[Rezension] Wie man die Zeit anhält von Matt Haig

Ich habe das letzte Buch von Matt Haig geliebt! Wirklich. Dementsprechend hatte ich gehofft, dieses Buch auch zu mögen. Aber das war leider nicht der Fall und ich werde erklären, warum.

Das Buch ist mit 384 Seiten beim dtv Verlag erschienen und darum geht es:

Wenn Liebe die Zeit besiegt. Keiner lehrt Geschichte so lebendig wie er ‒ und das hat einen guten Grund: Tom Hazard, Geschichtslehrer und verschrobener Einzelgänger, sieht aus wie 40, ist aber in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er hat die Elisabethanische Ära in England, die Expeditionen von Captain Cook in der Südsee, die Literaten und Jazzmusiker der Roaring Twenties in Paris erlebt und alle acht Jahre eine neue Identität angenommen. Eines war er über die Jahrhunderte hinweg immer: einsam. Denn die Nähe zu anderen Menschen wäre höchst gefährlich gewesen. Jetzt aber tritt Camille in sein Leben. Und damit verändert sich alles. (Klappentext von dtv.de)

Die Charaktere

Mein erstes, wenn auch nicht größtes Problem beim Lesen beginnt sogleich mit den Charakteren.

Zum einen ist da der Hauptcharakter Tom, der schon 400 Jahre lang lebt und deswegen sehr interessant ist. Zum anderen ist da Hendrich, der sein Schicksal teilt. Von ihm hätte ich sehr gerne mehr gelesen. Mehr Hintergrund, mehr Handlung. Aber dem war leider nicht so. Die anderen Nebencharaktere blieben für mich blass. Gefallen haben mir noch Rose und Grace, die in der Vergangenheit eine große Rolle spielen, zur Zeit von Shakespeare. Es war interessant, von ihnen zu lesen. Aber Tom war mir zu passiv, seine Liebe in der Gegenwart zu unausgereift, sein Plot als Geschichtslehrer nicht mehr als ein Setting, das viel zu selten vorkam. Davon hätte ich gerne mehr gelesen.

Der Plot

Mein größtes Problem war wirklich der Plot oder besser gesagt der nicht vorhandene Plot. Die Grundidee ist nicht neu, sie hat mich auch etwas an die Serie Forever erinnert (tolle Serie!), die auch von einem Mann handelt, der nicht stirbt oder altert und über dementsprechendes Wissen verfügt. Er wird von jemandem bedroht, der genauso ist wie er, er hatte eine große Liebe in der Vergangenheit und er muss in seinem Beruf sein Geheimnis bewahren. Der Unterschied zwischen dieser Serie und dem Buch von Matt Haig: Ersteres ist nicht nur interessant, sondern auch spannend. Warum ich das Buch nicht spannend fand, liegt an drei Aspekten:

  • Die Wechsel pro Kapitel

Ich dachte zu Beginn des Buches, das Konzept bestünde in der Gegenwart mit gelegentlichen, passenden Rückblenden zur Vergangenheit. Stattdessen war gefühlt über die Hälfte des Buches (ich habe die Seiten nicht gezählt) in der Vergangenheit und das ist nicht immer so super sinnvoll. Zum einen hat es mich rausgerissen, zum zweiten habe ich so den Bezug zur jeweiligen Zeit verloren und zum dritten zogen sich manche Passagen sehr in die Länge. Es ist toll, dass der Hauptcharakter natürlich alle möglichen bekannten Persönlichkeiten getroffen hat, aber muss jede Begegnung ins Detail beschrieben werden? Ich sage Nein. Es wirkte auf mich teilweise eher wie Füllmaterial. Und wie soll ich mit „Gegenwarts-Tom“ mit fiebern, wenn wir ständig wieder zum „Vergangenheits-Tom“ springen und die Gegenwart nicht voran kommt?

  • Der Hauptplot

Das Problem hierbei ist die Frage: Was war der Hauptplot? Das sich Tom in eine Frau verliebt? Das er darüber nachdenkt, wie schwer er es als so lang lebender Mensch hat? Das unausgereifte, blasse „Bösewichte“ gegen ihn sind? Das er jemanden sucht? Oder die Nacherzählung seiner großen Liebe in der Vergangenheit? Sein Job als Geschichtslehrer? Es war von allem etwas, von keinem so richtig. Ich hatte das Gefühl, keine der Haupt oder Nebenplots kommt wirklich voran. Die Geschichte dümpelt so vor sich hin. Die Liebesgeschichte war für mich blass, weil der weibliche Charakter blass war. Mit dem Konzept hätte Matt Haig eine spannende Geschichte schreiben können mit Tom als Lehrer, der sich verliebt und gleichzeitig sein Geheimnis behüten muss. Das hat er aber nicht, weil es so eine Geschichte nicht ist. Hier und da wird mal ein Satz eingestreut, wenn Tom aufpassen muss, sich nicht zu verraten, aber das reichte mir nicht. Der Hauptplot war mehr ein Nebenplot als Rahmen für die Gedanken zum Thema Zeit und Rückblenden zur Vergangenheit.

  • Die Charaktere

Das habe ich oben schon erwähnt, deswegen hier nur kurz. Ich konnte mit Tom nicht richtig mitfiebern, weil er nicht wirklich viel macht. Aktive Charaktere finde ich wichtig und Tom passiert die Handlung, er reagiert anstatt zu agieren.

Der Schreibstil

Und das ist der Punkt, der mich dazu gebracht hat, das Buch nicht abzubrechen. Wie auch schon in seinem letzten Buch mag ich Matt Haigs Schreibstil einfach sehr gerne. Er weiß, wie er Gefühle rüberbringen kann, er geht in die Tiefe. Gleichzeitig hat er einiges an Gesellschaftskritik (Internet, Menschlichkeit, Handys, Zeit) einfließen lassen, ohne wie ein Moralapostel zu wirken. Außerdem hat er die jeweiligen Zeiten gut vermittelt, indem er nicht nur auf bekanntes wie die Sitzordnung im Globe Theater zu Shakespeares Zeit eingegangen ist, sondern auch auf Gerüche, Kleidung, Sozialer Stand und Ortschaften. Einmal musste ich vor Rührung sogar schlucken.

Fazit

Es ist ein interessante Buch mit vielen schönen Zitaten und Aspekten. Aber das reicht für mich für ein fast 400 Seiten langes Buch nicht aus, wenn weder Charaktere noch Plot richtig überzeugen können.

Lieblingszitat

„Aber Ale ist die bessere Lektion fürs Leben. Wartest du zu lang, musst du Lebwohl sagen, bevor du noch guten Tag sagen konntest.“ (S. 191)


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