[Rezension] Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Ich sage gerne mal „Dieses Buch war magisch!‘, aber selten meine ich das wörtlich. Hier war es anders und ich mochte das. Obwohl es kein Highlight geworden ist, wird es mir in Erinnerung bleiben.

Das Buch ist 2018 mit 464 Seiten beim Knaur Verlag erschienen und darum geht es:

Alles beginnt mit einer Zeitungsannonce: »Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Willkommen in Papa Jacks Emporium.« Die Worte scheinen Cathy förmlich anzuziehen, als sie nach einer neuen Bleibe sucht. Denn im England des Jahres 1906 ist eine alleinstehende junge Frau wie sie nirgendwo willkommen, zumal nicht, wenn sie schwanger ist – und so macht Cathy sich auf nach Mayfair. In Papa Jacks Emporium, Londons magischem Spielzeug-Laden, gibt es nicht nur Zinnsoldaten, die strammstehen, wenn jemand vorübergeht, riesige Bäume aus Pappmaché und fröhlich umherflatternde Vögel aus Pfeifenreinigern. Hier finden all diejenigen Unterschlupf, die Hilfe bitter nötig haben. Doch bald wetteifern Papa Jacks Söhne, die rivalisierenden Brüder Kaspar und Emil, um Cathys Zuneigung. Und als der 1. Weltkrieg ausbricht und die Familie auseinander reißt, scheint das Emporium langsam aber sicher seinen Zauber zu verlieren … (Quelle: http://www.droemer-knaur.de)

Diese Rezension wird mal ein paar andere Einteilungen haben.

Setting: Das Emporium

Papa Jacks Emporium ist zum größten Teil der Handlungsort des Buches und er ist so bezaubernd, wie eine warme Decke, die einen in kalten Wintertagen umhüllt. Es ist wortwörtlich ein magischer Ort, weil es in den großen Hallen alles gibt. Die Magie der Kindheit, der Fantasie und des Spielens.

Es gibt Spielzeughäuser, die von außen kleiner wirken, aber größer sind. Es gibt Kisten, in die man eintauchen kann. Es gibt Hunde aus Patchwork. Es gibt Ballerina, die an den Wänden tanzen. Es gibt ganze Wälder aus Papier. Und natürlich die beliebten Spielzeugsoldaten, die mich an den Nussknacker erinnert haben.

Das Emporium ist zuhause für Groß & Klein, denn die Liebe zu Spielzeugen, zu Magie und Fantasie kennt kein Alter.

das hier war die wahre Magie des Emporiums – die ganz alltägliche Magie spielender Kinder. (S. 51)

Setting: Die Zeitgeschichte

Das Buch startet im Jahre 1906 und endet im Jahre 1953. Diese fast 50 Jahre waren in London sehr bedeutend, weil sie den ersten und zweiten Weltkrieg beinhalten. Allerdings stehen eher die Jahre 1906-1915 im Vordergrund, später werden die Zeitsprünge größer. Diese Kombination, der Kontrast zwischen dem Spielzeugladen und dem Krieg fand ich unglaublich faszinierend. Die beiden Themen werden wunderbar miteinander verbunden und Robert Dinsdale zieht auch inhaltliche Bezüge. So sind die Spielzeugsoldaten im Emporium sehr beliebt, aber es sind eben nur Spielzeuge. Sie kämpfen und sind auf ihre Art lebendig, aber sie bestehen aus Holz. Im Krieg sind es echte Menschen, die sterben, verwundet werden oder mit PTSD zurückkehren.

Manches war auch eigentlich so selbstverständlich, aber trotzdem gut, dass es noch einmal erwähnt wurde. Zum Beispiel der Fakt, dass die Kundschaft im Emporium zu Kriegszeiten fast nur aus Frauen und Mädchen bestand, weil die Männer im Krieg waren.

Moralische Aspekte werden auch angesprochen, denn jeder Mensch war früher ein Kind und auch die Männer, die im Krieg als Feinde angesehen werden oder schlecht handeln, haben früher einmal mit Spielzeugen gespielt.

