[#booksmakeyoufeelreal] Was Thomas Buddenbrook mit Instagram zu tun hat

Dies ist mein letzter Beitrag zur Aktion von Trude von Literaturpower, aber es heißt ja „Das Beste kommt zum Schluss“, denn Thomas Buddenbrook ist wirklich einer meiner liebsten Charaktere. Der Charakter stammt aus dem gleichnamigen Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, in dem es um den Zerfall eben jener Kaufmanns Familie in Lübeck ab 1835 geht. Das Buch ist 1901 im S. Fischer Verlag erschienen und seit ich es 2012 in der Schule gelesen habe, gehört es zu meinen Lieblingsbüchern. Ich habe für den Artikel mit der 60. Auflage aus dem Jahre 2011 gearbeitet, die 759 Seiten umfasst.

Erst einmal ein kleiner Kontext zu Beginn, aber Vorsicht, Spoiler!:

Wer sind überhaupt die Buddenbrooks?

Die Familie Buddenbrooks besteht aus vier Generationen und führt Geschäfte in Lübeck. Dort steht auch heutzutage noch das Haus und ist mittlerweile ein Museum und Archiv.

Die aktuelle Generation im Roman besteht aus den Brüdern Thomas und Christina Buddenbrook und die Schwester Toni und Clara. Die anderen Charaktere sind Ihre Eltern und Großeltern, sowie später der Sohn von Thomas.

Die Familie geht einher mit der Firma und früher war es noch üblich, dass die Familie viel mehr Einfluss auf das Leben aller hatte. So ist es für Tony auch selbstverständlich, reich und vornehm zu heiraten, weil das nun mal ihre Pflicht ist und so von ihr erwartet wird. Am besten kann man sich diesen Gedanken wohl mit der Metapher „Glieder einer Kette“ vorstellen, die im Buch selbst auch erwähnt wird. (Vgl. S. 146) Das Glück der Firma und Familie im Sinne der gesellschaftlichen Vorstellungen steht über dem eigenen Glück. Wenn wir bei der Metapher bleiben, darf niemand aus der Reihe tanzen.

Wer ist Thomas Buddenbrook?

Schon zu Beginn des Buches, als der junge Thomas erst neun Jahre alt ist, wird er beschrieben als ein „solider und ernster Kopf“ (S. 15) und seine Zukunft steht auch schon fest:

„[…] er muß [sic] Kaufmann werden, darüber besteht kein Zweifel.“ (S. 15)

Thomas ist also seit seiner Geburt zum zukünftigen Inhaber seiner Firma bestimmt und wird als klug und verständig beschrieben. (Vgl. S. 65) Er ist das genaue Gegenteil seines Bruders Christian, was oft genug zu Streit zwischen ihnen führt. Er ist sowas wie der Muster Sohn, denn er macht auch genau das, was von ihm erwartet wird, wie schon mit 16 Jahren:

„Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen Fleiß des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete […]“ (S. 75)

Thomas Buddenbrook

Seine Realität: Schein vs. Sein

Er muss schon früh Verantwortung übernehmen, sich um die Geschäfte kümmern und dabei gilt es immer, eine gewisse Repräsentation gegenüber der Gesellschaft Lübecks zu wahren. Man erwartet von ihm, dass er geschäftlich gesehen funktioniert, dass er klug und fleißig ist, dass die Familie zusammenhält und das er stets angemessen aussieht. Schwäche gibt es nicht und genau das führt im Verlauf des Buch zu dem interessanten Konflikt zwischen Schein und Sein. Zum einen ist da das Verhältnis zu seinem Bruder, dass des Öfteren im Streit endet. Christian ist das genaue Gegenteil von Thomas, hat viel Humor und kaum berufliche Ambitionen. Sie streiten, aber sie reden nicht darüber. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

„Auch Brüder können sich hassen oder verachten; das kommt vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht davon. Man vertuscht es. Man braucht nicht davon zu wissen.“ (S. 273)

Aber das Bild nach Außen zählt eben am meisten:

„Sind wir Buddenbrooks Leute, die nach außen hin ‚tip-top‘ sein wollen […] und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen hinunterwürgen?“ (S. 385)

