das Gegenteil? Weg aus dem langweiligen Dorf, rein in die Großstadt mit ihren vielen Möglichkeiten, wie beispielsweise Lady Bird, die einfach weg wollte. Oft wird dort das Dorf bzw. die Kleinstadt konservativ ect. dargestellt. Also es gibt beide extreme. Dabei hat beides seine Vor- und Nachteile. Ich bin auf einem 70 Einwohner Dorf groß geworden, wo ohne Auto gar nichts ging. Für mein Studium bin ich dann in die Stadt gezogen. Dort liebe ich es, schnell nach Köln fahren zu können, abends noch was zu machen, ohne auf das Auto angewiesen zu sein. Auf der anderen Seite liebe ich auf dem Dorf die Ruhe, das Grün der Felder, das große Haus meiner Eltern mit Terrasse. Ich bin zu sehr Dorf Kind, um jemals in der Innenstadt zu wohnen, Fenster auf und Autolärm, daran könnte ich mich nie gewöhnen. Komplett abseits auf dem Dorf ist aber auch nichts, dafür liebe ich zu sehr kleine Kinos in der Stadt, wo nicht nur die Blockbuster laufen. So jetzt ist es aber auch gut mit meinem Kommentar, bevor ich noch mehr den Faden verliere 😀
    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag, liebe Grüße, Nadine

    Gefällt 1 Person

    1. Dankeschön Nadine! 🙂
      Das stimmt, das Gegenteil gibt es auch, sehr viel sogar. Öfters auch in Teenie Sendungen, siehe auch One Tree Hill mit Brooke. Da wird die Kleinstadt als etwas beschrieben, dass einengt, was es in gewisser Weise ja auch tut.
      Ich kann deinen Ausführungen nur zu 100% zustimmen!! Bin ländlich aufgewachsen, liebe auch die Möglichkeiten der Großstadt und würde trotzdem immer zuhause vorziehen. Hach.
      Jetzt ist schon wieder eine Woche rum, da kann ich dir auch einen schönen Sonntag wünschen 😀

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s