[Rezension] Thalamus von Ursula Poznanski

Dies ist mein drittes Jugendbuch von der Autorin nach Elanus und Layers und obwohl ich gehofft hatte, dass dieses nicht zur Kategorie „Enttäuschung“ zählen würde, ist es leider doch so gekommen.Das Buch ist 2018 mit 446 Seiten im Loewe Verlag erschienen und darum geht es:

Ein schwerer Motorradunfall katapultiert den siebzehnjährigen Timo aus seinem normalen Leben und fesselt ihn für Monate ans Krankenbett. Auf dem Markwaldhof, einem Rehabilitationszentrum, soll er sich von seinen Knochenbrüchen und dem Schädelhirntrauma erholen. Aber schnell stellt Timo fest, dass sich merkwürdige Dinge im Haus abspielen: Der Junge, mit dem er sich das Zimmer teilt, gilt als Wachkomapatient und hoffnungsloser Fall, doch nachts läuft er herum, spricht – und droht Timo damit, ihn zu töten, falls er anderen davon erzählt.

Eine Sorge, die unbegründet ist, denn Timos Sprachzentrum ist schwer beeinträchtigt, seine Feinmotorik erlaubt ihm noch nicht niederzuschreiben, was er erlebt. Und allmählich entdeckt er an sich selbst Fähigkeiten, die neu sind. Er kann Dinge, die er nicht können dürfte. Weiß von Sachen, die er nicht wissen sollte … (Klappentext von loewe-verlag.de)

Das Konzept, das Setting, der Charakter…das klingt doch alles klasse, oder? Dachte ich auch. Leider haperte es gewaltig an der Umsetzung und ich konnte das Buch nicht genießen.

Die Charaktere

Es gibt recht viele jugendliche Charaktere neben dem Hauptcharakter Timo, aber in Erinnerungen geblieben sind mir davon nur zwei. Timo ist ein toller Hauptcharakter, aber keiner, der mich nach dem Lesen noch wirklich in Erinnerungen bleiben wird. Nach dem Motorradunfall kann er nicht mehr sprechen und sich kaum bewegen. Das ist eigentlich eine sehr spannende Grundlage und mir hat Timo an sich gut gefallen. Weil er ein aktiver Charakter ist, der aktiv handelt, allgemein viel denkt. Er verkriecht sich nicht, sondern lässt sich nicht unterkriegen und arbeitet daran, besser zu werden. Allerdings wurde Timo meiner Meinung nach auf seine körperlichen Einschränkungen reduziert. Was für ein Leben hatte er vor dem Unfall? Wie ist das Verhältnis zu seinen Geschwistern? Seit wann fährt er schon Motorrad? Hat er andere Hobbys? All solche Details oder andere Themen, die nichts mit seiner Gesundheit, sondern mit ihm zu tun haben, werden kaum bis gar nicht angesprochen. Das fand ich schade und hat den Charakter für mich eher eindimensional gemacht.

Mona ist Schwimmerin, die im Rollstuhl sitzt und Carl wird zu Timos engstem Freund. Gerade am Anfang, als die drei sich kennenlernen und in ihren Rollstühlen die Klinik erkunden, hatte ich ein Club der roten Bänder Déjà-vu. Die Serie kann ich aber nur empfehlen.

Die Antagonisten im Buch bleiben bis zum Ende eher blass und eindimensional und auch das Ende mit der Erklärung ihres Verhaltens hat mich nicht wirklich zufrieden stellen können.

Der Plot

Ich hatte mit dem Plot wohl meine größten Probleme. Denn entweder stand er auf der Stelle oder er drehte sich im Kreis. Beides spricht gegen ein Lesevergnügen.

