[Schreiben] Wie mich Pendeln beim Schreiben inspiriert

Es gibt Momente, die mir nicht nur als Mensch helfen, sondern auch als Autorin und manchmal merke ich das erst später. Pendeln gehört definitiv dazu. An sich ist es nicht schön, aber mit dem Autoren-Blickwinkel ist es auf alle Fälle wichtig.

Zur Ausgangssituation

Was meine ich mit pendeln? Ich studiere seit Herbst diesen Jahres an der Uni in Erlangen im Master Buchwissenschaft. Seit Juni habe ich mich für Wohnheime und WG Zimmer beworben, aber ich hatte kein Glück. Das Studium aufzugeben kommt für mich nicht in Frage, deshalb pendle ich nach Bayern. Von zuhause aus sind das 400km pro Weg, deswegen pendle ich selten die 800km an einem Tag, sondern übernachte dann unter der Woche ein paar Nächte im Hotel.

Ich werde am Ende der Vorlesungszeit also gut 10.000 km in Bus und Bahn verbracht haben. Was aber bringen mir viele Züge und Menschen? Erfahrung, Konflikt, mit mir und anderen. Die Bahn ist voll davon! Mit müden Menschen um 5 Uhr, mit genervten Menschen um 18 Uhr, mit frierenden Menschen um 23 Uhr, auch mit betrunkenen Menschen um 9 Uhr. Ich habe so viele Menschen gesehen, erlebt, mich über sie geärgert oder mit ihnen gefreut, Beziehungsdramen am Telefon oder live erlebt, Babys zugelächelt oder alten Menschen beim Aussteigen geholfen. Jeder Mensch ist auf seine Weise eine kleine potentielle Inspiration. Es braucht nicht mehr als einen Moment.

Genauso wichtig ist aber auch das Drama, der Konflikt. Das kann sein, wenn die Leute von der einen Seite in den Gang wollen, obwohl dieser bereits mit Menschen voll ist. Natürlich alle mit Koffern. Das kann sein, wenn jemand eine Sitzplatzreservierung hat und der Platz belegt ist. Das kann aber auch sein, wenn die schlimmstmögliche Situation eintritt. Zug verpasst, Zug verspätet…alles normal. Die für mich schlimmstmögliche Situation ist aber der Satz: „Es fährt kein Zug mehr.“

Am Beispiel: Es fährt kein Zug mehr

Eines Abends gegen 21 Uhr, als ich nach einem langen Uni Tag und drei Stunden Zug Fahrt müde am Gleis stand, bin ich in den falschen Zug gestiegen. Zum ersten Mal! Ich saß einfach am Gleis, es waren noch fünf Minuten bis zur Abfahrt, ein Zug fuhr auf ein und mein Gehirn muss in dem Moment ausgesetzt haben nach dem Motto „Zug! Rein!“

Im Zug setzte ich mich also ganz gemütlich hin (ich war ja felsenfest davon überzeugt, richtig zu sein), bis ich Steckdosen bemerkte. Moment! Hier stimmte etwas nicht. Die Erkenntnis dämmerte irgendwo im Nebel meines Hinterkopfes und ich sprang auf, um nachzusehen, dass ich auch wirklich im richtigen Zug bin. Kaum war an der Tür, kam schon die Durchsage, während der Zug los fuhr. „Willkommen im ICE Richtung Berlin.“ Halleluja, das war sowas von falsch. Ich musste nach NRW. Was macht man in dem Moment? Schreien, weinen, Schnappatmung kriegen? Ich habe erstmal aufgeregt den nächsten Schaffner herbeigeholt und meinen Fehler zugegeben. Kein Problem, das passiere öfter. Oh Gott, die armen Leute. Mein Herz klopfte schon ganz verrückt, denn ich fürchtete mich vor seiner Reaktion. Der schlimmste Moment kam dann tatsächlich, als er das Gesicht verzog und sagte: „Tut mir leid, dass war der letzte Zug. Jetzt fährt nichts mehr.“

Durchatmen. Es wurde ein sehr langer Abend mit sehr vielen verschiedenen Reaktionen und Wegen, fünf weiteren Stunden in Zügen, Bummelbahnen, Bussen und dem besten Opa der Welt, der mich nachts um zwei Uhr in der letzten Stadt abholte, 45 Minuten von zu Hause entfernt. Alleine über diesen Abend könnte ich ein halbes Buch schreiben. Aber darum geht es nicht, ich schreibe schließlich keine Biografie.

