[Rezension] Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren von Ali Benjamin

Ich habe bei einem tollen Gewinnspiel vom Hanser Verlag mitgemacht und doch tatsächlich gewonnen! Wahnsinn. Das Buch hat mich interessiert, aber ich hatte keine hohen Erwartungen. Ich dachte, das wird ein Buch, dass ich lese und dann ist gut. Etwas nettes für zwischendurch. Falsch gedacht!

Das Buch ist 2018 beim Hanser Verlag erschienen und darum geht es:

Dieses preisgekrönte Debüt erforscht, was es heißt, am Leben zu sein. Dass Dinge einfach passieren, kann Suzy nicht akzeptieren. Sie macht sich über vieles Gedanken: den Schlafrhythmus von Schnecken, die jährliche Zahl der Quallenstiche oder wie alt man ist, wenn das Herz 412 Millionen Mal geschlagen hat – gerade mal 12 Jahre. In dem Alter ist Suzys Freundin Franny im Sommer ertrunken, obwohl sie eine gute Schwimmerin war. Suzy muss herausfinden, wie das geschehen konnte. Es ist ein weiter, erkenntnisreicher Weg in einer Welt voller Wunder, bis sie begreift, dass der einzige Trost manchmal ist, Dinge anzunehmen, die man nicht ändern kann. Eine ergreifende Geschichte der Selbstfindung und ein großer Blick auf unsere Existenz. (Klappentext von Hanser-literaturverlage.de)

Charaktere

Die Protagonistin des Buches ist die 12-jährige Suzy. Zugegeben, ich habe nicht viel von dem Buch erwartet, eben weil die Protagonistin so jung ist. Ich war skeptisch, ob ich mich mit ihr identifizieren kann oder nicht schon längst zu alt dafür bin. Aber dieses Jugendbuch kennt keine Altersgrenze, denn Suzy ist für ihr Alter sehr wissbegierig, denkt viel nach und sieht genau hin. Sie spricht nicht und genau deswegen sieht sie mehr: Die Leute, die Welt, die Möglichkeiten.

Interessant wäre hier das falsche Wort. Ich fand Suzy und ihr Interesse an Quallen faszinierend. Wie viele Geschichten habe ich schon mit und über Quallen gelesen? Mein Vorwissen war relativ beschränkt, aber die Autorin hat es geschafft, das Wissen über die Meere, gesellschaftskritische Aspekte und die Gefühle der Charaktere miteinander zu verbinden.

Das Buch zeigt einen ehrlichen und authentischen Verlauf einer Freundschaft, Suzy verhält sich manchmal wirklich wie eine 12-jährige und macht unglaublich dumme Sachen. Aber alles aus Neugierde, aus Naivität oder auch Mut. Ich hätte auch gerne mehr von ihr gelesen und die Nebencharaktere weiter kennengelernt. Besondern gefallen hat mir außerdem, wie selbstverständlich die Autorin einen LGBT Charakter eingeführt hat. So sollte es sein.

Plot

Das Buch hat keinen sehr komplexen Plot, aber diese Reduzierung auf die wesentlichen Dinge, der rote Faden, das ist nur stimmig zum Gesamtkonzept. Zum einen gibt es die Geschichte in der Gegenwart und zum anderen gibt es Rückblenden zu einer Zeit, in der Suzys beste Freundin noch nicht gestorben war. Somit konnte ich Suzys Trauer viel besser verstehen.

Gleichzeitig finde ich den Aufbau des Buches klasse. Nicht nur in gestalterischer Hinsicht mit Quallen bei den Kapitel Überschriften und Notizzettel Seiten, sondern auch im Konzept. Der Plot ist nach einem bestimmten Schema aufgebaut, das sich in der Geschichte widerspiegelt. Die Autorin hat hier auf zwei Ebenen gearbeitet, inhaltlich und formal und das hat großartig funktioniert. Im Roman geht es um eine Forschungsarbeit, die die Schüler schreiben müssen. Suzy widmet sich den Quallen. Und die Geschichte an sich orientiert sich an den Aspekten einer Forschungsarbeit, wie „Hypothese“. Die Kapitel im Roman passen dann zum jeweiligen Aspekt.