Beide Aspekte hängen miteinander zusammen, denn wenn sich der Plot im Kreis dreht, kann die Hauptgeschichte auch nicht voran kommen. Ein bisschen so, wie wenn man etwas sucht und sich in den Straßen verläuft. Timo macht ja Sachen, er handelt aktiv und reagiert nicht nur, aber nach zweihundert Seiten hatte ich das Gefühl, ich könnte fünfzig Seiten überspringen, ohne dass ich etwas wichtiges verpassen würde. Timo kann sprechen und will sofort anderen etwas sagen. Dann kann er aber wieder nicht sprechen (der berühmten Vorzeige-Effekt). Aber anstatt das er irgendwann begreift, dass es immer wieder das gleiche Muster ist, geht das Spiel die ganze Zeit von vorne los. Diese Wiederholungen, weil der Protagonist offensichtlich auf dem Schlauch steht oder es für den Plot noch länger so weiter gehen muss, hat mich schon bei ihrem Buch Layers wahnsinnig gemacht. Ich hätte es besser gefunden, wenn Timo schneller dazu gelernt hatte. Stattdessen kamen immer wieder Szenen, bei denen ich mir dachte „Das hatten wir doch schonmal“. Das Thema Hirnforschung ist zwar sehr interessant, aber das Ende wurde mir dann doch etwas zu abgedreht und dramatisch.

Mein zweites Problem mit der Geschichte ist wie unrealistisch mir manches vorkam. Timo ist in der Klinik und kann nicht sprechen. Es gibt aber genug Möglichkeiten der stillen Kommunikation. Erst recht, wenn die Klinik auf solche Krankheiten spezialisiert sein soll. Schreiben geht durch die motorischen Probleme nicht, aber gerade heutzutage gibt es doch IPads, auf denen die Tastatur ganz groß eingestellt werden kann, es gibt Handys für Senioren mit extra großen Tasten, es gibt Sprach-Computer…Natürlich kenne ich mich mit der Materie nicht genauer aus, aber solche Aspekte kommen mir eben in den Sinn. Für den Plot durfte es die nicht geben, sonst hätte Timo sich ja verständigen können.

Mein letztes Problem mit dem Plot ist die Vorhersehbarkeit. Es gibt durchaus Bücher, bei denen es überhaupt nicht schlimm ist, wenn man am Anfang schon weiß, wie es am Ende ausgehen wird. (wie bei vielen Liebesgeschichten) Hier war das aber anders, weil es ein Thriller sein soll. Ich ahnte seit S. 50, was hinter allem steckte, wenn ich auch nicht ganz richtig war bei den technischen und neurologischen Details. Aber es war einfach so vorhersehbar und offensichtlich, dass es irgendwann eher nervig wurde.

Der Schreibstil

Ursula Poznanski hat einen guten Schreibstil, auch wenn ich mir keine Lieblingssätze markiert habe. Sie schreibt eher kurze Sätze, viele Gedanken und Gefühle. Dadurch hatte ich teilweise das Gefühl, eher in der Ich-Perspektive zu lesen anstatt in der personalen. Ich konnte Timos Gedanken gut nachempfinden und durch die kurzen Sätze las sich die Geschichte auch gut weg.

Fazit

Das Konzept, Setting und die Charaktere versprachen einen tollen und originellen Jugendbuch-Thriller, der dann leider hinter meinen Erwartungen zurückblieb. Weder der Plot, noch die Charaktere konnten mich so richtig begeistern. Aber es ist gut, wie Ursula Poznanski das Thema körperlicher Behinderungen aufgegriffen hat.


11 Gedanken zu “[Rezension] Thalamus von Ursula Poznanski

  1. Oh, wie schade, dass dir das Buch nicht gefallen hat. Ich habe das Buch ja noch vor mir und bin gespannt, wie meine Meinung dazu ausfallen wird.
    Ich weiss nicht, ob ich dir die Bücher von Alice Gabathuler schon empfohlen habe, aber diese Jugendthriller haben es meiner Meinung in sich & beinhalten jeweils eine verstecke Message.