Neben dem Konflikt mit dem Bruder ist da zum zweiten auch der körperliche Verfall, der den ehrgeizigen Thomas im Laufe der Jahre immer mehr befällt. Die Zähne werden schlechter, die Haut blasser. Wenn es um die körperliche Schwäche geht, wird der Konflikt zwischen Schein vs. Sein am meisten deutlich:

„Er war so gewöhnt daran, Sorge und Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen, daß [sic.] beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines ganz kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.“ (S. 558)

Er ist sein ganzes Leben lang schon so auf ein bestimmtes Verhalten und Auftreten getrimmt, an diese Erwartungen gewöhnt, dass er auch im späteren Alter eine Art Selbstverständlichkeit an den Tag gelegt hat und diese Maske aufsetzt. Ist das nicht faszinierend? Mit 48 Jahren ist Thomas Buddenbrook dann schon gesundheitlich so fertig, dass der Leser seinen Tod genauso erwartet wie der Charakter selbst.

Und was hat Thomas Buddenbrook nun mit Instagram zu tun?

Instagram bedeutet für mich zwei Dinge, obwohl ich Instagram wirklich liebe:

  1. Schein vs. Sein
  2. Erwartungen

Schein vs. Sein

Natürlich gibt es genug Accounts, auch unter den Bookstagram Accounts, die sich nichts aus einheitlichen Feeds, Farben oder Dekoration machen. Nicht umsonst gibt es den Hasthtag #fürmehrrealitätaufinstagram. Aber (und da gehöre ich dazu!) einige kümmern sich bei ihren Account Fotos eben doch um eine gewisse Einheitlichkeit oder den gleichen Filter oder wie bei mir eben auch ein ungefähres Farbschema, damit die Bilder zusammenpassen. Das ist auch vollkommen okay so und manchmal wirklich wunderschön, nur eben nicht super real. In der Realität gibt es keine Filter, keine Korrektur Möglichkeit für Schärfe oder Wärme und ich bin für ein Flatlay auch schon auf meinen Schreibstilstuhl gestiegen. Nach dem Motto #doitforthegram. In der Realität lese ich Bücher, schreibe Rezensionen und liebe Blumen, Kerzen, Decken, eben was man auch auf meinen (und ebenso vielen anderen Bildern) sieht. Nur lese ich so ja nicht.

Neben dem Foto Aspekt hat Instagram manchmal auch nicht den größten Bezug zur Realität, wenn es um die Person hinter dem Account geht. Schein vs. Sein meint für mich, dass es auf Instagram meist nur eine Randnotiz ist, wenn es jemandem schlecht geht. Oder eine Erwähnung in der Insta Story oder Rechtfertigung, weil man sich länger nicht gemeldet hat. (siehe Punkt 2 zu den Erwartungen) Eher selten lese ich wirklich direkt in Posts über die alltäglichen Probleme, Liebeskummer oder Krankheiten. Natürlich will und sollte man wohl nicht alles ins Internet posaunen, aber trotzdem überwiegen auf Instagram eben die positiven die Nachrichten. Die „Ich war krank, ABER jetzt ist wieder alles super!“ Posts. Genau wie im Realen Leben auf die Frage „Wie geht’s dir?“ meist pasuchal mit „gut“ geantwortet ist, ist Instagram oft eine Art Highlight Film: Was habe ich gemacht, gesehen und überhaupt, was alles so toll ist. Vielleicht noch ein Selfie mit Filter.

Das ist nicht schlimm, aber Instagram ist eben ein visuelles Medium und nicht nur bei den ganzen Influencern oder Models, auch bei Bookstagramern liebe ich reale Eindrücke Hinter den Kulissen oder Bilder ohne Filter zum Vergleich. Denn wie oft ist der große Bücherstapel schon umgefallen, bis das Foto endlich geklappt hat und wie viele Fotos waren nötig, bis man beim Buchselfie das Cover richtig in die Kamera gehalten hat? Hier empfehle ich auf alle Fälle Bronte, weil Sie nicht nur wunderschöne, fantastische Buch Fotos macht (zusammen mit ihrer Mutter), sondern eben auch in ihrer Insta Story das Sein des Scheins zeigt: Wenn auf dem Foto noch die Socken der Mutter sind, wenn das Buch umgefallen ist oder was sie mit Photoshop wegretuschieren musste.

