[Schreiben] Neu schreiben vs. Überarbeiten: Eine Perspektiv-Frage

2013/2014 waren sehr wichtige, interessante und nervenaufreibende Jahre für mich. Es brauchte nur einen kleinen Gedanken, der das Fass ins Rollen brachte und schon war alles anders. Ich hatte gerade Band 1 und 2 meiner ersten Fantasy Trilogie fertig geschrieben, machte mich motiviert an die Planung für Band 3. Nur etwas stimmte nicht.

Ein Bauchgefühl, nichts weiter? Eine Grübel Phase? Selbstzweifel? Nein. Ich merkte bei meinen Überlegungen zum dritten Band der Reihe, dass es so nicht funktionierte. Der Plot funktionierte nicht, ich hatte kaum Lust auf die Geschichte und egal, was ich auch überlegte, nichts wollte richtig passen. Irgendwie musste ich der Sache auf den Grund gehen und wie? Mehr Denken, Austausch mit anderen Autoren und ganz viel aufschreiben: Gedanken, Pro und Contra Listen, mögliche Probleme und Lösungsansätze. Ich kam mit den gängigen Fragen „Warum?“, „Was?“ und „Wie?“ nach einigen Wochen dem Ziel näher, weil ich feststellte, dass die Ich-Perspektive mich bremst.

Eckdaten zu meiner Urban Fantasy Trilogie

Band 1

  • Geschrieben 2012
  • Wörter 93 k
  • Perspektive: Ich-Erzähler

Band 2

  • Geschrieben 2013
  • Wörter: 52 k
  • Perspektive: Ich- Erzähler

Ich liebte meine Protagonistin, aber ich konnte die Geschichte nur mit ihren Augen erzählen. Ich konnte nur beschreiben, was sie denkt und fühlt, was sie sieht. Wo waren die Machenschaften der Antagonistin? Wo waren die Gefühle ihrer besten Freunde? Mein Hauptcharakter, Lea, konnte bei anderen Charakteren nur erahnen, raten oder im Gespräch erfahren, wie der andere sich fühlte, was er erlebt hatte. Und wenn Charakter B nicht da war, wo Lea war, konnte ich die Taten von Charakter B nur indirekt in die Geschichte einfließen lassen.

Aber ich hatte viele Charaktere, die reale und fantastische Welt und wollte bei mehreren Charakteren aktiv dabei sein. Was wäre da die Lösung? Mehrere Perspektiven. Keinen Ich-Erzähler. Puh. Die Erkenntnis traf mich ziemlich, weil ich natürlich sofort an die Konsequenzen dachte. Die ganze Arbeit der letzten drei Jahre müsste ich durcharbeiten und die Perspektive ändern, jedes „Ich“ durch das Wort „Sie“ oder ein anderes Wort ersetzen und die Kapitel der anderen Charaktere neu dazu schreiben, Sachen umändern, anpassen….in meinem Kopf stapelte sich ein Turm an Aufgaben an, der nur zusammenbrechen konnte.

Neu schreiben vs. Überarbeiten

Nach ein paar Nächten, in denen ich mich hin und her wälzte und über meine Romane grübelte und was ich alles ändern müsste, dachte ich daran, dass das ganze zu einem Flickenteppich werden könnte. Hier etwas ändern, da noch und hier etwas raus nehmen, da dazu schreiben. Und was müsste ich durch den Perspektivwechsel noch am Plot ändern?

Ich wollte keinen Flickenteppich. So viel zu überarbeiten kann funktionieren! Absolut. Aber ich merkte immer mehr, dass es für mich nicht richtig war und ich spielte im Frühling zum ersten Mal mit dem Gedanken, alles komplett neu aufzuarbeiten, bei 0 anzufangen und auch die beiden Romane neu zu schreiben. Mein erster Gedanke war natürlich „Nein! Das kann ich doch nicht machen!“ Aber warum? Weil es so viel Arbeit wäre? Ja. Ich dachte an meinen allerersten Roman, an die Jahre, die ich in die Manuskripte und Planung gesteckt hatte…Das alles aufgeben und neu anfangen? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Aber die Wochen verging, das Problem ließ mich nicht los und Band 3 sollte doch geschrieben werden.

