[Rezension] Drei Frauen am See von Dora Heldt

Wann habt ihr zuletzt bei meinem Buch geweint? Bei mir ist das sehr lange her, 12 Jahre um genau zu sein, beim letzten Harry Potter Band. Ich hatte dieses Jahr schon mal Tränen in den Augen, musste schlucken, aber geweint habe ich nur am Ende von Drei Frauen am See. Wie es dazu gekommen ist, erfahrt ihr im Folgenden. Das Buch ist 2018 beim dtv Verlag erschienen und darum geht es:

Sie sind enge Freundinnen von Kindesbeinen an: Marie, Alexandra, Friederike und Jule. Egal, wohin ihre Lebenswege sie verschlagen hatten: Jeden Freitag vor Pfingsten trafen sie sich auf Einladung von Marie im wunderschönen Haus am See, in dem sie schon als Kinder herrliche Sommer verbracht hatten. Marie, die sensible Fotografin, war die Seele der vier. Die Nachricht von Maries Tod mit Anfang fünfzig trifft sie alle wie ein Schock. Denn seit ihrem Streit zehn Jahre zuvor hatten sie kaum noch Kontakt miteinander. Aber selbst nach ihrem Tod hält Marie eine Überraschung für ihre Freundinnen bereit: eine Einladung zum Notar. Die Vorstellung, sich wiederzusehen, erfüllt jede von ihnen mit Unbehagen. Entziehen können sie sich jedoch nicht. Was ist es, wovor sie sich fürchten? Und was ist es, das sie dazu bringt, trotzdem anzureisen?

Ein kluges Buch über Lebenslügen, den Wert der Freundschaft und das Glück der Erinnerung. (Klappentext von dtv.de)

Charaktere

Das Buch wird aus der Sicht von den drei Frauen erzählt und ich muss zugeben, dass ich vor dem Lesen etwas skeptisch war. Bei mehreren Perspektiven habe ich nämlich öfters das Problem, dass ich mindestens eine Perspektive nicht so mag wie die anderen. So auf den ersten ca. 40 Seiten musste ich auch erst einmal mitdenken, weil der Leser eingeführt wird in drei Charaktere, die unterschiedlich leben und lieben. Ich hatte in meinem Kopf eine Art Strichliste „Alexander war die mit dem Verlag…“ Das fand ich aber nicht schlimm, weil sich dieses Gefühl sehr schnell gelegt hat und ich dann sofort wusste, wer jetzt wer ist.

Alle drei Charaktere sind starke Frauen. Ich hätte es besser gefunden, wenn nicht alle drei in Führungspositionen gearbeitet hätten, sondern eine „nur“ eine Angestellte gewesen wäre, aber so war es immerhin stimmig und in ihrem privaten Leben gab es wesentlich mehr Stress.

Alexandra ist Chefin eines Verlags, Jule hat eine Physiotherapie Praxis und Friederike leitet ein schickes Hotel. Alle drei Frauen waren in ihrer Persönlichkeit, Aussehen, Wohnort, Liebesleben und natürlich Beruf so unterschiedlich, dass es sowohl interessant war, wenn ein Kapitel nur individuell zu einem Charakter gehörte, als auch wenn die Charaktere aufeinander trafen.

Im Laufe des Buches habe ich mich in diese Frauen verliebt, weil sie so realistisch dargestellt waren. Dora Heldt hat einen detaillierten Schreibstil, ohne langatmig oder belanglos zu schreiben und das hat das Kopfkino umso mehr angeregt. Ich habe mich in diese Freundschaft verliebt, die mit einer wunderbaren Balance zwischen Liebe und Konflikten, Gegenwart und Vergangenheit, Vertrauen und Lügen erzählt wird.

Das Ende des Buches war mir etwas zu konstruiert, aber in dem Moment war ich emotional schon so in der Geschichte drin, dass es mir auch egal war. Ich habe geweint und war überrascht, so davon berührt zu sein. Neben den Hauptcharakteren mochte ich aber auch die Nebencharaktere: die Ehemänner, Freunde und Kinder, die Kollegen und Eltern.

„Es gibt wenige Dinge im Leben, die so deprimierend sind, wie bei leichtem Nieselregen durch den Ort zu fahren, in dem man aufgewachsen ist.“ (S. 305)

Plot

Das Buch war für mich an keiner Stelle langweilig, obwohl es nur um das Leben selbst geht. Dora Heldt hat den Alltag beschrieben und gleichzeitig das Besondere, das schöne und schlechte, im Alltag und im Leben selbst gefunden. Es geht um die Zeit und Geheimnisse, um Egoismus und Zusammenhalt, um ungesagte Worte und Worte, die man nicht mehr zurücknehmen kann. Ich fand es großartig, wie verschiedene Aspekte der Frauen als Jugendliche und Erwachsene, sowie ihre Freundschaft untereinander aufgegriffen wurde.

Jede der drei Charaktere hatte einen interessanten Subplot mit der Karriere und Beziehungen, obwohl Maries letzter Wunsch den roten Faden bildete und alles zusammengehalten hat. Marie war die vierte Freundin im Bunde, die zumeist in Tagebucheinträgen von früher erzählt. So erfährt man, wie die Freundinnen früher die Sommerabende am Haus am See verbracht haben. Damals, als noch alles in Ordnung war. Das fand ich einen tollen Gegensatz und es war interessant zu lernen, was im Laufe der vielen Jahre positives wie negatives passiert ist.

Schreibstil

Die Freundschaft der vier Frauen in der Vergangenheit spielt in den 1970/80/90er Jahren und was zur Stimmung des Buches beigetragen hat, waren die wundervollen Beschreibungen von Dora Heldt. Denn sie hat die damalige Zeit lebendiger gemacht, indem historische Ereignisse (wie der Tod von Lady Diana), Musik, die damals im Radio gespielt wurde oder politisches erwähnt wurden.

Ich konnte mit jedem Charakter auf ihre eigene Art und Weise mitfühlen, ich habe mich in die Orte und das Haus am See verliebt und konnte förmlich die Pizza mit Käse schmecken, die die Freundinnen am Steg essen. Es sind so Kleinigkeiten, die das Buch so realistisch machen. Wenn Alexandra zum Beispiel nach Hause kommt, schreibt Dora Heldt, wie sie die Schuhe auszieht und auf den Boden wirft. Es sind nur ein paar Wörter, aber solche kleinen Beschreibungen machen viel aus. Weil ich schon öfters ein Problem mit meiner Meinung nach zu langen Büchern habe (siehe Leigh Bardugo und Sarah J Maas) war ich hier auch skeptisch und dann umso glücklicher, dass die Länge ein Problem sein könnte. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Ich könnte eine ganze Reihe über diese Frauen, ihre Arbeit und Leben und die Tage am Haus am See lesen.

Fazit

Dieses Buch ist so großartig, weil es mich unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander so geliebt, dass ich mir wünschen würde, dass Dora Heldt eine Fortsetzung schreibt. Definitiv ein absolutes Jahreshighlight!

Lieblingszitat

„Heute musste sie eine ganze Reihe Verrückter niederlächeln.“ (S. 14)


4 Gedanken zu “[Rezension] Drei Frauen am See von Dora Heldt

    1. Ahh Nadine, das freut mich SO SEHR! Ja, bitte schenke es ihr und dann sag mir, dass sie es ganz toll fand 😀 Ne Spaß, aber ich hoffe wirklich, dass es ihr dann gefällt. Liebe Grüße, Yvonne 🙂

      Gefällt 1 Person

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