Suzy handelt manchmal unüberlegt und ich dachte „Das macht sie jetzt nicht wirklich…“ Aber doch, das macht sie. Gerade da war es aber interessant, die Folgen ihrer Worte und Taten zu erkunden. Die Geschichte in der Gegenwart rekonstruiert Stück für Stück die Momente bis zu Frannys Tod, während die Gegenwart Stück für Stück zum Höhepunkt führt und sich zuspitzt. Diese gegenteilige Puzzle Spiel hat für mich super funktioniert.

Schreibstil

Das Buch ist Ali Benjamins Debütroman, aber ich freue mich jetzt schon auf weitere Romane der Autorin! Ich habe viele Stellen markiert, die ich schön fand oder mich zum Nachdenken angeregt haben. Man merkt dem Buch an, dass die Autorin über Quallen recherchiert hat und gleichzeitig verbindet sie die Fakten mit den Gefühlen der Menschen und des Lebens. Einige Szenen sind sehr detailliert und feinfühlig beschrieben, denn Ali Benjamin geht auf das Innenleben ihrer Charaktere ein. Nicht nur, was gesagt wird. Sondern auch, was derjenige eigentlich sagen wollte oder was hinter den Worten steckt. Kommunikation spielt eine große Rolle,  aber auch Veränderungen, Erwachsen werden, Familie, Freundschaft und Loslassen.

Fazit

Dieses Buch ist der beste Beweis dafür, wie ein Autor mit wenigen Worten viel sagen kann. Ich habe es in eins durch gelesen, es ist sehr schön gestaltet und gleichzeitig regt es wunderbar zum Nachdenken an. Obwohl die Protagonistin erst 12 Jahre alt ist, habe ich mit ihr mitgefiebert und gestaunt, was in diesem kleinen Mädchen steckt. Eine absolute Empfehlung.

Lieblingszitat

„Ein Mensch kann unsichtbar werden, indem er einfach schweigt.“ (S. 13)

 


7 Gedanken zu “[Rezension] Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren von Ali Benjamin

  1. Liebe Yvonne,
    das Buch klingt richtig schön, so wie du es beschreibst 🙂 Wenn es gut gemacht ist, lese ich gerne aus der Perspektive eines Kindes, das ganz neue Sichtweisen eröffnet. Das ist eine spannende Rezension zu einer interessanten Geschichte!
    Liebe Grüße
    Lisa

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lisa,
      Vielen lieben Dank! 🙂
      Das stimmt. Ich habe vorher nie so großartig über den Titel des Buches oder Quallen nachgedacht, aber es passt wunderbar und ohne das junge Alter der Protagonistin wäre es weniger faszinierend gewesen. Dankeschön!
      Liebe Grüße,
      Yvonne

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    1. Hey Ramona,
      ich habe von Hanser noch nicht so viele Jugendbücher gelesen, aber Fangirl fand ich zum Beispiel auch schön 🙂 Die beiden schaue ich mir mal genauer an, danke für die Tipps!
      Liebe Grüße,
      Yvonne 🙂

      Gefällt mir

  2. Hallo Yvonne,
    endlich komme ich dazu deine Rezension zu lesen. Ich stimme dir vollkommen zu – ich fand das auch ebenfalls sehr schön und irgendwie auch bewegend, wie Suzy versucht dieses Mysterium zu klären. Vor allem Suzy mit ihrer Art, dass ich manchmal das Gefühl hatte, sie ist gar nicht 12. Irgendwie total faszinierend dieses Mädchen.

    Der Aufbau deiner Rezension gefällt mir übrigens sehr gut, bei mir ist immer alles nur Text. Glaub, ich muss da mal alles überarbeiten …

    Alles Liebe, Ela

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Ela,
      Ja, es war wirklich bewegend, weil sie unbedingt eine Erklärung möchte. Dabei liefert der Tod eben keine Erklärung, es gibt oft keine Antwort auf die Frage „Warum?“.
      Vielen Dank für das Kompliment! Ich mag es auch so, dass hilft mir, die Gedanken zu strukturieren und fokussierter über die einzelnen Aspekte nachzudenken.
      Ganz liebe Grüße,
      Yvonne 🙂

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