Oder auch nicht. Ich traf die für mich wirklich schwierige Entscheidung traf, noch mal von vorne anzufangen. Ich packte die Dokumente der Romane in einen Ordner mit dem Titel „Alt“ und verbrachte  jeden Tag mit meinem Projekt. Ich fing bei jedem einzelnen Charakter (auch Lea) von vorne an, bei der Vergangenheit, Zielen usw. Ich fing beim Weltenbau von vorne an. Ich fing bei der Karte von vorne an. Ich fing beim Aufbau und Plot von vorne an. Alles auf Anfang.

Ein Zeitplan wird durcheinander gebracht

Eigentlich hätte ich 2014 Band 3 geplant und geschrieben und wäre mit der Trilogie fertig gewesen. Wahnsinn. Vor vier Jahren! Aber diese Entscheidung, neu anzufangen, veränderte natürlich auch zeitlich alles. Im Juni 2013, einen Monat, nachdem ich Band 2 fertig geschrieben hatte und gerade mein Kleid für die Abitur Abschlussfeier suchte, begann ich zu grübeln. Nach dem Abitur bestand ich meinen Führerschein und zog nach Bayern, um zu studieren. Erst nach meinem ersten Semester an der Uni traf ich die Entscheidung.

Das heißt in kurz: Juni 2013 bis Juli 2014 verbrachte ich nur mit Denken. Das Problem finden, warum ich keinen Spaß an der Planung für Band 3 hatte. Das Problem identifizieren. Lösungen suchen. Weiter denken. Die Lösung mit der Perspektive finden. Und abwägen zwischen neu schreiben und überarbeiten. Bis zur endgültigen Entscheidung, wirklich neu anzufangen, dauerte es genau 1 Jahr. Damals machte mich das wahnsinnig, weil ich die Lösung und Entscheidung am liebsten jetzt sofort gehabt hätte. Stattdessen war es ein hin und her, ein ruhen lassen, Kopf frei kriegen, im November/Dezember 2013 ein anderes Buch schreiben und wieder dran setzen.

Als die Entscheidung gefallen war, fühlte ich mich befreit, weil ich nicht mehr grübelte, sondern wusste, was zu tun war. Ich machte mir einen Zeitplan, endlose To Do Listen und arbeitet im Sommer 2014 jeden Tag an der Neuplanung der Trilogie.

Wisst ihr, was das witzige ist? Ich schrieb Band 1 schneller als beim ersten Mal. Nicht, weil ich wusste, was passieren würde und es nur neu aufschreiben musste, ich hatte durch den Perspektiv-Wechsel ja auch alles neu geplant, Handlungen hinzugefügt, geändert und gestrichen. Sondern weil ich mehr Leidenschaft für das Projekt hatte. Ich dachte, das geht nicht, aber es war wirklich so. Ich war Feuer und Flamme!

Trotz monatelangem krank sein und Studienfachwechsel schrieb ich von Juli 2014 bis Oktober 2014 Band 1 der Trilogie neu. Ich beendete den neuen Roman mit 68k. Wenn ihr nochmal hoch scrollt zu der Auflistung oben: Das sind ca. 25k weniger als noch beim ersten Mal. Puh. 25.000 Wörter! Aber es war besser so. Der neue Roman war besser. Das wusste ich einfach. Weil er straffer war, präziser, interessanter. Anstatt einem Ich-Charakter hatte ich jetzt 5 POVs (Point of View, also Perspektiven) und es ging mir super damit!

2015 plante ich Band 2 neu, schrieb im November 2015 die ersten 50k im November und nach einer Pause bis Mai 2016 das Buch mit 82k zu Ende. Wieder könnt ihr zu der Auflistung hochscrollen, denn damals hatte Band 2 noch 52k. 30k mehr! Wenn das nicht mal eine Veränderung ist. Für Band 2 hatte ich durch den Perspektiv-Wechsel einfach viel mehr Handlungsspielraum und es war großartig!

