[Rezension] Vielleicht passiert ein Wunder von Sara Barnard

Wie schön ist es, wenn man von Büchern positiv überrascht wird? Dieses Buch war für mich ein absoluter Spontankauf. Ich hatte zwar schon in meinem Neuerscheinungspost darüber geschrieben, aber eigentlich nicht vor, es JETZT zu lesen. Beim Stöbern in der Buchhandlung nahm ich es dann zur Hand, las nur die erste Seite und zack! Gekauft. Ging gar nicht anders bei dem Schreibstil. Natürlich hatte ich dann trotzdem Angst, dass das nur so eine erste Seite Euphorie ist und mich das Buch später noch enttäuscht. Aber weit gefehlt. Stattdessen hat es sich zu einem Jahres Highlight entwickelt.

Das Buch ist mit 416 Seiten bei Fischer Sauerländer erschienen und darum geht es:

Steffi spricht nicht.
Rhys kann nicht hören.
Doch die beiden verstehen einander auch ohne Worte.

Steffi ist so lange still gewesen, dass sie das Gefühl hat, unsichtbar zu sein. Doch dann kommt Rhys an ihre Schule. Er ist gehörlos und schert sich nicht darum, ob jemand redet oder nicht. Steffi und Rhys finden eine ganz besondere Art, miteinander zu kommunizieren. Schnell brauchen sie nicht mehr als einen Blick, um zu wissen, was der jeweils andere gerade fühlt. Durch Rhys lernt Steffi, dass ihre Stimme etwas wert ist, dass sie gehört werden will, Rhys gibt ihr den Mut, wieder zu sprechen. Und dann passiert … ein Wunder.

Den Englischen Titel finde ich persönlich passender, weil er weniger kitschig klingt: A Quiet Kind of Thunder. Lässt sich nur so eben nicht ins Deutsche übersetzen.

Die Charaktere

Erzählt wird das Buch aus der Ich-Perspektive von Steffi: Sie ist ein 16 jähriges Mädchen mit selektivem Mutismus. Habt ihr davon schon mal gehört? Nein? Ich auch nicht. Das ist eine komplexe Angststörung und genau das hat mir an Steffi auch so gefallen. Zum einen konnte ich ihre Gefühle und Gedanken oft sehr gut nachvollziehen, obwohl ich selbst keine Angststörung habe. Sie denkt sehr viel, sie hat vor vielem Angst und sie spricht nicht. Dadurch hat sie einen ganz eigenen Blick auf die Welt und ihre Menschen. Trotzdem hat sie ihren Humor nicht verloren und obwohl sie manchmal wie ein typischer naiver Teenager handelt, hat sie auch sehr erwachsene Momente. Diese Kombination hat mir gut gefallen und ich mochte sie auf Anhieb.

Die zweite Hauptperson ist Rhys, der nicht hören kann. Er liest dann von den Lippen ab, aber sein Hauptkommunikationsmittel ist die Gebärdensprache. Könnt ihr Gebärdensprache? Das Tolle an diesem Buch ist, dass Sara Barnard nicht nur sagt, was die Charaktere sagen, sondern manchmal auch die jeweiligen Zeichen einbaut. So konnte man sich viel besser vorstellen, welche Bewegungen zu welchen Worten gehören und das hat die Kommunikation noch viel anschaulicher gemacht. Rhys zeigt im Laufe des Buches immer mehr Seiten von sich und gerade auf die Gehörlos vs. Hören und Gebärdensprache Themen wird vertiefter eingegangen, was ich super interessant fand. Es gibt schließlich so viele Aspekte, die eigentlich selbstverständlich sind, die ich aber auch schon mal vergesse. Zum Beispiel mal überlegt, wie Taube im Dunkeln kommunizieren sollen? Wenn Sie die Hände nicht sehen können? Diese Details fand ich sehr spannend und die beiden Charaktere ergänzen sich, obwohl sie auch ihre Probleme haben, die aus ihrem Leben, ihrem Umfeld und natürlich der Kommunikation resultieren. Das fand ich sehr interessant! Keine typischen 0815 Teenager Liebes Probleme, sondern eben individuell für die Geschichte passende Probleme.

