[Rezension] Das Gold der Krähen von Leigh Bardugo

Das interessante Charaktere keine Garantie für ein tolles Buch sind, beweist die Fortsetzung von „Das Lied der Krähen“ am besten und ich möchte erklären, warum mir das Buch weniger gefallen hat als Band 1. Wenn mir Band 1 einer Reihe nicht sehr gut gefallen hat, geht meine Hoffnung für Band 2 immer nur in eine Richtung: Bitte sei besser. Band 1 mochte ich ungefähr ab der Hälfte sehr, davor gar nicht. Aber die Charaktere waren toll und dann konnte es doch eigentlich nur besser werden. Ich habe mich wirklich auf Das Gold der Krähen gefreut und war gespannt, wie die Geschichte weiter gehen würde.

Wisst ihr, wie ich mich nach dem Lesen von Band zwei gefühlt habe? Müde. Müde und unzufrieden, weil die Charaktere sich kaum weiter entwickelt haben und weil der Plot so langsam voran trat, dass ich abends daran gedacht habe, das Buch zum einschlafen zu lesen. Zum Ende hin habe ich ein bisschen im Hörbuch gehört, weil ich es leid war. Ich war der Geschichte so müde und wie auch schon bei Das Lied der Krähen war mir das Buch zu lang. Viele Szenen wirkten belanglos und zogen das Buch unnötig in die Länge. Ich fragte mich bei manchen Subplots eher „Warum machen die das jetzt?“

So auch wieder mit den Flashbacks. Das war etwas besser als im ersten Band, aber immer noch so deplatziert. Die Charaktere sind mitten in einer Action Szene und dann kommt erst einmal eine Erinnerung. Warum so, warum jetzt? Das nahm das ganze Tempo wieder raus, die Autorin ging damit metaphorisch gesehen vom Gas. Solche Flashbacks mitten in eigentlich sehr spannenden oder Action geladenen Szenen haben dazu geführt, dass ich das Gefühl hatte, ewig an diesem Buch zu lesen. Tatsächlich waren es fünf Wochen.

Ich konnte das Buch immer wieder zur Seite legen und ein anderes Buch lesen, etwas anderes machen, weil ich nie wirklich das Gefühl hatte „ich muss jetzt unbedingt wissen, wie es weiter geht!“ Es fühlte sich egal an, ob ich weiter lese oder nicht. Und trotzdem bin ich dran gelesen! Warum? Weil ich Das Lied der Krähen erst ab der Hälfte gut fand und nur darauf gewartet hat, dass mir das gleiche bei Das Gold der Krähen passiert.

Die Charaktere haben das ganze Buch wieder rausgerissen, weil sie interessant waren, sowohl individuell als auch in ihrer Dynamic als Gruppe, als Freundinnen und Freunde, weniger auch als Pärchen. Besonders die Freundschaft zwischen Inej und Nina fand ich toll! Wenn Kaz mal wieder seine kühle Seite heraushängen lässt, ist Nina da, um Inej zu zeigen, dass sie gebraucht und geliebt wird, nimmt sie in den Arm und ist für sie da. Wie die beiden Mädchen sich umeinander kümmern, aber natürlich auch Spaß haben, war toll. Nina liebt Essen so viel wie ich und hat mich damit des Öfteren zum Schmunzeln gebracht. Auch war es eine gute Möglichkeit, um zu zeigen, wann es Nina nicht gut geht. Wylan und Jesper haben ebenfalls mehr Fokus bekommen, was sehr schön war. Die beiden haben eine tolle Dynamik, die von viel Humor geprägt ist und trotzdem lernte ich ihre Hintergrundgeschichten kennen, wie z. B. Jespers Vater. Das war interessant!

Herausnehmen möchte ich aber Kaz und Matthias. Letzteres war für mich bis zum letzten Drittel des Buches eher ein Mitläufer, der Nina anschmachtet, aber auch nicht richtig in die Gänge kommt, wenn es um eine Beziehung geht. Es passiert eben nicht viel, die Entwicklung ist entweder gar nicht da oder so langsam, dass ich 100 Seiten überspringe könnte und sich kaum etwas verändert hat. Den zweiten Charakter, den ich am wenigstens interessant fand, war Kaz. Denn er wurde für mich dadurch langweilig, dass er so perfekt war. Damit meine ich nicht körperlich oder emotional, sondern intellektuell. Und zwar jedes Mal! Wirklich alles ist in Wirklichkeit immer ein Plan von Kaz gewesen, ein Trick, ein Spiel. Man denkt, die Charaktere machen etwas falsch, sie verlieren, etwas unvorhersehbares passiert…Aber nein, das hat der großartige Kaz natürlich alles so geplant! Das hat mich schnell angefangen zu nerven und es hat mir zusätzlich Spannung und mögliche Überraschungsmomente genommen. Nach dem Motto „Ach, das war doch bestimmt auch von Kaz geplant.“ Außerdem hat es in meinen Augen die Antagonisten des Buches geschwächt. Wie soll von ihnen eine Gefahr ausgehen, wie soll ich sie ernst nehmen und mit der Gruppe mitfiebern, wenn Kaz den Antagonisten doch so überlegen ist? Gerade das Ende des Buches hat mich zum Kopfschütteln gebracht, weil Kaz so überlegen ist, dass es beim Lesen fast schon weh tat. Ohne richtige Gefahr, ohne teilweise überlegene oder interessante Antagonisten und ohne echte Hürden und Rückschläge entsteht für mich keine Spannung. Interessante Charaktere reichen nicht für ein tolles Buch, wenn es keine Entwicklung gibt, kaum Plot, keine echte Gefahr.