Band 3 plante und schrieb ich dann von Mai/Juni 2016 mit krankheitsbedingten Pausen bis Mai 2017 und beendete ihn mit 103k. Ich hatte zuvor noch nie einen Roman mit über 100k geschrieben und war überglücklich!

Die Sache mit der Perspektive

Warum war der Perspektiv-Wechsel für mich so wichtig und wie hat er die Geschichte verändert? Meine Entscheidung basiert auf drei Aspekten, wobei der letzte rückblickend erst heute deutlich werden sollte.

  1. Ich hatte das Gefühl, so gut ich auch Lea kannte, die anderen Charaktere kratzten nur an der Oberfläche. Den anderen Charakteren kann ich ja nicht in den Kopf gucken. Genau das wollte ich aber! Viele Leser mögen die Ich-Perspektive, weil sie sich dann so gut mit dem Charakter identifizieren können. Da stimme ich absolut zu, weil das in der Ich-Perspektive oft leichter ist. Aber ich wollte bei den anderen, für die Geschichte genauso wichtigen Charakteren auch in den Kopf gucken. Ihre tiefsten Ziele, Träume und Ängste offenbaren. Das ging für mich besser mit mehreren POV Charakteren.
  2. Ich hatte mehr Freiraum in der Geschichte. Mit Lea als Protagonistin war ich in der Handlung eher beschränkt und obwohl Band 1 und Band 2 durchaus interessant und spannend waren, waren sie nicht ganz die Geschichte, die ich schreiben wollte. Die neuen Romane haben auch Momente, wo die Charaktere an verschiedenen Orten sind und die Handlung trotzdem fortgeführt wird. Oder es gibt Szenen, in denen Charakter A etwas macht und Charakter B noch nichts von As Handlung weiß und es Konflikte gibt. Das ist jetzt sehr kryptisch ausgedrückt, deswegen veranschauliche ich es noch einmal an einem anderen Beispiel.

Kapitel aus der Ich-Perspektive von Lea

  • Lea beauftragt ihre beste Freundin Amalia, ein Buch aus der Bibliothek zu holen, das für den Plot wichtig ist. Sie wartet darauf, dass Amalia wieder kommt und fragt sich, warum das so lange dauert.

POV-Perspektive Kapitel mit Lea, Amalia, der Antagonistin

  • Lea beauftragt ihre beste Freundin Amalia, ein Buch aus der Bibliothek zu holen, das für den Plot wichtig ist.
  • Amalia ist in der Bibliothek, findet das Buch und wird von jemandem auf den Kopf geschlagen.
  • Die Antagonistin lässt die bewusstlose Amalia in der Bibliothek liegen und schnappt sich das Buch.
  • Lea wartet darauf, dass Amalia wieder kommt und fragt sich, warum das so lange dauert.

Seht ihr den Unterschied? Beide Varianten sind gut, nur finde ich persönlich die zweite interessanter und spannender. Ich schreibe lieber mit mehreren POV Charakteren, weil es mir mehr Spaß macht und ich Gefühle, Handlungen und den Roman an sich aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann, den Plot an verschiedenen Orten voran bringen kann und ich finde, meinen Geschichten damit mehr Tiefe und Vielfalt zu geben. Jeder Charaktere bekommt seinen Freiraum für Handlungen und Gefühle, nicht nur ein Ich-Erzähler. Das wird nicht immer funktionieren, aber momentan ist es das beste.

Und heute?

Rückblickend kann ich sagen: Damals habe ich mich gefunden. Mich als Autorin. Ich weiß jetzt: „Das ist mein Ding!“ Es war toll, in der Ich-Perspektive zu schreiben, aber es war nicht richtig. Rückblickend weiß ich jetzt, dass mehrere POVs das ist, womit ich arbeiten möchte und kann. Immer. Das andere Projekt von November 2013 (an dessen Neuaufarbeitung ich momentan arbeite), habe ich aus mehreren Perspektiven geschrieben. Das Buch, dass ich nach der Trilogie 2017 geschrieben habe, habe ich aus mehreren Perspektiven geschrieben. Und alle Projekte, die ich noch für die Zukunft geplant habe, haben…ihr könnt es euch denken. Egal ob drei, vier oder fünf POV Charaktere. Jeden Roman möchte ich mit mehreren Perspektiven erzählen. Das ist das, was ich liebe.