    Herzlich,
    Josia

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Josia,
      ich bin auch gespannt, aber ich hoffe natürlich, dass dir das Buch mehr gefallen wird wie mir 🙂
      Oh nein, das hat du noch nicht gemacht. Dann merke ich mir das gleich mal. Vielen Dank!
      Liebe Grüße,
      Yvonne 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Yvonne,
    ich stimme Josia absolut zu: Schade, dass es dir nicht gefallen hat.
    Ich finde deine Rezension aber sehr gelungen und finde es klasse, dass es eine Meinung gibt, die sich von den übrigen Meinungen abhebt. Bisher habe ich nämlich nur Lobeshymnen über den Roman gelesen. Wenn von allen Seiten nur gehyped wird, kann ich das immer nicht ganz glauben 😀
    Alles Liebe,
    Janika

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Janika,
      ja, ich fand es auch so schade. Weil eben die Voraussetzungen gegeben waren! Tolles Konzept, Setting, Klappentext, Charaktere und Cover. Aber das bringt alles nichts, wenn die Geschichte auf dem Papier nicht überzeugt.
      Vielen lieben Dank! 🙂 Ich bin dann auch immer extra skeptisch 😀
      Alles Liebe,
      Yvonne

      Gefällt 1 Person

  3. Das ist jetzt schon die zweite negative Rezension die ich gelesen habe, sehr schade. Nachdem ‚Aquila‘ mir wieder so viel besser gefallen hatte als ‚Layers‘ hatte ich gehofft, dass ‚Thalamus‘ eher ersterem ähnelt als letzterem. Aber na ja, an die Trilogie kam bisher ohnehin keiner ihrer Einzelbände heran, leider.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Stephie,
      ach man. Aquila hatte ich aus der Bibliothek ausgeliehen und dann doch nicht gelesen, weil ich es bis zur Frist immer wieder vor mich her geschoben habe. Aber irgendwann gebe ich ihren anderen Büchern eine Chance, nur eben nicht gekauft.
      Die muss ich auch noch lesen, aber danke für den Tipp! 🙂

      Gefällt mir

  4. Hey 🙂
    Wie schade, dass dir das Buch nicht gefallen hat. Ich habe das Buch vor kurzem mit einer Freundin in der Buchhandlung entdeckt und wir fanden es beide interessant.
    Ich glaube aber nun, dass ich es mir nicht kaufen werde, sondern vielleicht in der Bücherhalle mal ausleihen werde. Oder von meiner Freundin ausleihen, sollte sie es sich kaufen. Nach deiner Rezension glaube ich aber, dass es mir so wie dir gehen wird.
    Von Ursula Poznanski habe ich bisher nur ‚Erebos‘ und ‚Saeculum‘ gelesen, von welchem mich ersteres begeistern konnte vor ein paar Jahren und letzteres hat mich mächtig enttäuscht.

    Liebe Grüße
    Isabell

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Isabell,
      ja, es war wirklich schade. Das ist eine gute Idee. 🙂 Hätte ich auch besser machen sollen. Das ist ja interessant! Wir beide waren von Ursula Poznanskis vorherig gelesenen Büchern nicht zu 100% begeistert. Erebos steht auf meiner Leseliste und Saeculum habe ich sogar noch hier liegen, von einem Freund ausgeliehen. Aber ich habe mich noch nicht ran getraut, weil meine „Erfolgsquote“ bei ihr ja eher kritisch ist. Meine Lieblingsautorin wird sie also nicht, aber ich habe ja noch ein paar Bücher zum Ausprobieren. 🙂

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  5. Wie schade, dass das Buch dich nicht überzeugen konnte. Es klingt wirklich spannend, aber ich verstehe deine Kritik gut. Ich mag es auch nicht, wenn Charaktere nur auf bestimmte Merkmale oder Umstände reduziert werden, als hätten sie kein übriges Leben. Und wenn sich die Geschichte im Kreis dreht, hat man auch schnell keine Lust mehr.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich hatte mich echt drauf gefreut und fand, das Konzept klang klasse! Danke, dass du meine Kritik verstehst 🙂 Das macht es dann auch langweilig und vorhersehbar.

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