Neben (manchen) Charakteren hat Leigh Bardugos Schreibstil das Buch für mich etwas gerettet. Sie schreibt viele tolle One-Liners, viele Sätze, die ich zitieren würde. Allerdings fand ich das erste Kapitel ziemlich überflüssig und den Anfang generell eher zäh. Das hat sich bis zum Ende des Buches kaum geändert. Durch den Plot, nervige Charaktere wie Kaz oder eher passive Charaktere wie Matthias und deplatzierte Flashbacks kommt der Schreibstil nicht zum Tragen.

Die Rezension war jetzt mehr eine Begründung, was ich an dem Buch nicht mochte, aber in meiner üblichen Einteilung hätte ich mich zu den Charakteren nur über Kaz aufgeregt und beim Plot wusste ich ehrlich nicht, was ich da schreiben sollte. Was passiert in dem Buch? Flapsig gesagt: „Die machen halt Sachen…Es passiert was…?“ So richtig konkret fand ich vieles nicht, mir fehlte das große Ganze, der rote Faden, den es selbst im zähen Anfang von Das Lied der Krähen noch mehr gegeben hatte.

Lieblingszitat:

„Die wirklich bösen Monster sehen nicht aus wie Monster.“ (S. 41)

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4 Gedanken zu “[Rezension] Das Gold der Krähen von Leigh Bardugo

  1. Liebe Yvonne, danke für diese tolle Buchbesprechung. Damit hast du mich in meiner Meinung nur bestärkt, die Reihe nicht fortzusetzen. Ich habe mich durch »Six of Crows« gequält und nach zwei Dritteln abgebrochen, weil ich die Story einfach nur langweilig fand… Mit den Charakteren wurde ich auch nicht warm. Das waren mir für ein Buch einfach viel zu viele als dass ich eine ordentliche Beziehung zu ihnen aufbauen kann.
    Nach deinen Worten zu Band zwei ist für mich also alles geklärt und ich bereu es nicht, das Buch abgebrochen zu haben =)
    Alles Liebe,
    Janika

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Janika,
      vielen Dank für das Kompliment! Es wäre wirklich besser gewesen, crooked Kingdom nicht zu lesen, aber diese Hoffnung „Bei Band 1 hat es doch auch irgendwann geklappt“ wollte einfach nicht weggehen. Urgh, sehr nervig. Andererseits hätte ich auch nicht genau sagen können, was mich so gestört hat, wenn ich es nach 20 Seiten abgebrochen hätte. „Gequält“ trifft bei Six of Crows so gut zu! So ging es mir im ersten Drittel auch. Es war so unglaublich mühsam zu lesen, weil langweilig.
      Das ist wirklich super so! Nichts ist schlimmer als die Frage „Was wäre wenn?“ bei Buchreihen. Ich mag die Bestätigung auch, wenn ich Band 1 doof fand und dann sehe, dass es die richtige Entscheidung war, nicht Band 2 zu lesen. 🙂
      Ganz liebe Grüße,
      Yvonne

      Gefällt 1 Person

  2. Huhu 🙂
    Ich finde die Rezension klasse, auch wenn es Begründungen sind. Obwohl ich das Buch, wie viele andere auch, total liebe, finde ich deine Sicht der Dinge sehr interessant. Und da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich doch die Geschmäcker sind 🙂 Wie dem auch sei, ich stimme zwar nicht mit dir überein, kann deine Punkte aber nachvollziehen und finde es irgendwie auch toll, mal eine Rezension zu lesen, die nicht absolut positiv ausfällt 🙂

    Liebe Grüße
    Kat

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Kat!
      Ach, ist das schön. Ich finde es so super von dir, dass du das Buch selbst liebst und dir trotzdem meine Rezension durchgelesen und kommentiert hast. Ich habe das Buch ja wirklich nicht mit Samthandschuhen angefasst 😀 Oh ja, das ist immer wieder interessant. Sehr viele Leute lieben Kaz ja auch unheimlich. Ich konnte das in Band 1 noch eher nachvollziehen, aber für mich blieb er mehr ein Bild, dass die Autorin vermitteln wollte, als ein tatsächlicher Charakter, den ich ins Herz schließen könnte. Vielen Dank, das freut mich sehr!
      Liebe Grüße,
      Yvonne 🙂

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