Wichtig war der Satz meiner Schwester am nächsten Tag: „Wahnsinn, dass du so ruhig geblieben bist. Ich hätte ganz anders reagiert!“

Jeder Mensch/Charakter reagiert anders

Das hat mich zum Nachdenken angeregt. Wie habe ich reagiert und warum? Wie hätten andere reagiert? Ich bin ein Mensch, der Pläne mag. Ich liebe es, vorbereitetet zu sein, zu wissen, was mich erwartet. Ich bin ein Mensch, der vor dem Urlaub nachguckt, wann der Bus kommt, an welcher Haltstelle ich aussteigen muss, wie viele Minuten der Bus fährt und welche Haltstelle davor kommt, damit ich schon Bescheid weiß. Abends und nachts irgendwo im nirgendwo stehen, ohne zu wissen, ob der Bus jetzt wirklich kommt, der dich nach 1,5 Stunden in der nächsten Stadt absetzen soll? Schwierig. Ich war nervös und mir ging es in den fünf Stunden nicht immer gut (ich hatte ja auch gegen 13 vor der Uni Uhr zuletzt gegessen), aber ich dachte mir: Was bringt es jetzt? Wird es mich voran bringen, wenn ich jetzt die Nerven verliere, panisch irgendwo hinrenne, anfange zu weinen oder streike? Nein. Ich komme nur nach Hause, wenn ich einen klaren Kopf bewahre, einen Schritt nach dem anderen mache und jeder Ort, Zug oder Bus bringt mich näher ans Ziel. Keep going eben.

Das kann man jetzt dramatisch finden und dann denke ich an einen Freund. Er würde sagen: „Was machst du dir jetzt so einen Stress? Lass uns einfach die Nacht durchmachen, irgendwo essen gehen. Passt schon. Oder wir gucken mal in irgendeinem Hostel, ob die was frei haben für die Nacht.“ Ich denke, ihr versteht, was ich meine. Er ist generell ein eher gechillter Mensch, viel unterwegs, sehr spontan und ihm wäre es wohl nicht so wichtig, an dem Abend noch nach Hause zu kommen.

Jedes Mensch ist anders und Charaktere sind es ebenso. Wenn ich einen Charakter in eine Situation werfe, dann reagiert er auf die Handlung auf eine bestimmte Weise, die zu ihm passt. Vielleicht verändert sich diese Reaktion auch im Laufe des Buches. Vor einem Jahr hätte ich auf diese Nacht noch nicht so ruhig reagiert. Meine Schwester oder der Freund hätten sich ganz anders verhalten, über andere Sachen Sorgen gemacht, sich andere Sachen gewünscht.

Wichtig bei einer Reaktion finde ich das warum. Warum habe ich so reagiert? Warum würde meine Schwester so reagieren, warum der Freund? Das reale Leben ist oft eine ganz gute Inspiration für Romane. Denn wenn ich an die Hauptcharaktere meiner jetzigen Reihe denke, hätte das verschiedene Faktoren:

