[Schreiben] Wie das Schreiben mein Lesen verändert hat

Ich schreibe Romane, seit ich schreiben kann. 2011 habe ich ernsthaft angefangen, mich mit dem Schreiben von Romanen schreiben auseinanderzusetzen und endlich mal ein Buch fertig zu schreiben. 2012 habe ich das auch dann endlich geschafft und in den letzten 6 Jahren habe ich nicht nur 7 Bücher geschrieben und mein Schreiben verändert, verbessert und meinen Weg gefunden. Das Schreiben hat auch mein Lesen beeinflusst. Der Prozess kam schleichend, aber heute kann ich (für mich) sagen: Autoren lesen anders.

Was lese ich und inwiefern lese ich anders?

Zum einen hat sich das was verändert. Bevor ich angefangen habe zu schreibe, habe ich zwar auch größtenteils Fantasy/Jugendromane, ab und zu einen Thriller gelesen, aber prinzipiell habe ich eigentlich alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte. Mittlerweile ist das anders, weil ich mehr selektiere. Schon vor dem Lesen treffe ich eine Vorauswahl. Will ich dieses Buch jetzt wirklich lesen? Ernst wenn Klappentext, Leseprobe und Cover passen, fange ich an zu lesen. Ich habe vor dem Schreiben etwas willkürlich gelesen, nach dem Motto „Buch ist Buch.“

Zum anderen hat sich das Wie geändert, weil ich mich manchmal fühle wie ein Magier, der die Show eines anderen Magiers besucht. Ich weiß, wie die Tricks funktionieren, ich habe hinter den Vorhang geschaut und sitze im Publikum. Seit ich selbst schreibe, denke ich öfters an das Handwerk hinter dem Text. In guten wie in schlechten Aspekten. Mein Kopf ist ein permantes Gedankenkarrusell, was der Autor da mit den Charakteren macht, wie er das macht, warum die Charaktere so handeln, wie bewundernswert oder schlecht die Dialoge sind, dass der Autor jetzt show dont tell anwendet oder bestimmte Sachen macht, um den Leser auf Fährten zu locken oder bestimmte Gefühle hervorzurufen. Habt ihr mal überlegt, wie glatt eigentlich Harry Potter ist? Als Hauptfigur sollen sich schließlich möglichst viele Leser in ihn einfühlen können, deshalb sind seine Stärken (wie Mut) eher unspezifisch. Hermine als Bücherwurm wäre für die Leser nicht als Identifikationsfigur und Hauptperson geeignet, die nicht oder ungerne lesen. Wisst ihr, was ich meine?

Was ist daran negativ?

Manchmal wünsche ich mich an die Zeit vor 2011/2012 zurück. Als ich Bücher noch viel leichter genießen konnte, als meine Ansprüche kleiner waren und ich einfach nur las. Lesen, rein um des Genießens wegens, ohne Hintergedanken. Das ist natürlich bei jedem Buch anders, aber wenn ich beim Lesen denke „Aha, Charakter X wurde so und so erwähnt, bestimmt wird bald Y passieren“ und dann passiert Y, dann stellt sich die Frage: Wo bleibt da der Spaß? Die Vorfreude auf die Geschichte?

Was ist daran positiv?

Man kann den oben genannten Gedanken natürlich auch umdrehen. Dadurch, dass ich kritischer lese, fallen mir mehr Probleme in Büchern auf. Ich achte einfach mehr darauf, weil ich mich durch das Schreiben selbst viel mehr mit dem Inhalt und Technik bei Büchern beschäftige. Moralische Probleme bei Charakteren, Logikfehler, Rechtschreibfehler, Plotlöcher, Spannungsbögen, die abfallen…das nehme ich jetzt mehr wahr. Als hätte ich vorher nur grau und schwarz weiß gesehen und jetzt bunt. Dadurch kann ich aber die für mich guten Bücher viel mehr genießen. Ich genieße es, wenn ich ein Buch nicht durchschauen kann, wenn ich den Plot Twist nicht errate, wenn ich lache oder fast weinen kann, obwohl ich theoretisch hinter den Vorhang schaue und weiß, wie der Zauber funktioniert. Durch das kritischere Lesen schätze ich die Bücher, die mir gefallen oder die mich irgendwie beeindrucken können, mehr.

Beeinflusst das mein Leseverhalten?

Die kurze Antwort: Ja. Die lange Antwort: Ja, weil ich kritischer geworden bin. Früher habe ich jedes Buch zu Ende gelesen. Egal wie schlecht es war und egal, wie lang. Weil ich mir zum einen die Hoffnung gemacht habe, dass es noch besser werden könnte und zum anderen, weil ich mir dachte, dass ein jeder Autor bestimmt viel Arbeit in ein Buch stecke und ich das Leser würdigen wolle, indem ich das Buch bis zum Ende lese. Ich hatte es noch nie geschafft, ein Buch fertig zu schreiben und deswegen einen größeren Aspekt vor dem Schreiben an sich. Natürlich habe ich den immer noch und ich möchte die Arbeit, ein Buch zu schreiben, keineswegs verharmlosen (es ist irre viel Arbeit! Viel mehr, als ein Leser je merken/erfahren wird). Aber ich weiß mittlerweile, dass es geht. Wie es geht. Und das es nach dem ersten beendeten Buch auch noch mehr fertige Bücher geben kann. Das Schreiben hat aber auch sehr viel Zeit in Anspruch genommen und in Anbetracht der riesengroßen Zahl an Neuerscheinungen pro Jahr, habe ich mir irgendwann die Frage gestellt: warum eigentlich? Die x Tage, die du jetzt das für dich schlechte Buch liest, könntest du auch schreiben oder ein besseres Buch lesen. Also habe ich angefangen, Bücher, die mich nicht begeistern haben, abzubrechen. Zunächst hatte ich noch ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil es mir für die Autoren so leid tat, aber mit jedem abgebrochenen Buch wurde es „einfacher“, ich abgehärter und kritischer. Heute kann ich Bücher anlesen und nach 2 Sätzen, 1 Absatz, 3 Seiten, 50 oder spätestens 100 Seiten abbrechen und damit leben. Weil ich auch durch das Schreiben viel besser gelernt habe, was ich in Romanen mag und was nicht und kann das mittlerweile sehr schnell einschätzen.