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Die Charaktere

Cathy ist der Hauptcharakter und schon deshalb so interessant, weil sie 15 Jahre alt und schwanger ist. An Cathy hat mir besonders gefallen, wie zielstrebig sie war. Sie ist zwar schwanger, aber versucht das am Anfang noch geheim zu halten und arbeitet täglich im Emporium. Sie wird Teil dieser Welt. Allerdings hat mich das Liebes-Dreieck am Anfang etwas genervt, weil Cathy so unentschlossen ist. Also sie hilft nicht, weil sie mit Geheimnissen die Rivalität zwischen den Brüdern eher noch schürt. Da war ich aber froh, dass dieses Liebes-Dreieck nicht das komplette Buch eingenommen hat.

Emil und Kasper sind Brüder im Emporium. Emil steht etwas in seinem Schatten. Er arbeitet viel, die Spielzeugsoldaten sind seine Idee und er kann wunderbar mit Holz umgehen, aber trotzdem kommt er nicht ganz an Kasper ran. Kasper schein ihn immer zu übertrumpfen, besser zu sein und Emil wird angetrieben von seinem Ehrgeiz, was sich zu einer ernsthaften Rivalität zwischen den Brüdern entwickelt. Kasper wirkt überlegener, fantasievoller, kämpft weniger mit seinen Erfindungen als Emil, aber genau deswegen mochte ich Emil öfters mehr. Diese Sympathie hat sich zum Ende dann geändert.

Papa Jack gehört das Emporium und er war ein eher ruhiger Charakter. Papa Jack verbringt viel Zeit in seiner Werkstatt und erfindet unermüdlich neue Spielzeuge. Dabei ist er das Vorbild für seine Söhne, jeder will einmal so tolle Spielzeuge erfinden wie Papa Jack. Seine Entwicklung im Laufe des Buches fand ich interessant, aber ich hätte mir bei ihm mehr Dreidimensionalität gewünscht.

Wenn ein Spielzeugmacher nicht mehr sentimental sein darf, wer dann? (S. 101)

Was ich nicht mochte

  • Der Schreibstil ist schön und gut zu lesen, aber es das Buch ist kein Page-Turner. Es gibt viel Handlung, viele Ereignisse, aber die gesamte Atmosphäre war für mich eher ruhiger, mal mehr, mal weniger. Gerade zum Ende hin wurde es aber spannender
  • manchmal hätte ich mir von den Charakteren mehr Facetten gewünscht. Emil stand zum Beispiel im Schatten seines Bruders, hatte jedoch seine Spielzeugsoldaten. Aber trotz der vielen Jahre hatte ich nicht das Gefühl, am Ende des Buches die Charaktere zu 100% zu kennen. Mehr als hätte ich eine Oberfläche, ein, zwei Seiten gesehen, aber nicht alles, was den Charakter ausmacht
  • Das Lesen hat wegen der Struktur länger gedauert, weil es kein Kapitel gibt, sondern nur zeitliche Einordnungen und die alle auch relativ lang sind. Der Abschnitt „Mai bis September 1907“ geht z. B. von S. 145 bis S. 180. Mir sind kürzere Kapitel lieber.

Fazit

So ein Buch wie dieses habe ich noch nie gelesen, die Themen magischer Spielzeugladen in Verbindung mit dem echten Krieg und Charaktere, die dieser Magie Leben einhauchen. Obwohl es kein absolutes Highlight geworden ist, ist es dennoch ein bezauberndes Buch, dass zum Nachdenken über Kindheit und Erwachsenwerden, Nostalgie und Realität, Magie und Fantasie und eben auch das Leben selbst anregt. Ich habe mich in Papa Jacks Emporium verliebt und werde gerne an das Buch zurückdenken.

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Das englische Cover zum Original Titel „The Toymakers“ (Penguin.co.uk)

Lieblingszitat

Papa Jacks Stimme war so leise wie die fallenden Schneeflocken, die an den Fensterscheiben hinter den Papierbäumen haften blieben. (S. 75)


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