  1. Für welchen Charakter ist diese Situation besonders schlimm und für wen gar nicht? Um beim Beispiel zu bleiben: Für den Freund wäre der Abend nicht so schlimm gewesen wie für mich, für meine Schwester ist so ein Moment der größte Horror.
  2. Wie reagiert der Charakter und warum? Warum so und nicht anders? Kommt das aus der Kindheit, aus Erfahrungen, von Macken?
  3. Welche Umstände beeinflussen den Charakter? Hat er eine sozial Phobie, oder Angst im Dunkeln? Wollte er immer schon mal eine Nacht in fremden Orten oder am Bahnhof verbringen und freut sich insgeheim, dass der Zug weg ist? Findet er das vielleicht total aufregend und interessant, überhaupt nicht schlimm? Wollte er eh das Buch lesen, dass so spannend war und vertreibt sich die Zeit einfach mit Lesen?
  4. Welche Sorgen und Ängste hat der Charaktere, was findet er im Gegensatz dazu nicht schlimm?
  5. Was ist das Ziel und was steht dem im Weg, was macht der Charakter? Mein Ziel im Beispiel war es, nach Hause zu kommen. Irgendwie, irgendwann.
  6. Wie reagiert er auf Leute, die anders sind als er? Das finde ich auch sehr wichtig, denn ich würde besagten Freund oder meine Schwester nie verurteilen. Aber es bietet sich natürlich Konflikt Potential, wenn zwei Charaktere im Urlaub den Zug verpassen, A total durchdreht, B eher ruhig reagiert, die Situation gar nicht schlimm findet und beide mit der Reaktion des anderen in dem Moment nicht klar kommen. A fühlt sich vielleicht unverstanden, nicht ernst genommen, B findet A dramatisch. Bei solchen Konfliktszenen würde natürlich die Beziehung der Charaktere untereinander eine große Rolle spielen. Paar, Familie, Freunde, Nachbarn oder Fremde, die sich vom Rest der Gruppe abgeseilt haben?

Das Pendeln gibt mir nicht nur Momente, Menschen, Konflikte in groß und klein. Es hat mir auch einen Denkanstoß gegeben, eine Inspiration und wie wichtig es ist, die Charaktere sehr gut zu kennen. Wenn solch eine Situation eintreffen würde, welche Charaktere fänden das sehr schlimm, welche nicht, warum ist das so und wie würden sie sich jeweils verhalten?  Das kann man ja auch mal mit bekannten Charakteren durchspielen.

 

 

Das Beitragsfoto ist von Daniel Abadia auf Unplash.

 

 


12 Gedanken zu “[Schreiben] Wie mich Pendeln beim Schreiben inspiriert

  1. Ein interessanter Beitrag. Was du für einen Aufwand in Kauf nimmst – wirklich beeindruckend. Und ich kenne all diese Momente, die du geschildert hast, auch nur zu gut. Ich führe inzwischen meine zweite Fernbeziehung und bin auch so einiges von der Deutschen Bahn gewohnt 😉

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  2. Krass, was du für einen Aufwand für dein Studium in Kauf nimmst! Ich kenne diese Geschichten, von denen du erzählst, nur zu gut, ich führe inzwischen meine zweite Fernbeziehung und habe auch so einiges mit der Deutschen Bahn erlebt 😉
    Inspiration kann man eben in jeder Lebenlage herausziehen 🙂

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    1. Es ist nicht immer leicht. Würde ich das Studium nicht so wollen, hätte ich schon längst aufgegeben.
      Und keine Bahnfahrt ist wie die andere! Wahnsinn, die zweite Fernbeziehung, Respekt! Ist bestimmt auch nicht immer einfach. Aber immerhin liefert die deutsche Bahn dann fleißig Stoff für Autoren 🙂
      Ganz liebe Grüße,
      Yvonne

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  3. Der Beitrag ist dir wirklich sehr gelungen. Und Respekt an dich, dass du diese Strecke für dein Studium in Kauf nimmst.
    Aber wenn man so viel mit der Bahn unterwegs ist, wird man nun einmal mit den verschiedensten Situationen konfrontiert. Deshalb kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass du dadurch inspiriert wirst, vor allem was das unterschiedliche Verhalten der Menschen angeht.
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Liebe Regina,
      das freut mich echt! Vielen lieben Dank 🙂
      Ja, ich mache das auch echt nur, weil ich das Studium so mag. Es wäre einfacher zu sagen „Das ist zu weit/teuer/aufwändig“.
      Das stimmt, eine Bahnfahrt ist eigentlich immer gut für Inspirationen 🙂
      liebe Grüße zurück,
      Yvonne