Erwartungen

Ja, Instagram birgt auch Erwartungen. Unzählige Male höre und lese ich von anderen Leuten: „Entschuldigt, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe….*Erklärung oder Grund*“ Warum entschuldigen? Seltener sind es 4 Wochen, am meisten wirklich 2 Tage, maximal 3 Tage. Warum haben so viele Leute das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, wenn Sie 2 oder 3 Tage nicht online waren? Wenn sie 2 oder 3 Tage nicht gepostet haben, was sie essen oder lesen? Den Lesestatus kann man nachholen.

Die zweite Erwartung trifft mich persönlich und ist daher mein eigenes Problem. Im Gegensatz zum ersten Erwartungspunkt, den ich wirklich häufig bei meinen Abonnenten gesehen habe, weiß ich nicht, ob das jemand nachvollziehen kann. Aber ich habe das Gefühl, Instagram stellt die Erwartung, immer etwas interessantes oder spannendes posten zu müssen. Natürlich gibt es generell kein Muss. Aber trotzdem ist diese Erwartungshaltung automatisch da. Ich will aus meinem Tag etwas posten, aber manchmal mache ich gar nichts spannendes. Manchmal lese ich nur den ganzen Tag oder gehe einkaufen, koche Essen, arbeite und mache den Haushalt. Dann wird halt nichts gepostet. Aber irgendwie will man ja interessant sein und zeigen „Guckt her, ich bin nicht langweilig!“ Das ist schwer zuzugeben für mich, aber auch wichtig. Denn diese Erwartungshaltung ist falsch. Wer sagt, was interessant ist und was nicht? Vielleicht finden manche interessant, wer jetzt ein Eis ist, welche Serie man schaut oder wie der Sonnenuntergang aussah. Das eigene Leben ist manchmal für einen selbst am uninteressantesten und wenn man erst einmal mit anderen redet, merkt man, dass manches doch viel interessanter ist.

Bei der Frage von Trude zu „Wie real ist Instagram?“ musste ich zuerst an Schein vs. Sein denken und dann natürlich an Thomas Buddenbrook, weil er für mich wirklich das literarische Paradebeispiel ist, wenn es um das Thema geht. Thomas Buddenbrook muss einen bestimmten Charakter nach außen hin verkörpern, obwohl er im Laufe der Jahre körperlich und geistig immer mehr verkommt. Es hat all diese Erwartungen von seiner Familie und der Stadt Lübeck, alleine schon der Name Buddenbrook birgt so viele Erwartungen an ihn, an seine Taten, seine Familie, sein Haus. Und diesen Erwartungen versucht er sein Leben lang gerecht zu werden, bis er zerfällt. Bis die Familie Buddenbrooks verfällt und die Firma zugrunde geht, weil Thomas seinen Sohn Hanno als schwach ansieht und ihn nicht zum Erben der Firma macht.

Fazit

Auch über 100 Jahre nach Erscheinen des Buches, hat die Familiengeschichte nicht ihren Reiz verloren. Meiner Meinung nach sind Die Buddenbrooks der Klassiker der Jahrhundertromane, der unzähligen Familienromane und ein absolutes Highlight der Literatur. Ich liebe diese Geschichte und obwohl dieses Thema vielleicht weit hergeholt ist, finde ich doch, dass es zeigt, wie universell Thomas Manns Buch ist. Die Aspekte seines Romans, der Konflikt von Schein vs. Sein, die Erwartungen an Thomas Buddenbroos… das gibt es auf gewisse Weise auch heutzutage im digitalen Zeitalter und das beweist nur, dass Thomas Mann wirklich einen zeitlosen Roman geschrieben hat, der auch noch in vielen, vielen Jahren relevant sein wird. Der Buddenbrooks Roman ist aber noch so viel mehr als Thomas. Er ist auch die Geschichte von Tony, Christian, Hanno, der Familie und Firma, der Stadt Lübeck, Liebe und Freundschaft, Zeit und Gesellschaft, Tod und eine kleine Biografie als Anlehung an das eigene Leben von Thomas Mann.


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