Der Plot

Im Grunde genommen ist die Handlung nicht neu. Mädchen trifft Junge. Mädchen und Junge verlieben sich. Es ist nun mal eine Liebesgeschichte. Und normalerweise mag ich die nicht so. Teilweise ist es auch wirklich kitschig. Auf diese zuckersüße Art und Weise. Aber genau das süße fand ich hier überhaupt nicht schlimm! Die süßen Momente waren ein wunderbarer Kontrast zu der doch eher ernsten Thematik der Kommunikation, der Angststörungen von Steffi und Rhys Gehörlosigkeit. Auch mit vorhersehbaren Handlungen/dem Ende hatte ich diesmal kein großes Problem, weil das Gesamtpacket so interessant war. Außerdem wird das Thema Sex in diesem Buch sehr gut behandelt.

Der Schreibstil

Ein absoluter Pluspunkt. Oft herrscht das Vorurteil, ein ernstes Thema braucht einen „höheren“ Schreibstil und Liebesgeschichten oder eher leichtere Geschichten einen lockeren Schreibstil. Diese veraltete E-Literatur vs. U-Literatur Diskussion ist natürlich Quatsch, aber hartnäckig. Umso erfrischender fand ich es hier, dass Sara Barnards Schreibstil sehr witzig, leicht und locker ist. Obwohl die Themen teilweise ernster sind. Das Eine muss das Andere eben nicht ausschließen. Das Lesen hat mir so viel Spaß gemacht wie schon lange nicht mehr und ich habe bis spät in die Nacht gelesen. Für den Lesefluss hilfreich sind formale Einarbeitungen von Internet Chats, die abgesetzt sind oder die Gebärdensprache in fett gedruckt.

Fazit

Ein Jahres Highlight für mich! Sara Barnard hat eine süße Liebesgeschichte geschrieben, die nicht nur locker leicht zu lesen ist, sondern trotzdem noch ernste und wichtige Themen behandelt. Sie greift sehr interessante Aspekte auf, bricht mit Klischees und gibt den Stillen eine Stimme.

Lieblingszitat

Bei diesem Buch eine sehr schwere Kategorie. Ich könnte ein witziges Zitat nehmen, etwas von der süßen Liebesgeschichte, oder etwas Ernsteres. Weil das Cover und der Titel des Buches meiner Meinung nach eher niedlich wirken, nehme ich die letzte Kategorie.

„Ich bin mir sicher, jeder führt innere Monologe, aber bestimmt keine so wortreichen wie ich“. (S. 20)

„Und die Leute lieben Erklärungen. […] Sie sehen sich gerne Dr. House an, weil sie auf eine Lösung bauen können.“ (S. 19)


4 Gedanken zu “[Rezension] Vielleicht passiert ein Wunder von Sara Barnard

  1. Liebe Yvonne,
    das klingt wirklich nach einem richtig schönen und sehr außergewöhnlichen Buch. Die Tatsache, dass die zwei Protagonisten diese „Päckchen“ tragen, bringt frischen Wind in den Liebesroman und macht ihn ganz besonders, finde ich. Zumindest klingt es danach. Ich habe das Buch nämlich noch nicht gelesen 😀
    Aber ich finde einfach, dass solche ungewöhnlichen Themen eine gewöhnliche Handlung ganz schnell aufwerten können ❤
    Alles Liebe,
    Janika

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Janika!
      Ja, ganz genau so habe ich das auch empfunden. Diese „Päckchen“ waren ein sehr interessantes Setting und haben der Liebesgeschichte eine ganz eigene Bedeutung gegeben.
      Damit triffst du den Nagel auf den Kopf 🙂
      Hoffentlich liest du es auch irgendwann. Wäre gespannt auf deine Meinung 🙂
      Liebe Grüße,
      Yvonne

      Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anja!
      Oh, du glaubst ja gar nicht, wie sehr mich dein Kommentar freut. Das ist großartig und ich hoffe, dir wird das Buch auch so gefallen wie mir 🙂
      Liebe Grüße,
      Yvonne

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s