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  4. Jetzt komme ich auch noch dazu dir einen Kommentar auf deinen tollen Beitrag zu schreiben :). Erstmal finde ich es ja eher traurig, dass du so weit pendeln musst und in Hotels ab und an schläfst, weil du keine Wohnung gefunden hast. Das ist ja ein Problem, das endlich mal angegangen werden müsste, denn sonst wird es viele geben, die vielleicht erst gar nicht ihr Studium antreten oder Arbeitsplätze nicht antreten können, weil man halt keine wohnung bekommt die bezahlbar ist bzw. auch einfach kein Glück hat bei den günstigen Zimmern. Deshalb Hut ab, dass du das so durchziehst und dich nicht hast unterkriegen lassen.

    Wie schon bei meinen Lieblingsklicks geschrieben, ich wäre da richtig panisch geworden, auch wenn das natürlich wie du schon schreibst in der Situation fatal ist und einem auch nicht weiterbringst. Musste aber bei dem Satz mit deinem Freund schmunzeln, denn solche Freunde habe ich natürlich auch im Freundeskreis, die da total entspannt sind und wohl genauso argumentieren würden. Aber daran sieht man halt echt gut, dass jeder anders ist. Für mich wäre das „falscher Zug“ oder „fährt nichts mehr“ auch ein Albraum. Letzter hatte ich auch mal als ich zu meiner Ausbildung gependelt bin, da wurde dann einfach der letzte Zug als Anschluss gestrichen und niemand wusste es. Wir standen dann an einem Bahnhof spät am Abend und das auch noch außerhalb. Die meisten haben in der Nähe gewohnt und wurden dann recht flott abgeholt. Zu mir nach Hause braucht man aber mit dem Auto noch 45 Minuten, da stand ich dann also alleine und habe auf ein Familienmitglied gewartet das mich abholt und hatte ganz schön panik alleine als Frau. Habe dann mit jemanden komplett durchtelefoniert, damit ich da abgelenkt bin. War da aber auch dankbar, dass ich jemanden hatte, derm ich abholen konnte.

    Danke für dein liebes Kommentar Yvonne, es freut mich sehr das ich dir so kurz vor Weihnachten noch eine Freude machen konnte ;).
    Das geht mir aber ähnlich und ich pendle wesentlich kürzer als du zu meiner Uni, aber die 1 Stunde, manchmal auch 1 1/4 Stunden hin und dann das ganze noch mal zurück stressen auch schon.

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    1. Liebe Nicole,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!
      Ja, das ist auch wirklich echt schade. Wer kann sich schon ein WG Zimmer für 400-500 € leisten? Ich halt nicht. Ich habe meine gesamten Ersparnisse für dieses pendeln hergegeben und da sagt noch mal jemand „Bildung kostet nichts“ oder „jeder kann studieren“. Ich hoffe, zum Sommersemester finde ich was. 🙂 Möchte mein Studium nämlich nicht abbrechen müssen. Vielen Dank für das Kompliment!
      Das stimmt. Oh, freut mich, dass du schmunzeln konntest. Vielleicht hat jeder im Freundeskreis so einen tiefen entspannten Menschen.
      Oh nein! Die Situation mit dem pendeln zur Ausbildung tut mir leid, da wäre ich auch echt sauer und genervt gewesen und ich kann absolut verstehen, dass du Panik hattest! Als ich nachts um 2 Uhr am HBF stand, um auf meinen Opa zu warten, hielt ein Auto mit zwei jungen Männer an und ich war direkt richtig angespannt! Sie haben das Fenster heruntergekurbelt und mich angesprochen: „Alles okay?“ Da war ich erleichtert, hab einfach genickt und sie sind weggefahren. Puh.
      Das kann ich absolut nachvollziehen!
      Viele liebe Grüße,
      Yvonne 🙂

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