 

An die Autoren: Musstet ihr schon mal so eine Entscheidung treffen? Wie hättet ihr euch entschieden und könnt ihr mich verstehen?

An die Leser: Welche Perspektive ist euch bei Büchern lieber? Ein (oder mehrere) Ich-Erzähler oder mehrere (also mind. zwei) POV-Charaktere?


2 Gedanken zu “[Schreiben] Neu schreiben vs. Überarbeiten: Eine Perspektiv-Frage

  1. Liebe Yvonne,

    ich liebe solche Berichte vom eigenen Schreibprozess! Solche Entscheidungen passieren ja meist hinter verschlossenen Türen und wenn man dann selbst an einem vergleichbaren Punkt ist, hat man sas Gefühl, man wäre die einzige, der es so geht, aber das ist sicher nicht so.

    Als Leserin hab ich gar keine Lieblingsperspektive. Mir kommt es vielmehr auf die Umsetzung an und darauf, ob die Perspektive gut zu Handlung und Figuren passt.

    Als Schreiberling überlasse ich die Entscheidung gern meinen Charakteren. Ich hab zwar noch nicht herausgefunden, ob es immer sie beste Entscheidung ist, aber wenn ich eine Idee hab, weiß ich meist auch direkt, aus welcher Perspektive oder welchen Perspektiven ich sie erzählen will. Das kann dann die Ich-Perspektive sein wie bei meiner Trilogie (auch wenn ich erst in Teil 3 verstanden hab, wie gut gewählt die Perspektive war, weil ich in die Erinnerungen meines Protagonisten eintauchen musste, um bestimmte Dinge zu verstehen) oder es können mehrere POVs sein, wie in meinem aktuellen Projekt.

    Eienn Perspektivwechsel mitten im Projekt, wie du es beschreibst, hatte ich daher noch nicht. Komplette Pläne und bisherige Ergebnisse umschmeißen kann ich trotzdem *lach* Mein aktuelles Projekt hatte ich schon 2x geplottet und auch immer wieder schon angefangen zu schreiben. Jedes Mal war die Motivation nach kurzer Zeit weg. Heute weiß ich, dass das Projekt bzw vor allem das Worldbuilding und der Grundkonflikt beide Male einfach noch nicht richtig war. Aktuell plotte ich zum 3. Mal und dieses Mal geht alles urgendwie flüssiger, wirklich als sollte es so sein.

    Manchmal scheint es mir, als wüssten unsere Ideen teilweise noch vor uns, wie sie am besten umgesetzt werden wollen…

    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sarah,
      vielen Dank! Ich finde es auch so schwierig, dass so zu beschreiben, dass andere, die selbst nicht schreiben oder in der Situation waren, das nachvollziehen können. 🙂
      Das stimmt. Bei meinem neusten Projekt war mir auch ziemlich schnell klar, wer die Hauptperson ist und aus welchen Perspektiven ich die Geschichte erzählen möchte/muss.
      Oh, das klingt toll! Finde ich auch eine echt klasse Erkenntnis. So diese Bestätigung, dass was du da am Anfang entschieden und gemacht hast, war wirklich das Beste und richtig so für die Trilogie. Schön 🙂
      Das freut mich sehr! Mancha Projekte brauchen vielleicht einfach Zeit oder eben wie da, mehrere Anläufe. Mein aktuelles Projekt habe ich auch 2013 schon mal geplottet und geschrieben gehabt, aber das war nicht gut und jetzt mache ich alles noch mal neu. Jetzt funktioniert es viel besser. Ich wünsche dir für dein jetziges Projekt alles Gute und das es so schön flüssig bleibt, zumindest meistens 🙂
      Der Satz ist super schön, den muss ich mir merken! Und damit hast du auch recht. Viel passiert auch in Retroperspektive und man weiß erst nach etwas Zeit, was es mit dem Projekt auf sich hatte, was nicht funktioniert hat oder eben doch und manche Ideen müssen reifen. 🙂
      Liebe Grüße,
      Yvonne

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