Beeinflusst das meine Leserezeption?

Ich habe erst letztens überlegt, wann ich zuletzt bei einem Buch geweint habe. Nicht nur Schlucken oder einen Kloß im Hals bekommen, feuchte Augen… nein, richtig weinen. Bei Serien mache ich das ständig. Aber Bücher? Ich kann mich nur an den letzten Band von Harry Potter erinnern und wann war das? 2007. Jetzt kann man sich natürlich fragen, was von 2007-2011 war, aber das weiß ich ehrlich gesagt selber nicht. Dennoch habe ich das Gefühl, weniger emotional zu lesen. Wenn ich ein Buch liebe, dann schwärme ich darüber wirklich, aber ich verfalle nicht monatelang in eine Fangirl Ekstase und weine dicke Tränen. Nach ein paar Tagen/Wochen kommt das nächste Buch und dann ist auch wieder gut. Aber ob das Schreiben meine Leserezeption beeinflusst hat, weiß ich nicht.

Was sagen Andere?

Schon 2015 hat sich Tobias Nazemi von buchrevier zu dem Thema Gedanken gemacht, in seinem tollen Artikel mit dem Titel 8 Gründe, warum ich froh bin, kein Schriftsteller zu sein.

„Ich bin zwar keiner, aber ich kann mir vorstellen, als Schriftsteller liest man anders. So wie jeder Tischler beim Betrachten und Berühren eines Möbelstückes die Qualität von Holz und Verarbeitung prüft und bewertet, so tut dies sicherlich auch ein Autor beim Lesen eines Romans. Das hätte ich jetzt anders aufgebaut, die Figur ist noch zu blass, hier hätte ich wörtliche Rede genommen. […]“

Aber auch der bekannte Autor Andreas Eschbach hat dem Thema 2006 einen ganzen Artikel gewidmet, der sehr, sehr interessant ist und aufzeigt, was ein Autor aus beim Lesen lernen kann und wie. Schaut mal hier:

Wie liest man als Schriftsteller?

Fazit

Ich bin froh, dass das Schreiben mein Lesen so verändert hat. Weil ich mittlerweile anders lese, weil ich differenzierter lese und weil es natürlich auch in die andere Richtung geht: Wenn ich Bücher lese, genieße ich nicht nur das Buch selbst, sondern ich kann auch für mein eigenes Schreiben etwas mitzunehmen: Was mir gefällt und was nicht, was ich an Charakteren/Handlungen oder Dialogen gut finde oder nicht und so ist jedes Buch auch ein Lernobjekt fürs Unterbewusstsein.

 


2 Gedanken zu “[Schreiben] Wie das Schreiben mein Lesen verändert hat

  1. Liebe Yvonne, da ich selbst auch über das Lesen und Schreiben (sowie das Denken) blogge, bin ich auf deinen Blog gestoßen. Diesen Artikel mochte ich besonders gerne. Auch mir ist aufgefallen – schon öfters – dass ich beim Lesen eigentlich nie Tränen verdrücke, was hingegen bei einem Film schon immer wieder passieren kann. Komisch, oder? Auch gefällt mir gut, wie du von einem Magier, der einen Magier beobachtet, redest. Ja, das stimmt. Mit der Zeit lernt man hinter die Mechanismen der Bücher zu blicken. Und dennoch bleibt nach wie vor viel verborgen. Was du mir aber noch lernen musst: Das Weglegen schlechter Bücher. Ich schaffe das einfach NIE. Oder … vielleicht mache ich es einmal im Jahr. Oder einmal in zwei Jahren. Ansonsten quäl ich mich durch weil ich mir denke, dass es jetzt dann irgendwann mal einfach gut werden MUSS … wird es aber dann meist doch nicht 🙂
    Bis bald,
    viele Grüße,
    Philipp

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Philipp,
      das freut mich, Dankeschön! 🙂
      Ich habe zuletzt bei einem Buch geweint und danach überlegt, wann ich davor bei einem Buch geweint habe. Das muss Harry Potter (letzter Band) gewesen sein, aber das ist auch schon 12 Jahre her. Wahnsinn, wirklich.
      Stimmt, Mechanismen ist das richtige Wort! Wie Theater Schauspieler, die erst im Publikum sitzen und dann hinter die Kulissen blicken oder selbst auf der Bühne stehen 🙂
      Puh. Also seit Bookstagram/Bloggen lege ich Bücher schon seltener weg in dem Sinne, dass ich länger „durchhalte“. Wenn ich das Buch schon gepostet habe etc. kann ich das ja nicht schon nach 4 Seiten abbrechen, lese lieber noch 10 Seiten weiter…Tja. „Früher“ war ich knallhart. Jetzt finde ich aber wieder zu meiner alten Form zurück und habe auch kein Problem damit, ein Buch nach z.B. 1 Seite abzubrechen, wenn mich etwas sehr stört. Dabei denke ich einfach an die ganze Zeit.
      Alleine die Blog Zeit könnte ich ins Schreiben investieren und die Zeit für schlechte Bücher könnte ich stattdessen mit guten Büchern verbringen. Die zeit kriege ich ja nicht wieder. 🙂
      Ganz liebe Grüße,
      Yvonne

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